Polygamie bedeutet Mehrehe: Ein Mensch ist zur selben Zeit mit mehreren Partnerinnen oder Partnern verheiratet. Der Duden nennt als Synonyme Mehrehe und Vielehe. In der Praxis ist fast immer ein Mann mit mehreren Frauen verheiratet, Fachleute sprechen dann von Polygynie. Polygam nennt man Menschen, die so leben, im Alltag aber auch alle, die mehrere Partner haben oder sich das wünschen.
In Deutschland ist es verboten und strafbar, eine Mehrehe zu schließen. Mehrehen, die im Ausland geschlossen wurden und nach dem Heimatrecht beider Eheleute zulässig waren, werden hier aber grundsätzlich anerkannt, mit wichtigen Ausnahmen. Weltweit lebt nach Daten des Pew Research Center nur rund jeder fünfzigste Mensch in einem polygamen Haushalt.
Polygamie gehört zu den Beziehungsmodellen, nach denen in Deutschland besonders oft gesucht wird, das zeigt unser Beziehungsmodelle-Report 2026. Für diesen Ratgeber haben wir Gesetze, ein Bundestagsgutachten, weltweite Haushaltsdaten und Studien ausgewertet.
Was ist Polygamie? Bedeutung und Herkunft
Der Duden erklärt Polygamie in erster Linie als Ehe mit mehreren Partnern und ordnet diese Bedeutung vor allem der Kulturanthropologie zu. Eine zweite Bedeutung ist weiter gefasst: das Zusammenleben oder der Sex mit mehreren Partnern. Das Gegenteil ist die Monogamie, die Einehe.
Das Wort stammt aus dem Griechischen. Laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) geht es auf polygamía zurück, gebildet aus polýs (viel) und gameĩn (heiraten), und ist im Deutschen seit der Mitte des 16. Jahrhunderts belegt. Das DWDS beschreibt Polygamie als eheliche Verbindung eines Mannes oder einer Frau mit mehreren Partnern des anderen Geschlechts.
Was ist Polygamie einfach erklärt?
Ganz kurz: Eine Person hat mehrere Ehepartner zur selben Zeit, und eine Rechtsordnung, eine Religion oder der Brauch einer Gemeinschaft erkennt diese Ehen an. Mehrere Ehen nacheinander sind keine Polygamie. Mehrere Liebesbeziehungen ohne Ehe streng genommen auch nicht, selbst wenn das Wort im Alltag manchmal so verwendet wird.
Formen der Polygamie: Polygynie, Polyandrie und Gruppenehe
Polygamie ist ein Oberbegriff. Welche Form gemeint ist, hängt davon ab, wer mit wem verheiratet ist:
| Begriff | Was gemeint ist | Wie häufig |
|---|---|---|
| Polygynie | Ein Mann ist mit mehreren Frauen verheiratet | die bei Weitem häufigste Form |
| Polyandrie | Eine Frau ist mit mehreren Männern verheiratet | selten, bekannt vor allem aus dem Himalaya |
| Gruppenehe (Polygynandrie) | Mehrere Männer und mehrere Frauen sind miteinander verheiratet | sehr selten beschrieben |
| Bigamie | Doppelehe, meist eine verbotene zweite Ehe | in Deutschland strafbar |
| Serielle Monogamie | mehrere Ehen oder Partnerschaften nacheinander | weit verbreitet, keine Polygamie |
Für die Polygynie gibt es eine gute Datengrundlage. Der Ethnographic Atlas, begründet vom Anthropologen George P. Murdock, beschreibt in seiner heutigen Fassung 1.291 Gesellschaften auf der ganzen Welt. In der Forschungsdatenbank D-PLACE ist bei 1.257 davon die Eheform erfasst (Variable EA009, Datenstand Dezember 2025). Wir haben die Einträge ausgezählt: 201 gelten als monogam, das sind 16 Prozent. 1.052, rund 84 Prozent, kennen Polygynie, davon 463 nur gelegentlich oder begrenzt. Polyandrisch sind gerade einmal 4.
Daraus wird oft „85 Prozent aller Gesellschaften waren polygam“. Das ist irreführend: Jede Gesellschaft zählt einmal, ein Dorf so viel wie ein großes Volk, und die meisten Beschreibungen stammen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Und selbst in kleinen polygynen Gesellschaften ist die Mehrheit der Ehen monogam, schreiben Ryan Schacht und Karen Kramer in einer Übersichtsarbeit von 2019.
Polyandrie ist selten, aber weniger selten als oft angenommen: Katherine Starkweather und Raymond Hames fanden 2012 außerhalb der klassischen Regionen im Himalaya und auf den Marquesas-Inseln 53 Gesellschaften, die sie erlauben. Einen Überblick über heutige Beziehungsarten von der Ehe bis zur Situationship findest du in einem eigenen Artikel.
Was ist der Unterschied zwischen Polygamie und Bigamie?
Bigamie heißt wörtlich Doppelehe. Der Duden leitet das Wort von lateinisch bi- (zwei) und griechisch gameĩn (heiraten) ab und erklärt es als gesetzwidrige Doppelehe. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags fassen den Sprachgebrauch so zusammen: Bigamie meint meist eine Mehrehe, die gegen die geltende Rechtsordnung verstößt. Polygamie beschreibt eher Rechtsordnungen, die Mehrehen ausdrücklich zulassen.
Wer in Deutschland heimlich ein zweites Mal heiratet, ist also Bigamist. Ein Mann, der in einem Land mit erlaubter Mehrehe legal zwei Frauen geheiratet hat, lebt in Polygamie.
Was bedeutet „polygam“?
Das Adjektiv hat laut Duden mehrere Bedeutungen:
- Bei Tieren und Menschen: von der Anlage her auf mehrere Geschlechtspartner bezogen, der Duden nennt als Beispiel polygame Vögel.
- Kulturanthropologie: die Mehrehe kennend oder in Mehrehe lebend.
- Selten im Alltag: mit mehreren Partnern sexuell verkehrend.
In der Biologie beschreibt „polygam“ ein Paarungssystem, so wie Monogamie oder Promiskuität. Warum das letzte Wort beim Menschen schnell wertend klingt, erklären wir im Artikel über Promiskuität.
Im Alltag fällt „Ich bin polygam“ meist in einem anderen Sinn: Jemand möchte nicht exklusiv lieben oder hat mehrere Partner. Mit einer Ehe hat das selten zu tun, genauer wären Wörter wie nicht-monogam oder polyamor. Entscheidend ist ohnehin, ob alle Beteiligten Bescheid wissen und einverstanden sind. Genau darum geht es bei der ethischen Nicht-Monogamie. Eine anerkannte Diagnose oder einen wissenschaftlichen Test für eine „polygame Veranlagung“ kennen wir übrigens nicht.
Ist Polygamie in Deutschland verboten?
Ja, wenn es um das Heiraten geht. Das Bürgerliche Gesetzbuch versteht die Ehe als Verbindung von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts. § 1306 BGB verbietet ausdrücklich die Doppelehe: Eine Ehe darf nicht geschlossen werden, wenn zwischen einer der Personen, die die Ehe miteinander eingehen wollen, und einer dritten Person eine Ehe oder eine Lebenspartnerschaft besteht. Eine Befreiung davon gibt es nicht.
Wer trotzdem eine zweite Ehe eingeht, macht sich strafbar. Nach § 172 StGB droht Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe, und zwar auch der Person, die wissentlich einen Verheirateten heiratet. Das gilt ebenso für Ausländerinnen und Ausländer, deren Heimatrecht die Mehrehe erlaubt, wenn sie die zweite Ehe in Deutschland schließen.
Kommt eine Doppelehe trotzdem zustande, ist sie nicht automatisch nichtig, kann aber gerichtlich aufgehoben werden. Den Antrag stellen können die Eheleute, der Partner aus der ersten Ehe und die zuständige Behörde. So fassen es die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags in ihrem Gutachten von 2025 zusammen, auf das wir uns auch im nächsten Abschnitt stützen.
Was erlaubt ist
Verboten ist das Heiraten, nicht das Lieben. Mit mehreren Menschen zusammenzuleben oder mehrere Beziehungen zu führen, ist nicht strafbar. Eine religiöse Zeremonie macht aus einer zweiten Beziehung aber keine Ehe, denn nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch kommt eine Ehe nur vor dem Standesamt zustande. Weitere Partnerinnen und Partner sind deshalb rechtlich nicht abgesichert, etwa beim Erbe, wenn ihr nichts per Testament oder Vertrag regelt.
Mehrehen aus dem Ausland: Was gilt in Deutschland?
Die Voraussetzungen einer Eheschließung richten sich nach deutschem Internationalem Privatrecht für jeden Ehepartner nach dem Recht des Staates, dem er angehört. War die Mehrehe nach dem Heimatrecht beider erlaubt und wurde sie wirksam geschlossen, wird sie in Deutschland nach herrschender Meinung grundsätzlich anerkannt. Für Deutsche gilt das nicht: Für sie bleibt es auch bei einer Heirat im Ausland beim deutschen Verbot der Doppelehe.
Die Grenze zieht der sogenannte ordre public: Ausländisches Recht wird nicht angewendet, wenn das Ergebnis mit wesentlichen Grundsätzen des deutschen Rechts offensichtlich unvereinbar ist. Je enger ein Fall mit Deutschland verbunden ist, desto stärker setzen sich deutsche Rechtsvorstellungen durch, erklärte die Bundesregierung 2018. Wurde etwa die erste Ehe nach deutschem Recht geschlossen, ist eine spätere zweite Ehe im Ausland laut dem Gutachten wie eine verbotene Doppelehe zu behandeln.
Eine anerkannte Mehrehe hat grundsätzlich dieselben Wirkungen wie jede andere Ehe, etwa beim Unterhalt. Den gesetzlichen Erbteil für Ehepartner teilen sich mehrere Ehefrauen laut dem Gutachten anteilig. Im Sozialrecht gelten Sonderregeln:
- Witwenrente: Hinterlässt ein Versicherter mehrere Witwen, wird die Rente laut Sozialgesetzbuch anteilig und endgültig unter ihnen aufgeteilt.
- Familienversicherung: Beitragsfrei mitversichert ist nach der Praxis der Krankenkassen seit einem Rundschreiben des Bundesgesundheitsministeriums von Ende 2004 nur die Frau, mit der die Ehe zuerst geschlossen wurde.
- Grundsicherungsgeld (bis Juni 2026 Bürgergeld): Mit dem Ehemann kann nur eine Frau eine Bedarfsgemeinschaft bilden, weitere Ehefrauen werden eigenständig berechnet.
Kein Nachzug weiterer Ehefrauen und keine Einbürgerung
Lebt ein Ausländer mit einer Ehefrau in Deutschland, kann keine weitere Ehefrau über den Ehegattennachzug folgen. § 30 Abs. 4 AufenthG bestimmt: Ist ein Ausländer gleichzeitig mit mehreren Ehegatten verheiratet und lebt er gemeinsam mit einem Ehegatten im Bundesgebiet, wird keinem weiteren Ehegatten eine Aufenthaltserlaubnis nach Absatz 1 oder Absatz 3 erteilt.
Außerdem ist die Einbürgerung ausgeschlossen, wenn jemand gleichzeitig mit mehreren Ehegatten verheiratet ist. Das steht seit 2019 im Staatsangehörigkeitsgesetz, seit der Reform, die am 27. Juni 2024 in Kraft trat, als ausdrücklicher Ausschlussgrund in § 11 StAG. Die Regel ist geschlechtsneutral formuliert.
| Situation | Was in Deutschland gilt |
|---|---|
| Zweite Ehe in Deutschland schließen | verboten und strafbar, auch für Ausländer |
| Mehrere Beziehungen ohne Trauschein | erlaubt, aber nicht wie eine Ehe abgesichert |
| Religiöse Zweitehe ohne Standesamt | keine Ehe im rechtlichen Sinn |
| Im Ausland geschlossene Mehrehe, nach dem Heimatrecht beider zulässig | grundsätzlich anerkannt, Grenze ist der ordre public |
| Nachzug einer weiteren Ehefrau | ausgeschlossen, wenn schon eine Ehefrau hier lebt |
| Einbürgerung bei mehreren Ehepartnern | ausgeschlossen |
Wie viele Mehrehen gibt es in Deutschland?
Das weiß niemand genau, eine amtliche Statistik haben wir nicht gefunden. Das Ausländerzentralregister erfasst beim Familienstand laut Bundesregierung nur Kategorien wie ledig, verheiratet oder geschieden, und in Moscheen geschlossene Ehen werden nicht registriert, berichtete der NDR 2018. Kursierende Zahlen solltest du deshalb mit Vorsicht lesen.
In welchen Ländern ist Polygamie legal?
Eine exakte Länderliste geben wir bewusst nicht. Die Angaben im Netz schwanken stark, auch weil vieles Zählweise ist: Zählt ein Land mit, wenn nur eine Religionsgruppe oder nur einzelne Bundesstaaten die Mehrehe anerkennen? Das Pew Research Center kam 2019 auf mehr als 50 Länder, die die Mehrehe zumindest in gewissem Umfang erlauben. Wir beschreiben deshalb die Regionen.
Laut Pew Research Center ist die Mehrehe in weiten Teilen der Welt verboten. Gesetze, die sie erlauben, finden sich vor allem im Nahen Osten und in Afrika:
- West- und Zentralafrika: Hier ist die Mehrehe am weitesten verbreitet. In mehreren Ländern, etwa Burkina Faso und Mali, ist sie zumindest teilweise legal. In anderen, etwa Benin, Ghana oder der Elfenbeinküste, ist sie formal verboten, wird aber geduldet.
- Nigeria: Das Verbot im Bundesrecht gilt nur für standesamtliche Ehen. Zwölf nördliche Bundesstaaten mit muslimischer Mehrheit erkennen Mehrehen als islamische oder traditionelle Ehen an.
- Naher Osten und Asien: In mehreren Ländern ist die Mehrehe erlaubt, wird aber selten gelebt.
- Deutschland, Österreich, Schweiz: verboten und strafbar.
Auch Staaten mit muslimischer Mehrheit haben die Mehrehe abgeschafft: die Türkei 1926 mit einem Zivilgesetzbuch nach Schweizer Vorbild, Tunesien 1956 mit seinem Personalstatutgesetz. Im US-Bundesstaat Utah gilt Bigamie seit Mai 2020 nur noch als Delikt der niedrigsten Stufe. Eine schwere Straftat bleibt es, wenn jemand andere durch Drohung, Zwang oder Täuschung in eine Mehrehe drängt oder in der Mehrehe weitere schwere Straftaten wie Kindesmisshandlung begeht.
Wie verbreitet ist Polygamie heute?
Die besten weltweiten Zahlen stammen vom Pew Research Center. Für eine Studie von 2019 werteten die Forschenden Volkszählungen und repräsentative Umfragen aus 130 Ländern und Gebieten aus, alle seit 2010 erhoben. Als polygam galt ein Haushalt, in dem mindestens ein Mensch mit zwei oder mehr Partnern zusammenlebt. Ergebnis: Rund 2 Prozent der Weltbevölkerung leben in solchen Haushalten, in den allermeisten Ländern weniger als 0,5 Prozent.
| Region oder Land | Anteil der Menschen in polygamen Haushalten |
|---|---|
| Welt | rund 2 % |
| Afrika südlich der Sahara | 11 % |
| Burkina Faso | 36 % |
| Mali | 34 % |
| Nigeria | 28 % |
| Naher Osten und Nordafrika | in den untersuchten Ländern unter 3 %, am höchsten im Irak und Jemen mit je 2 % |
Quelle: Pew Research Center (2019 und 2020). Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate fehlen mangels Daten.
Die Religion spielt eine Rolle, erklärt aber nicht alles: In Afrika südlich der Sahara leben 25 Prozent der Musliminnen und Muslime in polygamen Haushalten, aber nur 3 Prozent der Christinnen und Christen. Im Tschad ist es umgekehrt (Christen 21, Muslime 10 Prozent). In Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, Iran und Ägypten lebt weniger als 1 Prozent der muslimischen Männer mit mehr als einer Ehefrau zusammen.
Eine Einschränkung nennt Pew selbst: Manchmal hat jede Ehefrau eines Mannes einen eigenen Haushalt. Solche Familien tauchen in der Zählung nicht als polygam auf, die tatsächliche Zahl polygamer Ehen dürfte also höher liegen. Um wie viel, sagt Pew nicht.
Polygamie in Geschichte und Religion
Europa: offiziell monogam, aber nicht immer
Der Marburger Historiker Georg Strack zeigt in Aus Politik und Zeitgeschichte der Bundeszentrale für politische Bildung (2026), dass auch Europa die Mehrehe kannte. Einige griechische Herrscher lebten mit mehreren Ehefrauen, um politische Bündnisse zu festigen. Karl der Große führte um 800 noch eine polygame Ehe, erst unter seinem Sohn Ludwig dem Frommen setzten sich am fränkischen Hof kirchliche Regeln durch. Martin Luther gestattete dem Landgrafen Philipp von Hessen, einem wichtigen Förderer der Reformation, eine Doppelehe. Stracks Fazit: Solche Beziehungsformen gab es in Europa lange, aber nicht unter Gleichberechtigten, sondern in patriarchal organisierten Reichen.
Judentum und Christentum
Die Hebräische Bibel erzählt von Männern mit mehreren Frauen, etwa von Jakob, der Lea und Rahel heiratete. Für aschkenasische Juden gilt seit dem Mittelalter ein Verbot der Mehrehe, das auf den Mainzer Gelehrten Rabbenu Gershom um das Jahr 1000 zurückgeführt wird. Christen verstanden die Ehe seit der Spätantike als Sakrament, die Reformatoren später nicht mehr, die Einehe blieb aber die Norm.
Polygamie im Islam: bis zu vier Ehefrauen, unter Bedingungen
Im Islam stützt sich die Erlaubnis der Mehrehe auf Sure 4, Vers 3. Der Vers beginnt mit der Sorge, Waisen nicht gerecht zu werden. In der Übersetzung von Frank Bubenheim und Nadeem Elyas heißt es dann: „dann heiratet, was euch an Frauen gut scheint, zwei, drei oder vier“. Wer fürchtet, nicht gerecht zu handeln, soll laut dem Vers nur eine Frau heiraten. Historiker verweisen laut Pew darauf, dass die Regel in Kriegszeiten des 7. Jahrhunderts entstand, als viele Witwen und Waisen versorgt werden mussten. In Vers 129 derselben Sure heißt es sinngemäß, Männer würden zwischen ihren Frauen nicht gerecht handeln können, auch wenn sie es wollten.
Wie verbindlich die Erlaubnis heute ist, beantworten Gelehrte und Staaten unterschiedlich. Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor sagte 2018 dem NDR, Koran und Überlieferung empfählen eher die Einehe. Gelebt wird die Mehrehe in vielen muslimisch geprägten Ländern selten, wie die Pew-Daten zeigen.
Mormonen und Polygamie: Ende 1890, Abspaltungen bis heute
Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, umgangssprachlich Mormonen, praktizierte im 19. Jahrhundert die Mehrehe. Am 25. September 1890 veröffentlichte Kirchenpräsident Wilford Woodruff das sogenannte Manifest: Die Kirche lehre die Mehrehe nicht mehr und erlaube niemandem, sie einzugehen. Vereinzelt wurden, vor allem in Mexiko und Kanada, noch bis 1904 Mehrehen geschlossen, dann belegte ein zweites Manifest sie mit Kirchenstrafen.
Heute müssen Mitglieder, die eine Mehrehe eingehen, mit Disziplinarverfahren bis zum Ausschluss rechnen. Fundamentalistische Gruppen, die aus ausgeschlossenen Mitgliedern hervorgingen, leben die Mehrehe zum Teil weiter. Die Kirche betont, dass sie mit ihnen weder verbunden ist noch sie unterstützt.
Ist der Mensch von Natur aus polygam?
Schacht und Kramer haben 2019 Befunde aus Biologie, Anthropologie und Demografie zusammengetragen. Ihr Fazit: Am besten passen die Daten zu sozialer Monogamie, also zu festen Paarbindungen mit gemeinsamem Haushalt. Diese können polygyn oder polyandrisch ausfallen, am häufigsten ist aber die serielle Monogamie.
Woran machen Forschende das fest? Drei Beispiele:
- Körpergröße: Männer sind im Schnitt etwa 15 Prozent schwerer als Frauen. Bei Schimpansen sind es etwa 30 Prozent, Gorilla- und Orang-Utan-Männchen sind ungefähr doppelt so schwer wie die Weibchen. Menschen passen damit eher zu den monogamen Gibbons.
- Hoden: Gemessen an der Körpergröße sind sie kleiner als erwartet, aber etwas größer als bei monogamen Primaten. Das spricht für eher wenig Sex außerhalb fester Paare, aber für etwas mehr als bei streng monogamen Arten.
- Gene: Eine Studie von Michael Hammer und Kollegen (2008) mit Erbgutdaten von 90 Menschen aus sechs Bevölkerungen fand auf dem X-Chromosom mehr Vielfalt als erwartet. Die Forschenden deuten das so, dass sich in der Vorgeschichte mehr Frauen als Männer fortgepflanzt haben, was zu einer gewissen Polygynie passt. Die Datenbasis war mit 40 Genomabschnitten überschaubar.
Dazu kommt die Kultur. Dass rund 84 Prozent der erfassten Gesellschaften Polygynie kennen, heißt nicht, dass dort die meisten Männer mehrere Frauen hatten. Mehrere Ehefrauen hingen meist mit Reichtum und Status zusammen, betonen die Anthropologen Joseph Henrich, Robert Boyd und Peter Richerson (2012). Wie Status bei der Partnerwahl bis heute wirkt, beschreiben wir im Artikel über Hypergamie.
Unsere Einschätzung: Aus der Biologie folgt keine Vorschrift. Menschen können monogam, nacheinander monogam oder einvernehmlich nicht-monogam leben. Warum sich die Einehe trotzdem als Norm durchgesetzt hat, steht in unserem Ratgeber zur Monogamie.
Polygamie, Polyamorie und offene Beziehung: die Unterschiede
Der wichtigste Unterschied: Polygamie ist eine Eheform, die anderen sind Beziehungsmodelle ohne Mehrfachehe.
| Modell | Was es ist | Ehe mit mehreren? | Wissen und Zustimmung aller | In Deutschland |
|---|---|---|---|---|
| Polygamie | mehrere Ehepartner, fast immer ein Mann mit mehreren Frauen | ja | hängt von Recht und Brauch ab | Eheschließung verboten |
| Polyamorie | mehrere Liebesbeziehungen zur selben Zeit | nein | ja, das ist das Grundprinzip | erlaubt |
| Offene Beziehung | ein Paar erlaubt sich Sex oder Dates mit anderen | nein | ja, nach Absprache | erlaubt |
| Fremdgehen | heimliche Kontakte außerhalb der Beziehung | nein | nein | nicht strafbar, aber ein Vertrauensbruch |
Polyamorie setzt voraus, dass alle Beteiligten Bescheid wissen und zustimmen, unabhängig vom Geschlecht. Polygamie ist in der Praxis dagegen fast immer Polygynie. Die Ethnologin Julia Pauli berichtet in derselben Ausgabe von Aus Politik und Zeitgeschichte von Studierenden, die Polyamorie gut fanden, polygame Ehen aber sehr kritisch sahen. Ihr Argument: Eine Heirat schränke die Freiheit vor allem von Frauen zu stark ein, viele lehnten die Ehe deshalb generell ab.
Mehr über die einvernehmlichen Modelle: Unser Polyamorie-Guide erklärt Formen und Grundprinzipien, der Vergleich Polyamorie vs. Monogamie hilft bei der Frage, was zu dir passt, und unser Ratgeber zur offenen Beziehung zeigt, welche Regeln sich bewähren.
Kritik an der Polygamie: Gleichberechtigung, Frauen und Kinder
Die Kritik von Menschenrechtsgremien richtet sich nicht gegen einzelne Familien, sondern gegen die Ungleichheit, die in dieser Eheform angelegt ist. Der UN-Frauenrechtsausschuss schrieb 1994 in seiner Allgemeinen Empfehlung Nr. 21, die Mehrehe verletze das Recht von Frauen auf Gleichheit mit Männern. Ihre emotionalen und finanziellen Folgen für Frauen und deren Angehörige könnten so schwer sein, dass solche Ehen verhindert und verboten werden sollten. Der UN-Menschenrechtsausschuss nannte die Mehrehe im Jahr 2000 eine Verletzung der Würde von Frauen.
Was sagen Studien? L. D. Shepard von der Universität Oxford hat 2013 in einer systematischen Übersichtsarbeit 22 Studien ausgewertet, 16 aus dem Nahen Osten, fünf aus Afrika und eine aus Australien, mit zusammen rund 1.900 Frauen in polygamen und 3.300 in monogamen Ehen. Frauen in polygamen Ehen berichteten häufiger von Depressionen, Ängsten und körperlichen Beschwerden ohne klare Ursache sowie von geringerer Lebens- und Ehezufriedenheit.
Die Autorin bewertet die Belege als mäßig sicher. Die Studien waren von gemischter Qualität, erfassten jeweils nur einen Zeitpunkt und befragten teils nur Patientinnen aus Arztpraxen oder psychiatrischen Ambulanzen. Ob die Mehrehe die Probleme verursacht oder ob etwa Armut, geringe Bildung oder fehlende Wahlfreiheit dahinterstecken, lässt sich daraus nicht sicher ablesen.
Für Kinder gibt es ebenfalls Hinweise. Eine Auswertung von Gesundheitsbefragungen mit 236.336 Kindern aus 29 Ländern Afrikas südlich der Sahara (Smith-Greenaway und Trinitapoli, 2014) fand für Säuglinge in polygynen Familien ein um 42 Prozent höheres Sterberisiko im ersten Lebensjahr als in monogamen Familien, besonders in Regionen, in denen Polygynie verbreitet ist. Auch das ist ein statistischer Zusammenhang, kein Beweis für eine Ursache.
Wichtig ist uns: Kritik an einer Institution ist kein Urteil über die Menschen, die darin leben oder aufgewachsen sind. Wer in Deutschland in einer nur religiös geschlossenen Zweitehe lebt, sollte wissen, dass sie rechtlich nicht als Ehe zählt, und sich bei Unsicherheit in einer Familienberatungsstelle oder anwaltlich beraten lassen.
Wenn du dir mehrere Partner wünschst: fünf Schritte
Vielleicht bist du hier gelandet, weil du dich fragst, ob du polygam bist. Dann helfen dir diese Schritte mehr als jede Definition:
- Benenne, was du willst. Mehrere Liebesbeziehungen, Sex mit anderen oder einfach keine Exklusivität? Polyamorie, offene Beziehung und Freundschaft Plus sind verschiedene Dinge.
- Sprich zuerst mit deinem Partner oder deiner Partnerin. Was heimlich passiert, ist keine Nicht-Monogamie, sondern Fremdgehen.
- Rechne mit Gefühlen. Eifersucht verschwindet nicht durch eine gute Absprache. Plant regelmäßige Gespräche ein, in denen ihr Regeln überprüft.
- Denk an die Rechtslage. Heiraten kannst du in Deutschland immer nur eine Person zur selben Zeit. Wer weitere Partner absichern will, braucht Testament, Vorsorgevollmachten oder Verträge.
- Hol dir Unterstützung, wenn es hakt. Wenn ihr euch in Gesprächen immer wieder festfahrt, kann eine Paarberatung helfen.
Das Wichtigste in Kürze
- Polygamie heißt Mehrehe: Eine Person ist zur selben Zeit mit mehreren Partnern verheiratet, fast immer ein Mann mit mehreren Frauen (Polygynie).
- Polygam hat mehrere Bedeutungen: im Wörterbuch „in Mehrehe lebend“, bei Tieren „auf mehrere Geschlechtspartner angelegt“, im Alltag oft einfach „nicht exklusiv“.
- In Deutschland ist es verboten, eine Mehrehe zu schließen: § 1306 BGB untersagt die Doppelehe, § 172 StGB droht bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe an. Mehrere Beziehungen ohne Trauschein sind erlaubt.
- Im Ausland nach dem Heimatrecht beider Eheleute geschlossene Mehrehen werden grundsätzlich anerkannt: Lebt schon eine Ehefrau hier, bekommen weitere keinen Ehegattennachzug, und wer mehrfach verheiratet ist, wird nicht eingebürgert.
- Weltweit ist Polygamie selten: Rund 2 Prozent der Menschen leben in polygamen Haushalten, vor allem in Afrika südlich der Sahara.
- Der Mensch ist kein eindeutiger Fall: Eine Übersichtsarbeit von 2019 sieht die Belege am ehesten bei festen Paarbindungen, oft nacheinander, mit Polygynie als kultureller Möglichkeit.
- Polyamorie ist etwas anderes: mehrere Liebesbeziehungen mit Wissen und Zustimmung aller, ohne Mehrfachehe.
Stand: 8. November 2026.
