Promiskuität bedeutet, Sex mit häufig wechselnden Partnerinnen oder Partnern zu haben. So erklären es der Duden und das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. Promiskuitiv ist entsprechend ein Mensch, der so lebt, oder ein Verhalten, das davon geprägt ist. Eine Zahl, ab der jemand als promiskuitiv gilt, nennt kein Wörterbuch und keine medizinische Klassifikation.
Genau deshalb ist das Wort heikler, als es klingt. Es stammt aus der Fachsprache, wird im Alltag aber oft als Urteil benutzt, und dieses Urteil trifft Frauen häufiger als Männer.
Hier erfährst du, woher der Begriff kommt, wie viele Sexualpartner Menschen in Deutschland laut der ersten umfassenden Studie zu Gesundheit und Sexualität mit repräsentativen Daten angeben, was die Forschung zur sexuellen Doppelmoral zeigt und wo die Grenze zu einer behandlungsbedürftigen Störung verläuft. Außerdem geht es um Schutz vor Infektionen und um Gespräche über die eigene Vergangenheit.
Promiskuität: Bedeutung im Wörterbuch
Der Duden definiert Promiskuität als „Geschlechtsverkehr mit beliebigen, häufig wechselnden Partner[inne]n“ und ordnet das Wort als bildungssprachlich ein. Das DWDS übernimmt aus dem Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache von 1974 die knappere Fassung „Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern“ und vermerkt als Fachgebiet die Medizin.
Der Unterschied ist klein, aber aufschlussreich. Das Wort „beliebig“ legt nahe, dass jemand wahllos ist. Ob Menschen mit vielen Partnern tatsächlich weniger wählerisch sind, belegt die Definition nicht, sie setzt es voraus. Wir verwenden in diesem Artikel deshalb die neutrale Bedeutung: viele verschiedene Sexualpartner über einen Zeitraum, ohne Wertung.
Woher kommt das Wort?
Promiskuität geht auf das lateinische Adjektiv prōmīscuus zurück. Das lateinisch-deutsche Handwörterbuch von Karl Ernst Georges übersetzt es mit „gemischt, nicht gesondert, gemeinsam, gemeinschaftlich“, abgeleitet von pro-mīsceo, „vorher mischen“. Mit Sexualität hatte das zunächst wenig zu tun. Georges führt als Beleg den römischen Geschichtsschreiber Livius an, bei dem „conubia promiscua“ gemischte Ehen zwischen Patriziern und Plebejern sind, also zwischen den Ständen.
Eine neue Färbung bekam das Wort im 19. Jahrhundert in der Völkerkunde. Meyers Großes Konversations-Lexikon erklärte Promiskuität 1908 als „schrankenlose Vermischung“ und verwies auf den Eintrag „Gemeinschaftsehe“. Dort steht, Forscher wie Bachofen, McLennan, Lubbock und Morgan hätten zu beweisen geglaubt, dass ein solcher Zustand ursprünglich überall bestanden und erst allmählich der Einzelehe Platz gemacht habe. Andere Autoren wie Kautsky und Starcke bestritten das schon damals. Das Lexikon stellt dabei „Naturvölker“ und „zivilisierte Völker“ gegenüber, eine Einteilung, die wir heute nicht mehr verwenden würden. Das Wort war also schon früh mit Urteilen darüber verbunden, wer als „entwickelt“ galt.
promiskuitiv, promisk oder „promiskuitär“?
Das passende Adjektiv ist promiskuitiv. Der Duden erklärt es als „in Promiskuität lebend; durch Promiskuität gekennzeichnet“. Daneben führt er das fachsprachliche promisk mit derselben Bedeutung.
Wer nach „promiskuitärem Verhalten“ sucht: Diese Form steht nicht im Duden, und in den Textsammlungen des DWDS fanden wir keinen einzigen Beleg dafür. Richtig heißt es promiskuitives Verhalten.
Promiskuität: Synonyme und verwandte Begriffe
Als bedeutungsgleiche Ausdrücke nennt der Synonymdienst OpenThesaurus, dessen Liste auch das DWDS anzeigt, „häufiger Partnerwechsel“, „promiskuitive Lebensweise“ und „Promiskuitivität“, für das Adjektiv auch „sexuell freizügig“.
Daneben listet OpenThesaurus eine ganze Reihe abwertender Umgangsausdrücke. Auffällig viele davon zielen auf Frauen, etwa „mannstoll“. Ein vergleichbares Wort speziell für Männer findet sich in diesen Listen nicht. Das ist ein erster Hinweis auf die Doppelmoral, um die es weiter unten geht.
In der Psychologie gibt es dafür ein neutraleres Konzept, die soziosexuelle Orientierung: Wie offen ist jemand für Sex ohne feste Bindung? Die Psychologen Lars Penke und Jens Asendorpf haben in einer Studie von 2008 mit 2.708 Online-Teilnehmenden und 283 jungen Erwachsenen gezeigt, dass sich dabei drei Bestandteile unterscheiden lassen: das bisherige Verhalten, die Einstellung zu unverbindlichem Sex und das Verlangen danach. Wer also wenige Partner hatte, kann trotzdem offen eingestellt sein, und umgekehrt.
Einige Begriffe werden oft mit Promiskuität verwechselt:
| Begriff | Was gemeint ist | Unterschied zur Promiskuität |
|---|---|---|
| Casual Sex, Casual Dating | Sex oder Treffen ohne Beziehungsanspruch | beschreibt eine Art von Kontakt, nicht die Zahl der Partner |
| Offene Beziehung | Ein Paar vereinbart, dass Sex mit anderen erlaubt ist | eine Absprache, die mit wenigen oder vielen Kontakten gelebt werden kann |
| Polyamorie | mehrere Liebesbeziehungen mit Wissen aller Beteiligten | es geht um Beziehungen, nicht um wechselnde Sexualpartner |
| Fremdgehen | Sex außerhalb einer Beziehung, die das ausschließt | entscheidend ist der Vertrauensbruch, nicht die Zahl |
| Soziosexualität | Offenheit für Sex ohne feste Bindung | psychologisches Merkmal ohne Wertung |
| Zwanghaftes Sexualverhalten | Kontrollverlust über sexuelle Impulse mit Leidensdruck | ein Gesundheitsproblem, das nicht an der Partnerzahl hängt |
Mehr zu den einzelnen Modellen liest du in unseren Ratgebern zu Intimität ohne Commitment, zur offenen Beziehung und ihren Regeln und zur Polyamorie.
Promiskuität in der Biologie: ein neutraler Fachbegriff
In der Biologie beschreibt Promiskuität ein Paarungssystem, ganz ohne moralischen Unterton. Das Kompaktlexikon der Biologie unterscheidet vier Formen:
- Monogamie: Ein Männchen paart sich und bindet sich an ein Weibchen.
- Polygynie: Ein Männchen paart sich mit mehreren Weibchen.
- Polyandrie: Ein Weibchen paart sich mit mehreren Männchen.
- Promiskuität: Beide Geschlechter paaren sich mehrfach und mit verschiedenen Partnern.
Das Lexikon der Biologie beschreibt Promiskuität als System, in dem sich die Geschlechter nur zur Paarung treffen und keine Bindung eingehen. Als Beispiele nennt es unter anderem Vögel mit Arenabalz und viele Fische. Die Grenze zur Polygamie sei fließend, weil oft schwer zu entscheiden ist, ob individuelle Bindungen eine Rolle spielen.
Wie wenig solche Kategorien über Moral aussagen, zeigen Vögel. Viele Arten leben sozial monogam, also als Paar. Genetische Tests haben aber ergeben, dass Junge aus Paarungen außerhalb des Paares bei rund 90 Prozent der untersuchten Vogelarten vorkommen. Selbst bei Arten, die sozial monogam leben, stammen im Schnitt über 11 Prozent der Jungen nicht vom sozialen Partner (Griffith, Owens und Thuman 2002, Übersicht über mehr als 150 Studien). Die Fachliteratur unterscheidet deshalb zwischen sozialer und sexueller Monogamie.
Für Menschen folgt daraus nichts Bestimmtes. Aus dem Tierreich lässt sich weder ableiten, wie Menschen leben sollten, noch macht ein Fachwort aus der Zoologie ein menschliches Verhalten krankhaft. Der Blick in die Biologie zeigt nur: Ursprünglich beschreibt das Wort, es urteilt nicht.
Wie viele Sexualpartner haben Menschen in Deutschland?
Wer wissen will, was „viele“ Partner sind, braucht einen Vergleich. Die beste Grundlage für Deutschland ist die Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ (GeSiD) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, gefördert von der damaligen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (heute Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, BIÖG). Zwischen Oktober 2018 und September 2019 wurden 4.955 zufällig ausgewählte Menschen zwischen 18 und 75 Jahren persönlich befragt. Die besonders intimen Fragen beantworteten sie selbst am Laptop. Die Teilnahmequote lag bei 30,2 Prozent (GeSiD-Infoblätter).
| Alter | Männer | Frauen |
|---|---|---|
| 18–25 Jahre | 4,7 | 3,8 |
| 26–35 Jahre | 9,2 | 7,4 |
| 36–45 Jahre | 12,0 | 6,6 |
| 46–55 Jahre | 13,2 | 6,4 |
| 56–65 Jahre | 9,1 | 6,0 |
| 66–75 Jahre | 9,0 | 3,8 |
| Gesamt | 9,8 | 6,1 |
Durchschnittliche Zahl der bisherigen Sexualpartner, nur Partnerinnen und Partner des anderen Geschlechts. Quelle: GeSiD-Infoblatt Nr. 3.
Drei Dinge solltest du beim Lesen wissen:
Es sind Mittelwerte. Schon wenige Menschen mit sehr vielen Partnern können den Durchschnitt deutlich nach oben ziehen, wie die britische Auswertung weiter unten zeigt. Den Median, also den Wert in der Mitte, nennen die Infoblätter nicht. Eine Auswertung desselben Datensatzes gibt aber einen anderen Anhaltspunkt: In der großen Gruppe der Befragten ohne Anzeichen für zwanghaftes Sexualverhalten gaben 27,8 Prozent an, im Leben zehn oder mehr Sexualpartner gehabt zu haben (Briken und Kollegen 2022). Zehn oder mehr Partner sind in Deutschland also keine Seltenheit.
Die Lücke zwischen Männern und Frauen ist zum Teil ein Messeffekt. Bei heterosexuellen Kontakten müssten die Zahlen eigentlich ungefähr übereinstimmen. Die GeSiD-Forschenden erklären den Unterschied mit sozialer Erwünschtheit: Männer stellen sich eher als erfahren dar, Frauen riskieren bei hohen Zahlen „negative Beurteilung und Stigmatisierung“ und geben eher weniger an.
Andere Länder zeigen dasselbe Muster. In der britischen Studie Natsal-3 nannten Männer im Mittel 14,14 Partnerinnen, Frauen 7,12 Partner. Als die Forschenden extrem hohe Angaben kappten, berücksichtigten, ob jemand gezählt oder geschätzt hatte, und Einstellungen zur Sexualität einbezogen, schrumpfte die Lücke von 7,02 auf 2,63. Zusammen könnten diese Effekte fast zwei Drittel des Unterschieds erklären (Mitchell und Kollegen 2019).
Was die Deutschen von vielen Partnern halten
GeSiD hat auch nach Einstellungen gefragt. Die Befragten sollten bewerten, wie akzeptabel sie es finden, wenn eine Person Sex mit vielen verschiedenen Partnern hat (Ludwig und Kollegen 2023):
- Stufe 1, überhaupt nicht akzeptabel: 29,0 Prozent
- Stufe 2: 13,7 Prozent
- Stufe 3, die Mitte: 18,5 Prozent
- Stufe 4: 13,2 Prozent
- Stufe 5, völlig akzeptabel: 23,0 Prozent
- keine Angabe: 2,6 Prozent
Rund 36 Prozent fanden es also eher akzeptabel (Stufe 4 oder 5), rund 43 Prozent eher nicht (Stufe 1 oder 2), knapp 19 Prozent wählten die Mitte. Die Forschenden selbst zählen die Mitte zur Ablehnung, weil sie dahinter eher Skepsis vermuten, und kommen so auf 61 Prozent, die Sex mit vielen verschiedenen Partnern eher ablehnen. Männer und höher Gebildete akzeptierten es eher, Menschen, die ihren Glauben häufig praktizieren, seltener. Bei Jüngeren sahen die Forschenden einen Trend zu mehr Akzeptanz. Ausdrücklich in Ordnung findet es in Deutschland also gut ein Drittel, mehrheitlich akzeptiert ist es nicht.
Promiskuität bei Frauen und Männern: die Doppelmoral
Der Titel einer großen Übersichtsarbeit fasst das Klischee zusammen: „He is a Stud, She is a Slut!“. Gemeint ist: Ein Mann mit vielen Partnerinnen wird bewundert, eine Frau mit vielen Partnern beschimpft. Die Forscherin Joyce Endendijk und ihr Team an der Universität Utrecht haben dafür 99 Studien mit 123.343 Teilnehmenden aus den Jahren 1960 bis 2019 ausgewertet. Die Ergebnisse sind differenzierter, als der Titel vermuten lässt:
- In Studien, die Bewertungen von Männern und Frauen direkt vergleichen, zeigte sich eine kleine, aber messbare Doppelmoral. Bei Männern wurde häufiger Sex eher erwartet und positiver bewertet als bei Frauen.
- In Fragebögen, die direkt nach Zustimmung zu Aussagen fragen, fand sich im Schnitt keine Doppelmoral. Wer direkt gefragt wird, vertritt sie im Schnitt also nicht, in vergleichenden Bewertungen taucht sie trotzdem auf.
- Casual Sex und ein frühes erstes Mal gehörten zu den Bereichen mit der deutlichsten Doppelmoral, beim allgemeinen Ausmaß sexueller Aktivität war sie dagegen nur vernachlässigbar bis klein.
- Die meisten Vergleichsstudien stammen aus den USA. Für Deutschland lassen sich die Werte nicht eins zu eins übertragen.
Eine kleinere Online-Studie mit 188 Teilnehmenden widerspricht dem Klischee zumindest teilweise (Stewart-Williams und Kollegen 2017). Die Befragten sollten angeben, wie gern sie sich auf jemanden mit 0 bis über 60 früheren Partnern einlassen würden. Die Bereitschaft stieg zunächst mit der Zahl und fiel dann stark ab. Für eine kurze Affäre waren Männer etwas bereitwilliger. Für eine feste Beziehung gab es praktisch keinen Unterschied: Beide Geschlechter waren gleichermaßen zurückhaltend gegenüber sehr vielen früheren Partnern.
Gibt es echte Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Im Durchschnitt ja. Wie groß sie sind, hängt davon ab, was man misst. Eine Meta-Analyse von Jennifer Petersen und Janet Hyde mit 834 Stichproben und sieben großen nationalen Datensätzen fand, dass Männer etwas mehr sexuelle Erfahrung und freizügigere Einstellungen angaben. Die meisten Unterschiede waren klein, mittelgroß unter anderem bei Casual Sex und der Einstellung dazu. In Ländern mit mehr Gleichstellung waren manche Unterschiede kleiner.
Der Psychologe David Schmitt hat die soziosexuelle Orientierung bei 14.059 Menschen in 48 Ländern gemessen. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen waren in der Regel groß und zeigten sich überall, schrumpften aber in Kulturen mit mehr politischer und wirtschaftlicher Gleichstellung. Evolutionspsychologische und gesellschaftliche Erklärungen schließen sich also nicht aus. Endendijk und ihr Team kommen zum selben Schluss: Beide Faktoren spielen zusammen.
Was heißt das für dich? Durchschnittswerte sagen nichts über einzelne Menschen. Und selbst wo es Unterschiede im Verhalten gibt, rechtfertigen sie keine unterschiedliche Bewertung. Wie evolutionspsychologische Befunde in Online-Debatten verkürzt werden, zeigen wir am Beispiel des Begriffs Hypergamie.
Ursachen: Was hinter häufig wechselnden Partnern stecken kann
Die Frage nach den Ursachen klingt, als müsse man viele Partner erklären, wenige aber nicht. Hilfreicher ist es, zuerst zu fragen, warum Menschen überhaupt Sex haben. Die Psychologen Cindy Meston und David Buss sammelten dazu 237 verschiedene Gründe und ließen sie von 1.549 Menschen bewerten. Daraus ergaben sich vier große Gruppen:
- körperliche Gründe: Lust, Stressabbau, körperliche Anziehung, Neugier auf neue Erfahrungen
- Ziele: etwa Status, Vorteile oder sogar Rache
- emotionale Gründe: Liebe und Bindung, Gefühle ausdrücken
- Unsicherheit: den Selbstwert aufbessern, Pflichtgefühl oder Druck, einen Partner halten wollen
Die Liste zeigt vor allem, wie vielfältig die Motive sind: Lust und Liebe kommen darin ebenso vor wie Unsicherheit. Für häufig wechselnde Partner nennt die Forschung einige Zusammenhänge, aber keine einzelne Ursache.
Lebensphase
Die Altersgruppen in der GeSiD-Tabelle oben zeigen vor allem, dass sich Partner über die Jahre ansammeln und dass sich die Generationen unterscheiden. Wann im Leben jemand mehr oder weniger Partner hat, lässt sich daraus nicht ablesen. Die Weltgesundheitsorganisation nennt in ihren Diagnoseleitlinien aber selbst Übergänge wie einen Umzug in eine neue Stadt oder eine Änderung des Beziehungsstatus, nach denen sich neue Gelegenheiten ergeben. Kurze Phasen mit mehr sexueller Aktivität, bis zu einigen Monaten, reichen in solchen Zeiten ausdrücklich nicht für eine Diagnose.
Persönlichkeit
Eine Übersicht über 53 Studien fand Zusammenhänge zwischen der Zahl der Partner und „Sensation Seeking“, also der Lust auf neue, intensive Erlebnisse, sowie mit Impulsivität und Verträglichkeit. Das sind Persönlichkeitsmerkmale, keine Störungen.
Bindungsstil
David Schmitt fand in Daten aus mehreren Kulturen, dass kurzfristige sexuelle Beziehungen mäßig mit einem unsicheren Bindungsstil zusammenhängen. Mit ungünstigen Persönlichkeitszügen wie geringem Selbstwert oder emotionaler Instabilität hatten sie aber weitgehend nichts zu tun. Bei jungen Männern gingen sie teils sogar mit höherem Selbstwert einher. Ursächliche Verbindungen zwischen der frühen Eltern-Kind-Bindung und kurzfristigen Beziehungen hält Schmitt für eher begrenzt.
Belastende Erfahrungen
Ein Teil der Forschung findet Zusammenhänge mit Missbrauch in der Kindheit. In einer Studie US-amerikanischer Forschender mit 414 Frauen, die eine öffentlich finanzierte Klinik für sexuell übertragbare Infektionen besuchten, war sexueller Missbrauch in der Kindheit als einzige Form von Misshandlung eigenständig mit mehr Lebenszeitpartnern verbunden (Senn und Carey 2010). Das war eine einmalige Befragung, sie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Und eine solche Klinikstichprobe steht nicht für alle Frauen. Und Zusammenhänge in Gruppen erlauben keinen Schluss auf einzelne Menschen: Von der Zahl der Partner auf ein Trauma zu schließen, ist nicht möglich.
Und die Frage nach „Promiskuität bei Frauen“?
Eine eigene, typisch weibliche Ursache haben wir in der Forschung nicht gefunden. Dass gerade danach so oft gefragt wird, kann mit der Doppelmoral zu tun haben, die wir oben beschrieben haben. Ein paar ehrliche Fragen helfen dir mehr als jede Ursachensuche, egal welchen Geschlechts du bist:
- Entscheide ich mich bewusst dafür, oder passiert es mir eher?
- Wie geht es mir danach, am nächsten Tag, eine Woche später?
- Suche ich Sex vor allem, wenn ich traurig, gestresst oder einsam bin?
- Halte ich mich an meine eigenen Grenzen und an meine Schutzregeln?
- Kommt mein schlechtes Gefühl von mir selbst oder von dem, was andere sagen würden?
Wenn dich vor allem Scham über deine Vergangenheit beschäftigt, hilft dir unser Ratgeber Scham überwinden. Wenn du merkst, dass du Bestätigung vor allem über Sex suchst, findest du Übungen in unserem Artikel zum Selbstwertgefühl.
Wann wird es zum Problem? Abgrenzung zu Hypersexualität
„Hypersexualität“ wird im Alltag und auch in der Forschung für sehr starkes sexuelles Verlangen oder Verhalten benutzt, ist in der ICD-11 aber keine eigene Diagnose. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt in dieser Klassifikation stattdessen die Compulsive sexual behaviour disorder mit dem Code 6C72, wörtlich übersetzt „zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung“. Sie zählt dort zu den Impulskontrollstörungen. Als Entsprechung in der Vorgängerversion ICD-10 nennt die WHO den Code F52.7. Für eine Diagnose muss laut WHO ein anhaltendes Muster vorliegen, intensive sexuelle Impulse nicht kontrollieren zu können, das sich zum Beispiel so zeigt:
- Sex wird zum Lebensmittelpunkt, bis Gesundheit, Pflichten oder andere Interessen vernachlässigt werden.
- Viele Versuche, das Verhalten deutlich zu verringern, scheitern.
- Das Verhalten geht trotz negativer Folgen weiter oder obwohl es kaum noch Befriedigung bringt.
Dazu muss das Muster über längere Zeit bestehen, etwa sechs Monate oder mehr, und deutlichen Leidensdruck oder Beeinträchtigungen im Alltag verursachen. Andere Erklärungen wie eine manische Episode oder Substanzen müssen ausgeschlossen sein.
Ebenso wichtig ist, was die WHO ausdrücklich nicht als Störung wertet:
- hohes sexuelles Interesse und viel Sex ohne Kontrollverlust und ohne deutlichen Leidensdruck
- Leidensdruck, der allein aus moralischen Urteilen oder der Angst vor Ablehnung durch andere stammt
- kurze Phasen mit mehr sexueller Aktivität, etwa nach einem Umzug oder einer Trennung
Wie häufig ist das? In der GeSiD-Studie beschrieben 4,9 Prozent der Männer und 3,0 Prozent der Frauen im Fragebogen Erfahrungen, die irgendwann in ihrem Leben den ICD-11-Kriterien entsprachen. Für die vergangenen zwölf Monate waren es 3,2 und 1,8 Prozent. Das sind Selbstauskünfte, keine ärztlichen Diagnosen. Rechneten die Forschenden Menschen heraus, deren Leidensdruck mit strenger religiöser Erziehung oder konservativen Einstellungen zusammenhängen könnte, sanken die Lebenszeitwerte auf 2,5 und 1,6 Prozent (Briken und Kollegen 2022).
Der wichtigste Befund für dieses Thema: Menschen mit Anzeichen der Störung hatten nicht häufiger zehn oder mehr Sexualpartner als Befragte ohne solche Anzeichen (27,5 gegenüber 27,8 Prozent). Viele Partner und zwanghaftes Sexualverhalten sind also zwei verschiedene Dinge.
Ein Blick in den in Deutschland verwendeten Diagnoseschlüssel ICD-10-GM zeigt, wie alt manche Vorstellungen sind. In der Version 2026 steht unter F52.7 „Gesteigertes sexuelles Verlangen“, eingeschlossen sind die Begriffe „Nymphomanie“ und „Satyriasis“. Im ICD-11-Eintrag 6C72 tauchen sie nicht mehr auf.
Wenn du merkst, dass du dein sexuelles Verhalten nicht mehr steuern kannst und darunter leidest, sprich mit deiner Hausärztin, deinem Hausarzt, einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten. Für Fragen zu Infektionen und Safer Sex bietet das BIÖG über liebesleben.de Telefon- und Online-Beratung sowie eine Suche nach Beratungsstellen an, viele davon auch anonym.
Gesundheit: Schutz und Tests ohne Scham
Sexuell übertragbare Infektionen (STI) sind kein Randthema. Laut Weltgesundheitsorganisation werden weltweit jeden Tag mehr als eine Million heilbare STI bei Menschen zwischen 15 und 49 Jahren übertragen, die meisten davon ohne Symptome. In der GeSiD-Studie gaben 5,8 Prozent der Frauen und 1,6 Prozent der Männer an, schon einmal Chlamydien gehabt zu haben.
Wer häufig neue Partner hat, hat mehr Kontakte, über die Erreger weitergegeben werden können. Das BIÖG zählt Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern deshalb zu den Gruppen mit besonders hohem Ansteckungsrisiko für Hepatitis A und B. Das ist eine medizinische Einschätzung, kein Urteil über dich. Was hilft (Stand 19. Oktober 2026):
- Kondome schützen zuverlässig vor HIV und senken das Risiko für andere STI (liebesleben.de).
- Impfungen: Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt in ihren Empfehlungen 2026 die Hepatitis-A-Impfung bei „erhöhtem sexuellem Expositionsrisiko“ und die Hepatitis-B-Impfung bei einem „Sexualverhalten mit hohem Infektionsrisiko“. Das BIÖG nennt dafür ausdrücklich Menschen mit häufig wechselnden Partnern. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse in diesen Fällen in der Regel. Die HPV-Impfung ist für 9- bis 14-Jährige empfohlen und kann bis einschließlich 17 Jahren kostenlos nachgeholt werden.
- Tests: Bei Anzeichen einer Infektion oder wenn bei einem Partner eine STI festgestellt wurde, zahlt die Krankenkasse in der Regel den Test. In vielen Großstädten testen Gesundheitsämter und Aids-Hilfen auch anonym. Heimtests, die nicht in ein Labor gehen, sind laut BIÖG oft ungenau.
- Chlamydien-Screening: Sexuell aktive Frauen bis einschließlich 24 Jahre können sich einmal im Jahr kostenlos per Urinprobe auf Chlamydien testen lassen.
- PrEP: Für HIV-negative Menschen mit erhöhtem HIV-Risiko gibt es die HIV-PrEP. Sie gehört in ärztliche Betreuung und schützt nicht vor anderen STI. Betreuung und begleitende STI-Tests zahlen die gesetzlichen Kassen.
Interessant ist, warum Menschen auf Kondome verzichten. In der GeSiD-Studie hatten 22 Prozent der männlichen und 26 Prozent der weiblichen Singles in den vergangenen zwölf Monaten nie ein Kondom benutzt. Der häufigste Grund, den Singles für den Verzicht beim letzten Mal nannten: „Ich war sicher, dass wir beide gesund sind“ (62 Prozent, Mehrfachnennungen möglich). Weil viele Infektionen ohne Symptome verlaufen, ist dieses Gefühl kein verlässlicher Schutz.
Und falls ein Test positiv ausfällt: Sag es deinen Sexualpartnern, auch wenn es mehrere waren, damit sie sich ebenfalls untersuchen lassen können. Eine STI ist eine Infektion wie andere auch und kein Grund, sich zu schämen.
Die Vergangenheit des Partners: Wie viel musst du wissen?
Spätestens in einer neuen Beziehung taucht die Frage auf: Mit wie vielen Menschen hattest du schon Sex? Manchmal wird die Antwort behandelt wie ein Gütesiegel, manchmal wie ein Makel.
Für solche Urteile gibt die Forschung wenig her. Die Studie von Stewart-Williams zeigt Vorlieben, nicht, ob Beziehungen mit einer bestimmten Vorgeschichte besser oder schlechter laufen. Belastbare Daten aus Deutschland, ob die Zahl früherer Partner etwas über die Qualität einer künftigen Beziehung aussagt, haben wir nicht gefunden.
Wenn dich Gedanken an die früheren Partner deines Partners nicht loslassen, lohnt es sich, zuerst bei dir selbst nachzufragen, woher das Unbehagen kommt. Für das Gespräch selbst helfen ein paar Grundsätze:
Trenn Gesundheit von Neugier. Was ihr wirklich voneinander wissen müsst, ist meist nicht die Zahl, sondern: Habt ihr euch testen lassen? Gibt es Infektionen, über die ihr sprechen solltet? Wie wollt ihr euch schützen? Laut GeSiD spricht weniger als die Hälfte der Menschen in festen Beziehungen vor dem ersten gemeinsamen Sex über STI.
Frag dich, warum du etwas wissen willst. Hilft dir die Antwort, deinen Partner zu verstehen? Oder suchst du Material für Vergleiche, die dich später quälen?
Hör zu, ohne zu bewerten. Wenn dein Partner dir von seiner Vergangenheit erzählt, ist das ein Vertrauensbeweis. Ein Satz wie „Danke, dass du mir das sagst“ hilft mehr als jede Nachfrage nach Details.
Du schuldest niemandem eine Zahl. Über deine Gesundheit offen zu sein, ist fair. Deine Vergangenheit im Detail offenzulegen, ist deine Entscheidung.
Wie solche Gespräche allgemein gelingen, mit Ich-Botschaften statt Vorwürfen, zeigt unser Ratgeber zur offenen Kommunikation in der Beziehung.
Das Wichtigste in Kürze
- Promiskuität bedeutet Sex mit häufig wechselnden Partnern. Eine feste Zahl gibt es nicht. Das Wort stammt vom lateinischen prōmīscuus, „gemischt, gemeinschaftlich“, das Adjektiv heißt promiskuitiv, nicht „promiskuitär“.
- In der Biologie ist Promiskuität ein neutrales Paarungssystem. Vögel etwa sind laut einer Übersicht nur sehr selten sexuell monogam, auch wenn viele Arten als Paar leben.
- In Deutschland nannten Männer in der GeSiD-Studie im Schnitt 9,8, Frauen 6,1 Partner des anderen Geschlechts (Durchschnitt, 18 bis 75 Jahre, Befragung 2018/19). Die Lücke erklären die Forschenden vor allem mit sozialer Erwünschtheit und Stigma.
- Die sexuelle Doppelmoral existiert, ist in Studien aber eher klein: Laut einer Meta-Analyse, vor allem mit US-Studien, wird häufiger Sex bei Männern eher erwartet und positiver bewertet, in direkten Fragebögen zeigt sie sich im Schnitt nicht.
- Viele Partner sind keine Krankheit. Die ICD-11 beschreibt zwanghaftes Sexualverhalten über Kontrollverlust und Leidensdruck, nicht über die Partnerzahl. In GeSiD hatten Befragte mit Anzeichen der Störung nicht häufiger zehn oder mehr Partner.
- Schutz ist Gesundheit, keine Moral: Kondome, Impfungen gegen Hepatitis A und B sowie HPV, Tests bei Anzeichen oder nach Risiken (am besten mit Beratung) und offene Gespräche.
- Über die Vergangenheit des Partners zählt weniger die Zahl als Gesundheit, Vertrauen und die Frage, warum du etwas wissen willst.
Quellen und Stand: Duden und DWDS (Einträge „Promiskuität“, „promiskuitiv“, „promisk“), OpenThesaurus · K. E. Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, Bd. 2, Sp. 1985 · Meyers Großes Konversations-Lexikon, Bd. 7 (1907) und Bd. 16 (1908) · Spektrum Lexikon der Biologie und Kompaktlexikon der Biologie · Griffith, Owens & Thuman (2002), Molecular Ecology 11(11) · GeSiD-Infoblätter Nr. 1–8 (UKE/BZgA) · Ludwig et al. (2023), PLoS One 18(3) · Briken et al. (2022), Journal of Behavioral Addictions 11(3), mit Korrektur · Mitchell et al. (2019), Journal of Sex Research 56(1) · Endendijk, van Baar & Deković (2020), Personality and Social Psychology Review 24(2) · Stewart-Williams, Butler & Thomas (2017), Journal of Sex Research 54(9) · Petersen & Hyde (2010), Psychological Bulletin 136(1) · Schmitt (2005), Behavioral and Brain Sciences 28(2) und Personality and Social Psychology Bulletin 31(6) · Penke & Asendorpf (2008), Journal of Personality and Social Psychology 95(5) · Meston & Buss (2007), Archives of Sexual Behavior 36(4) · Hoyle, Fejfar & Miller (2000), Journal of Personality 68(6) · Senn & Carey (2010), Child Maltreatment 15(4) · WHO: ICD-11, 6C72 · BfArM: ICD-10-GM 2026 · WHO-Faktenblatt zu STI (September 2025) · RKI: STIKO-Empfehlungen 2026 (Epidemiologisches Bulletin 4/2026) · liebesleben.de (BIÖG): STI-Tests, Impfungen, Chlamydien, PrEP. Stand: 19. Oktober 2026.
