Streich mit der Hand über ein Stück Samt, erst in die eine Richtung, dann in die andere. Einmal gleitet sie über eine glatte, schimmernde Fläche. Einmal fühlt sich der Stoff rau an, und die Farbe wirkt dunkler. Es ist derselbe Stoff und dieselbe Hand. Den Unterschied macht die Richtung, in der die feinen Fasern liegen: der Strich.
Der 29. Hochzeitstag heißt Samthochzeit. Wer ihn 2026 feiert, ist seit 1997 verheiratet und weiß vermutlich, dass es mit Berührungen ähnlich ist wie mit Samt. Dieselbe Hand auf der Schulter kann an einem Abend trösten und am nächsten stören.
Zur Samthochzeit passt deshalb ein Thema, das im Alltag einer langen Ehe leicht untergeht: Zärtlichkeit. Was weiß die Forschung darüber, was Umarmungen, Händchenhalten und Streicheln in langen Ehen bewirken? Die Antwort fällt vorsichtiger aus als die Versprechen vom Kuschelhormon, ermutigend ist sie trotzdem. Vorher geht es um den Namen und um den Stoff, danach um die Frage, was ihr schenken könnt.
Wie heißt der 29. Hochzeitstag?
Der 29. Hochzeitstag heißt Samthochzeit, daran gibt es wenig Zweifel. Die deutschsprachige Wikipedia führt den Namen in ihrer Liste der Hochzeitstage. Sie stützt sich dabei, wie bei den meisten Einträgen, auf die Sammlung „Hochzeitstagenamen“, die 1992 in „Der Sprachdienst“ erschien, der Zeitschrift der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Den Aufsatz selbst konnten wir nicht einsehen, nur kurze, maschinell erkannte Textausschnitte der digitalisierten Zeitschrift, und die können Lesefehler enthalten. Darin steht die Samthochzeit offenbar mit dem Kürzel für Frankreich. Dazu passt, dass der 29. Hochzeitstag in französischen Listen „noces de velours“ heißt, also Samthochzeit, so etwa in der französischsprachigen Wikipedia. Die Ausschnitte der Sammlung nennen für das 29. Jahr außerdem eine Ebenholzhochzeit, mit dem Kürzel für das Bersenbrücker Land in Niedersachsen. Auch einzelne Ratgeber- und Geschenkseiten führen sie beim 29. Jahr, andere Listen erst beim 78.
Manche Listen überspringen das Jahr ganz. Die Übersicht auf dem österreichischen Serviceportal oesterreich.gv.at und die klassische Liste des Emily Post Institute in den USA springen beide von 25 direkt zu 30 Jahren. Einen verbindlichen Standard für die Namen gibt es ohnehin nicht.
Gezählt wird in der Regel ab der standesamtlichen Trauung, denn nur sie schließt in Deutschland die Ehe. Die Nachbarjahre im Überblick:
| Ehejahre | Name |
|---|---|
| 25 | Silberhochzeit |
| 26 | Jadehochzeit, auch Eichenhochzeit |
| 27 | Jutehochzeit, im Netz meist Mahagonihochzeit |
| 28 | im Netz meist Nelkenhochzeit, Herkunft unklar |
| 29 | Samthochzeit, regional auch Ebenholzhochzeit |
| 30 | Perlenhochzeit, auch Landsknecht- oder Moppenhochzeit |
Für das 28. Jahr führt die Wikipedia derzeit keinen Namen. Die ganze Reihe steht in unserer Übersicht der Hochzeitstage und ihrer Bedeutung.
Geheiratet 1997
1997 wurden in Deutschland rund 423.000 Ehen geschlossen (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, BiB), 2025 waren es 348.800, so wenige wie nie seit 1950 (Destatis). Ledige Frauen waren 1997 bei der Hochzeit im Schnitt 27,8 Jahre alt, ledige Männer 30,3 (BiB). Wer in diesem Alter geheiratet hat, ist heute knapp 57 beziehungsweise gut 59. Das ist eine Rechnung mit Durchschnittswerten, kein Porträt der Paare, die jetzt feiern.
Oft sind die Kinder aus dem Haus oder auf dem Sprung, darum geht es in den Artikeln zur Türkishochzeit und zur Perlenhochzeit. Manche Paare werden Großeltern, andere kümmern sich um alt werdende Eltern, nicht selten beides zugleich, wie im Artikel zur Leinenhochzeit und zur Sandwich-Generation beschrieben.
Auch rechtlich war 1997 ein Einschnitt. Bis dahin kannte das Strafgesetzbuch Vergewaltigung nur außerhalb der Ehe. Am 15. Mai 1997 beschloss der Bundestag die Änderung (Bundeszentrale für politische Bildung), seit Juli 1997 ist Vergewaltigung auch in der Ehe strafbar (Wissenschaftliche Dienste des Bundestages).
Was ist Samt?
Samt ist ein Gewebe mit kurzem, dichtem Flor, also mit aufrecht stehenden Fasern auf einem Grundgewebe. Der Duden beschreibt die Oberfläche als seidig-weich und wie Pelz beschaffen. Heute ist Samt meist aus Baumwolle, ursprünglich war er aus Seide.
Wie der Flor entsteht
Samt im engeren Sinn hat zwei Ketten, eine für das Grundgewebe und eine nur für den Flor. Die Florkette braucht etwa sechsmal so viel Garn wie die Kettfäden des Grundgewebes, erklärt das Textile Research Centre in Leiden. Nach zwei bis vier Schussfäden werden die Florfäden angehoben, und statt eines Schussfadens wird ein Metallstab eingelegt, meist etwa zwei Millimeter dick. Über ihm bilden die Florfäden Schlaufen, seine Dicke bestimmt die Höhe des Flors. Soll der Flor geschnitten werden, hat der Stab eine Rille, in der ein Messer die Schlaufen aufschneidet. Erst so entsteht die glatte, glänzende Oberfläche, ungeschnittene Schlaufen wirken stumpfer.
Beim Doppelsamt entstehen zwei Bahnen auf einmal: Zwei Stoffe werden übereinander gewebt, die Florfäden wandern zwischen ihnen hin und her und werden auf dem Webstuhl mittendurch geschnitten. Liegt der Flor nicht in der Kette, sondern im Schuss, entstehen Verwandte wie Cord, den man in Österreich laut Duden Schnürlsamt nennt.
Ein Wort aus Byzanz
Das Wort meinte ursprünglich einen anderen Stoff als den, den wir heute so nennen. Laut dem Etymologischen Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer im DWDS geht Samt über mittelhochdeutsch samīt und altfranzösisch samit auf das griechische hexámitos zurück: aus sechs Fäden gewebt, sechsfädig. Gemeint war ein schwerer Seidenstoff, wohl aus Byzanz, der durch die Kreuzzüge nach Westeuropa gelangte. Die Stoffart, die wir heute Samt nennen, stammt dem DWDS zufolge möglicherweise aus Italien. Dass die Florkette rund sechsmal so viel Garn verschlingt, hat mit dem sechsfädigen Seidenstoff übrigens nichts zu tun. Ein hübscher Zufall ist es trotzdem.
Luxus aus Italien
Wo Samt im heutigen Sinn erfunden wurde, ist unklar. Eine der frühesten europäischen Erwähnungen stammt laut dem Textile Research Centre von 1311: Papst Clemens V. besaß zwei Bahnen roten Samt aus Lucca. Nach einer Krise und der Pest von 1348 zogen viele Weber aus der toskanischen Seidenstadt nach Venedig, Florenz, Genua und Mailand.
Venedig, Florenz und Genua gelten als die wichtigsten italienischen Zentren für hochwertigen Samt, schreibt das Metropolitan Museum of Art in New York. In der Renaissance zählten Stoffe aus Seide und Edelmetallfäden zu den wertvollsten Besitztümern von Privatleuten und Kirche. Geschnittener Seidensamt hat dem Museum zufolge einen besonderen Glanz und eine besondere Farbtiefe, und sein Aussehen ändert sich, je nachdem, wie das Licht auf ihn fällt. Verbreiteter und weniger exklusiv wurde Samt erst mit der Industrialisierung.
Krefeld, Stadt wie Samt und Seide
In Deutschland ist Samt vor allem mit Krefeld verbunden. „Stadt wie Samt und Seide“ nennt sich Krefeld in der eigenen Werbung, schreibt das Kulturportal KuLaDig des Landschaftsverbands Rheinland. Friedrich von der Leyen aus einer mennonitischen Kaufmannsfamilie begann 1721 mit seinem Halbbruder, Seidenbänder und Samtwaren herzustellen. 1788 arbeiteten rund 4.000 Menschen in Krefeld und den Dörfern ringsum für die Seidenmanufaktur der Familie, die damals die reichste Fabrikanten- und Kaufmannsfamilie im Rheinland war (Neue Deutsche Biographie). Eine ehemalige Samtweberei aus der Zeit um 1880 ist heute ein Wohn- und Gewerbeprojekt, das den Namen Samtweberei weiterträgt.
Was bedeutet die Samthochzeit?
Eine überlieferte Bedeutung haben wir nicht gefunden. Auf Ratgeberseiten heißt es meist, Samt sei weich und edel und zugleich strapazierfähig, so wie eine Ehe nach 29 Jahren. Eine Quelle für diese Deutung haben wir dort nicht gefunden. Helmut Walther von der GfdS merkte laut Wikipedia allgemein an, bei der Namensgebung vieler Jahrestage seien Geschäftsinteressen vor allem des Blumen- und des Schmuckhandels nicht zu übersehen. In den USA hat laut Emily Post Institute 1937 ein Verband der Juweliere den größten Teil der dortigen Liste ergänzt.
Mit dem Strich, gegen den Strich
Was Samt besonders macht, steckt in der Richtung des Flors. Mit dem Strich gestrichen fühlt er sich glatt an, gegen den Strich rau. In der einen Richtung wirkt die Farbe dunkler und satter, in der anderen heller und glänzender. Ein Nähratgeber der University of Idaho von 1961 rät deshalb, alle Schnittteile in dieselbe Richtung zuzuschneiden, sonst wirken benachbarte Teile wie zwei verschiedene Farbtöne. Er vergleicht das mit einer Katze: Mit dem Strich gestreichelt ist sie zufrieden, gegen den Strich wird ihr unbehaglich.
Dass einem etwas gegen den Strich geht, sagt man laut DWDS seit dem 18. Jahrhundert. Gemeint ist die natürliche Richtung von Haaren, Fäden oder Fasern, eine reine Samt-Redewendung ist es also nicht. Samt gehört aber zur Familie: Der Duden nennt beim Strich Haare, Fell und Samt in einem Atemzug. Eindeutig vom Samt kommt dagegen, jemanden mit Samthandschuhen anzufassen, also vorsichtig zu behandeln. Und wer in Samt und Seide geht, trägt laut DWDS die kostbarsten Sachen.
Drei Bilder für 29 Ehejahre
Aus der Materialkunde leiten wir drei Bilder ab. Überliefert ist keines davon.
- Der Flor ist das Extra. Das Grundgewebe trägt, der Flor macht den Stoff weich und braucht ein Vielfaches an Garn. Ohne ihn hielte der Stoff trotzdem, nur wäre er kein Samt mehr. So ähnlich ist es mit Zärtlichkeit in einer langen Ehe.
- Es kommt auf die Richtung an. Dieselbe Hand fühlt sich je nach Richtung glatt oder rau an. Auch eine Berührung kann an einem Abend guttun und am nächsten stören.
- Druck macht platt, Wärme richtet auf. Schon der Nähfuß der Nähmaschine könne den Flor plattdrücken, warnt der Ratgeber aus Idaho. Gebügelt wird nur mit Dampf und ohne Druck, regelmäßiges Dämpfen belebe den Flor. Für Nähe gilt Ähnliches: Erwartungsdruck drückt sie platt, Wärme ohne Druck richtet sie auf.
Was bewirkt Zärtlichkeit in einer Partnerschaft?
Dass Umarmungen guttun, halten die meisten für selbstverständlich. Wie Berührung in den Beziehungen Erwachsener wirkt, ist trotzdem wenig erforscht, schrieben Brett Jakubiak und Brooke Feeney von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh 2017 in einem Übersichtsartikel (Jakubiak & Feeney, 2017). Ihr Modell: Wer eine Berührung als Zeichen echter Zuneigung versteht, fühlt sich sicher, umsorgt und verbunden, und das könnte Stress abfedern und das Wohlbefinden stärken. In einer angespannten Beziehung könne dieselbe Berührung dagegen als kontrollierend oder herablassend ankommen. Ein Modell ist eine begründete Vermutung. Die meisten Studien prüfen nur, ob Zärtlichkeit und Wohlbefinden zusammen auftreten.
Die Tagebuchstudie aus der Schweiz
Am nächsten am Alltag ist eine Studie von Anik Debrot, Dominik Schoebi und Meinrad Perrez von der Universität Freiburg in der Schweiz und Andrea Horn von der Universität Zürich (Debrot und Kollegen, 2013). 102 Paare beantworteten eine Woche lang viermal am Tag auf einem Taschencomputer Fragen, jeder für sich: wie sie sich fühlten, ob sie sich dem anderen nah, sicher, umsorgt und verstanden fühlten, und ob sie den Partner seit der letzten Abfrage umarmt, gestreichelt oder seine Nähe gesucht hatten, als Reaktion auf seine Stimmung.
- Wer berührt wurde, fühlte sich besser. Hatte ein Partner angegeben, den anderen so berührt zu haben, berichtete der andere zur selben Zeit eine bessere Stimmung. Da beide Angaben von verschiedenen Menschen stammen, lässt sich das nicht damit erklären, dass einer alles rosig sieht.
- Ein Teil davon lief über Nähe. Die Berührten fühlten sich dem anderen näher, und das hing mit besserer Stimmung zusammen. Ein Zusammenhang blieb aber auch ohne diesen Umweg.
- Auch wer berührte, war besser gestimmt. Hier stammen allerdings beide Angaben von derselben Person.
- Ein kleiner Nachklang. Wer in der Woche öfter berührt worden war, berichtete ein halbes Jahr später ein etwas höheres psychisches Wohlbefinden. Möglicherweise bremse Berührung eher einen Rückgang, vermuten die Autoren.
Die Grenzen: Die Paare waren im Schnitt Mitte zwanzig, unverheiratet, seit rund drei Jahren zusammen und sehr zufrieden, mehr als die Hälfte studierte. Die Daten zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen, auch wenn sich in zeitversetzten Auswertungen nicht zeigte, dass gute Laune erst zu mehr Berührung führte. Bemerkenswert ist ein Detail: Anders als die unauffällige Hilfe aus dem Artikel zur Orchideenhochzeit ist eine Berührung kaum zu übersehen, und trotzdem hing sie mit besserer Stimmung zusammen.
Zärtlichkeit heute, bessere Laune morgen?
Ein Team um Mary Burleson von der Arizona State University ließ 58 Frauen, im Schnitt knapp 48 Jahre alt, 36 Wochen lang jeden Morgen Zärtlichkeit und Sex mit dem Partner notieren, dazu Stress und Stimmung (Burleson, Trevathan & Todd, 2007, ausgewertet: Zusammenfassung). Auf Tage mit Zärtlichkeit oder Sex mit dem Partner folgten Tage mit besserer Stimmung und weniger Stress, und auf gute Laune folgte umgekehrt eher Zärtlichkeit. Das Team sieht darin einen Kreislauf in beide Richtungen. Auch das sind allerdings Beobachtungsdaten, kein Experiment, und die Stichprobe aus 58 Frauen war klein.
Was ein Experiment zeigt
Ob Berührung selbst etwas bewirkt, lässt sich nur im Experiment prüfen. Beate Ditzen und Kollegen von der Universität Zürich teilten 67 Frauen zwischen 20 und 37, die seit mindestens einem Jahr mit ihrem Partner verheiratet waren oder zusammenlebten, per Zufall in drei Gruppen ein (Ditzen und Kollegen, 2007, ausgewertet: Zusammenfassung). Vor einem standardisierten Stresstest im Labor bekamen sie zehn Minuten lang eine Nacken- und Schultermassage vom Partner, ermutigende Worte von ihm oder keinen Kontakt.
Nach der Massage stiegen das Stresshormon Cortisol und der Puls weniger stark an als in den anderen Gruppen, Zuspruch allein machte keinen messbaren Unterschied. Beim Oxytocin im Blut, oft Kuschelhormon genannt, unterschieden sich die Gruppen nicht. Die Gruppen waren klein, die Frauen jung. Über Gesundheit oder eine Ehe nach 29 Jahren sagt eine einzelne Stresssituation im Labor nichts.
Wie viel Nähe bleibt nach Jahrzehnten?
Näher an der Samthochzeit liegen Studien mit älteren Paaren, zwei davon ausschließlich mit Daten aus Deutschland.
Ältere Paare im Alltag
Ein Team der Humboldt-Universität zu Berlin befragte 120 Paare zwischen 56 und 88 Jahren, gewonnen über das Sozio-oekonomische Panel, fast alle verheiratet und im Schnitt seit 46,5 Jahren zusammen (Kolodziejczak und Kollegen, 2022). 2018 gaben sie eine Woche lang sechsmal am Tag auf einem Tablet an, wie sehr sie sich seit der letzten Abfrage körperliche Nähe gewünscht hatten, etwa Berührungen, Umarmungen oder Küsse, und wie viel sie erlebt hatten. Dazu kamen Speichelproben, in denen das Team das Stresshormon Cortisol bestimmte.
- Nähe gehört zum Alltag. Bei drei von vier Abfragen gaben die Befragten zumindest etwas erlebte und gewünschte Nähe an, im Schnitt allerdings in der unteren Hälfte der Skala, am meisten abends und morgens. Rund neun von zehn Paaren teilten sich ein Schlafzimmer.
- Mehr Nähe, bessere Stimmung. In Momenten mit mehr Nähe als üblich berichteten Frauen weniger negative, Männer mehr positive Gefühle. Männer, die insgesamt mehr Nähe erlebten, hatten zudem über den Tag niedrigere Cortisolwerte.
- Unerfüllte Wünsche, gedrückte Stimmung. Wer sich mehr Nähe wünschte, berichtete mehr negative Gefühle. Wer sich viel wünschte und wenig erlebte, berichtete weniger positive.
- Verschiedene Blicke. Frauen wünschten sich im Schnitt deutlich weniger Nähe als Männer, und die Angaben beider Partner wichen teils voneinander ab. Nähe liege womöglich im Auge des Betrachters, schreiben die Autoren.
Auch das sind Zusammenhänge, ebenso gut könnte gute Laune Nähe wahrscheinlicher machen. Die Paare führten lange, überwiegend zufriedene Ehen. Dass Nähe bei Frauen und Männern mit verschiedenen Gefühlen zusammenhing, werten die Autoren selbst als vorläufig.
Wem Zärtlichkeit wichtig ist
In der Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE) wurden Menschen der Jahrgänge 1930 bis 1932 aus den Regionen Heidelberg, Leipzig und Rostock zwölf Jahre lang begleitet (Müller und Kollegen, 2014). Mit 74 nannten von 194 Verheirateten 91 Prozent der Männer und 81 Prozent der Frauen Zärtlichkeit ziemlich oder sehr wichtig, etwa Umarmen, Händchenhalten, Kuscheln oder Küssen. Sexualität fanden 61 Prozent der Männer und 27 Prozent der Frauen wichtig. Die Zufriedenheit mit der Beziehung hing mit der Bedeutung von Zärtlichkeit zusammen, nicht mit der von Sexualität. Nach zwölf Jahren nahmen allerdings vor allem die Gesünderen noch teil, und zwei Drittel der Befragten waren Männer.
Näher am Alter der Samthochzeit ist eine Befragung von 1.009 Paaren aus fünf Ländern, darunter 198 aus Deutschland (Heiman und Kollegen, 2011). Die Männer waren im Mittel 55 Jahre alt, die Paare im Mittel seit 25 Jahren zusammen. Gut sechs von zehn Befragten küssten und kuschelten nach eigener Angabe oft. Männer, die das angaben, nannten ihre Beziehung häufiger glücklich, bei Frauen war der Unterschied statistisch nicht abgesichert. Es war eine einmalige Befragung, finanziert von einem Pharmaunternehmen.
Das widerspricht dem Klischee: In diesen Studien legten Männer im Schnitt mehr Wert auf Zärtlichkeit als Frauen. Für ein einzelnes Paar sagen Durchschnitte wenig, sie sind aber ein guter Grund, nicht zu raten, sondern zu fragen.
Was die Studien nicht zeigen
- Zusammenhänge, kaum Ursachen. Fast alle Daten stammen aus Tagebüchern und Befragungen. Das Experiment misst nur eine kurzfristige Stressreaktion.
- Ausgewählte, meist zufriedene Paare. Repräsentativ für Ehen nach 29 Jahren ist keine dieser Stichproben. Die meisten Studien zur Berührung beruhen auf sehr zufriedenen Paaren, kritisiert Brett Jakubiak, inzwischen an der Syracuse University (Jakubiak, 2022). In Daten von 560 Erwachsenen aus den USA zwischen 25 und 76 Jahren, verheiratet oder mit Partner lebend, ging häufigeres Küssen mit weniger Einsamkeit und mehr Lebenszufriedenheit einher, bei Zufriedenen deutlicher als bei Unzufriedenen.
- Keine Gesundheitsversprechen. Ein niedrigerer Cortisolwert belegt nicht, dass Zärtlichkeit gesund hält.
Wie bleibt ihr nach 29 Jahren in Berührung?
Aus den Studien folgt kein Rezept. Die folgenden Anregungen sind unsere Vorschläge, keine Studienergebnisse.
- Kleine Gesten. Eine Hand auf dem Rücken im Vorbeigehen, ein Kuss zur Begrüßung, Händchenhalten beim Spaziergang. In der Schweizer Studie ging es um solche Alltagsmomente, nicht um besondere Anlässe.
- Die Ränder des Tages. Bei den älteren Paaren war die Nähe abends und morgens am größten. Wer wegen Schnarchen oder unruhiger Nächte getrennt schläft, kann trotzdem ein Ritual pflegen, etwa ein paar Minuten nebeneinander, bevor jeder in sein Bett geht.
- Fragen statt raten. „Magst du gerade in den Arm genommen werden?“ klingt nach 29 Jahren ungewohnt, erspart aber Missverständnisse. Wer sich mehr Nähe wünscht, sagt es besser, statt still zu warten.
- Ohne Hintergedanken. Manche meiden Berührungen, weil sie fürchten, der andere könnte mehr erwarten. Sagt einander, dass eine Umarmung einfach eine Umarmung sein darf.
- Wenn Berührung wehtut. Bei Arthrose, Rückenschmerzen, nach einer Operation oder mit einer chronischen Krankheit hilft die Frage: Wo darf ich dich anfassen, und wie fest? Pflegt einer den anderen, lohnt es sich, pflegende und zärtliche Berührung zu trennen. Mehr dazu im Artikel zur Platinhochzeit.
- Unterschiedliche Bedürfnisse. Niemand schuldet dem anderen Berührung, und Druck macht den Flor platt. Verändern Schmerzen, Medikamente oder die Wechseljahre das Bedürfnis nach Nähe oder die Sexualität, ist das ein Thema für die Arztpraxis. Paare beraten unter anderem die Sexual- und Partnerschaftsberatungen von pro familia. Was in einer Paarberatung passiert, beschreibt unser Artikel Eheberatung: Was dich erwartet.
- Nur, wenn sie willkommen ist. Berührung gegen den Willen des anderen ist keine Zärtlichkeit. Wer zu Nähe gedrängt oder gezwungen wird, erreicht das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 116 016 rund um die Uhr, anonym und kostenfrei. Männer erreichen das Hilfetelefon „Gewalt an Männern“ unter 0800 1239900, montags bis donnerstags von 8 bis 20 Uhr, freitags von 8 bis 15 Uhr.
Was schenkt man zum 29. Hochzeitstag?
Einen überlieferten Geschenkbrauch zur Samthochzeit haben wir nicht gefunden. Drei Richtungen, die passen:
Mit Samt. Ein Kissen mit Samtbezug, ein Schal, samtene Hausschuhe oder eine innen mit Samt ausgeschlagene Schmuckschatulle. Schon der Duden nennt als Beispiel ein mit grünem Samt ausgeschlagenes Kästchen. Hinein passt etwas, das an 1997 erinnert. Zur Pflege rät der Ratgeber aus Idaho: dämpfen statt bügeln und mit einer weichen Bürste aufbürsten.
Ein Abend im Theater. Zwei Karten für Theater oder Oper schlägt auch unser Überblick Geschenke zum Hochzeitstag für dieses Jahr vor. Wer mag, sucht sich ein Haus mit Samtsesseln aus.
Zeit für Nähe. Ein Tanzkurs für Paare, ein Kurs in Hand- oder Fußmassage zu zweit, wie ihn manche Volkshochschulen anbieten, oder ein fester Abend pro Woche nur für euch beide, im Kalender eingetragen statt als Gutschein in der Schublade.
Als Gast passt etwas Kleines aus Samt. Erwachsene Kinder können Zeit schenken, etwa einen Abend, an dem sie die Enkel hüten.
Wie gratuliert man zum 29. Hochzeitstag?
Eine Karte oder eine Nachricht reicht. Besonders wird sie durch ein Detail, das nur zu diesem Paar passt, etwa eine Szene von der Hochzeit 1997. Den Namen Samthochzeit kennt nicht jeder, wer ihn verwendet, erklärt ihn in einem Halbsatz. Amtliche Glückwünsche gibt es nicht, der Bundespräsident gratuliert laut seiner Seite zu Jubiläen erst zum 65., 70., 75. und 80. Hochzeitstag.
Ein paar Formulierungen von uns, frei zum Übernehmen:
- „29 Jahre, und ihr wisst immer noch, in welche Richtung der Strich geht. Herzlichen Glückwunsch zur Samthochzeit!“
- „Seit 1997 Hand in Hand. Alles Liebe zum 29. Hochzeitstag!“
- „Zur Samthochzeit: auf eine Liebe, die niemand mehr mit Samthandschuhen anfassen muss, aber immer noch gern mit warmen Händen.“
- „Samt wird schöner, wenn man ihn richtig behandelt. Ihr zwei macht das seit 29 Jahren vor.“
- Für den eigenen Partner: „29 Jahre, und deine Hand auf meiner Schulter ist immer noch mein liebster Stoff.“
Wer es gereimt mag, ein Vers von uns:
Mit dem Strich wird Samt ganz glatt,
gegen ihn wird er rau und matt.
Wie man ihn streicht, habt ihr erfahren:
Glückwunsch nach neunundzwanzig Jahren!
Weglassen solltet ihr Anspielungen auf das Liebesleben des Paares. Weitere Formulierungen sammeln wir in den Glückwünschen zum Hochzeitstag.
Wie feiert man die Samthochzeit?
Feste Bräuche zur Samthochzeit sind uns nicht bekannt. Wer im nächsten Jahr zur Perlenhochzeit größer feiern möchte, hält den 29. vielleicht bewusst klein. Drei Ideen:
- Ein Tanzabend. Tanzen ist Berührung, die keine Erklärung braucht, ob in der Tanzschule oder im Wohnzimmer mit der Musik von 1997.
- Ein Wochenende in Krefeld. Das Deutsche Textilmuseum zeigt keine Dauerausstellung, sondern wechselnde Ausstellungen und ist dazwischen geschlossen. Im Haus der Seidenkultur, einer früheren Paramentenweberei, stehen Jacquard-Handwebstühle, auf denen bis Anfang der 1990er-Jahre Stoffe für kirchliche Textilien gewebt wurden. Öffnungszeiten vorher prüfen.
- Ein Abend auf Samt. Ein Tischläufer aus Samt, Kerzen, ein Essen zu zweit. Holt die Fotos von 1997 heraus und erzählt euch, wann ihr euch zuletzt so richtig nah wart.
Weitere Vorschläge stehen in unseren Ideen zum Hochzeitstag.
Das Wichtigste in Kürze
- Der 29. Hochzeitstag heißt Samthochzeit. So führt ihn die Wikipedia-Liste, gestützt auf die GfdS-Sammlung von 1992. Diese kennt für das 29. Jahr offenbar auch eine regionale Ebenholzhochzeit. Wer 2026 feiert, hat 1997 geheiratet, in einem Jahr mit rund 423.000 Eheschließungen.
- Samt ist ein Florgewebe. Eine eigene Florkette bildet über Metallstäben Schlaufen, die meist aufgeschnitten werden. Je nach Strichrichtung wirkt Samt glatt und glänzend oder rau und dunkler.
- Das Wort geht auf griechisch hexámitos zurück, sechsfädig, gemeint war ein schwerer Seidenstoff. Seidensamt war im Italien der Renaissance ein Luxusgut, Krefeld nennt sich „Stadt wie Samt und Seide“.
- Eine überlieferte Bedeutung der Samthochzeit haben wir nicht gefunden. „Gegen den Strich“ bezieht sich auf Haare, Fäden oder Fasern und ist keine reine Samt-Redewendung.
- Studien finden Zusammenhänge zwischen Zärtlichkeit und Wohlbefinden, bei jungen Paaren in der Schweiz ebenso wie bei älteren Paaren in Deutschland. Beweise für eine Wirkung auf die Ehe sind das nicht.
- Im Experiment stieg das Stresshormon Cortisol bei Frauen in einem Stresstest weniger stark an, wenn der Partner ihnen vorher den Nacken massiert hatte. Gesundheitsversprechen lassen sich daraus nicht ableiten.
- Zärtlichkeit setzt voraus, dass sie willkommen ist. Fragen statt raten, kleine Gesten statt großer Programme: Das sind Anregungen, keine Studienergebnisse.
Quellen: Debrot, Schoebi, Perrez & Horn (2013), Personality and Social Psychology Bulletin 39(10), 1373–1385; Jakubiak & Feeney (2017), Personality and Social Psychology Review 21(3), 228–252 (ausgewertet: Zusammenfassung und die Darstellung in Jakubiak 2022); Burleson, Trevathan & Todd (2007), Archives of Sexual Behavior 36(3), 357–368 (ausgewertet: Zusammenfassung); Ditzen und Kollegen (2007), Psychoneuroendocrinology 32(5), 565–574 (ausgewertet: Zusammenfassung); Kolodziejczak und Kollegen (2022), The Journals of Gerontology, Series B 77(8), 1416–1430; Müller und Kollegen (2014), PLOS ONE 9(11), e111404; Heiman und Kollegen (2011), Archives of Sexual Behavior 40(4), 741–753; Jakubiak (2022), Journal of Social and Personal Relationships 39(8), 2287–2315; Textile Research Centre Leiden; The Metropolitan Museum of Art (Melinda Watt, 2011); Esther Nystrom, If It’s a Pile Fabric, University of Idaho Agricultural Extension Service (1961); DWDS mit dem Etymologischen Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer; Duden; KuLaDig, Landschaftsverband Rheinland; Neue Deutsche Biographie (Helmuth Croon, 1985); Haus der Seidenkultur Krefeld; Deutsches Textilmuseum Krefeld; Emily Post Institute; oesterreich.gv.at; Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; Statistisches Bundesamt; Bundeszentrale für politische Bildung; Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages; Der Bundespräsident; Helmut Walther, Hochzeitstagenamen, Der Sprachdienst 6/1992, zitiert nach der deutschsprachigen Wikipedia und nach Textausschnitten der digitalisierten Ausgabe; französischsprachige Wikipedia, Anniversaire de mariage.




