Noch vor einer Generation war die Frage nach dem Beziehungsmodell schnell beantwortet: Man war zusammen, treu und irgendwann verheiratet. Heute ist die Landschaft der Liebe unübersichtlicher – und die Suchdaten zeigen, wie sehr. Selbst die Monogamie, einst die selbstverständliche Norm, wird inzwischen millionenfach gegoogelt, als müsse man sie neu verstehen. Und daneben ist ein ganzes Spektrum alternativer Modelle entstanden, das in der Summe sogar mehr Suchinteresse auf sich zieht als die Treue selbst.
Wir haben sechs Jahre Suchdaten ausgewertet und die Beziehungsmodelle der Deutschen vermessen – von der Monogamie über die offene Beziehung bis zur Polyamorie. Das Ergebnis zeichnet das Bild einer ganzen Gesellschaft, die alte Gewissheiten hinterfragt und nach neuen Formen des Zusammenlebens sucht – nicht unbedingt, um sie alle selbst zu leben, aber um sie zu verstehen und für sich abzuwägen.
Auf einen Blick: Die wichtigsten Ergebnisse
- „Monogamie” führt mit rund 28.000 Suchen – selbst die Norm wird hinterfragt.
- Alternative Modelle in der Summe (rund 38.000) übertreffen die Suche nach Monogamie.
- Polyamorie ist erstaunlich groß: rund 16.000 Suchen im Monat, stabil auf hohem Niveau.
- Offene Beziehungen wachsen: +35 % seit 2020 – der klare Aufsteiger.
- Fernbeziehungen schrumpfen: −40 % seit 2020 – der klare Absteiger.
Datenbasis: Ahrefs Keywords Explorer, Deutschland, Januar 2020 bis August 2026.
Das Spektrum der Beziehungsmodelle

Die Rangliste der Modelle ist ein Spiegel der modernen Liebe. An der Spitze steht mit rund 28.000 Suchen die Monogamie – doch schon das ist bemerkenswert. Dass die klassische Zweierbeziehung überhaupt so oft gegoogelt wird, zeigt: Sie gilt nicht mehr als naturgegeben, sondern als eine Option unter mehreren, über die man sich informiert.
Direkt dahinter entfaltet sich das Feld der Alternativen: Polyamorie (16.000), Situationship (8.900), offene Beziehung (7.100), Polygamie (6.800) und Freundschaft Plus (6.600). Es ist ein erstaunlich breites, differenziertes Spektrum – jede dieser Formen steht für eine andere Antwort auf die Frage, wie viel Verbindlichkeit, Exklusivität und Freiheit eine Beziehung haben soll.
Alternativen schlagen die Norm
Der vielleicht überraschendste Befund entsteht, wenn man die alternativen Modelle zusammenrechnet.

Addiert man die Suchen nach Polyamorie, offener Beziehung, Freundschaft Plus, Mingle und den kleineren Modellen, kommt man auf rund 38.000 Suchen pro Monat – deutlich mehr als die rund 28.000 für „Monogamie”. Anders gesagt: Deutschland informiert sich in der Summe häufiger über die Alternativen zur klassischen Treue als über die Treue selbst.
Man muss diese Zahl richtig lesen: Sie bedeutet nicht, dass die Mehrheit der Deutschen polyamor lebt – das tut sie nicht. Sie bedeutet, dass die Neugier auf andere Modelle enorm gewachsen ist. Die Monogamie ist längst nicht abgeschafft, aber sie ist ihre Selbstverständlichkeit los. Immer mehr Menschen prüfen bewusst, welche Form der Beziehung zu ihnen passt, statt einfach die überlieferte zu übernehmen.
Polyamorie: größer als gedacht
Kein alternatives Modell ist so präsent wie die Polyamorie. Mit rund 16.000 monatlichen Suchen ist sie kein Nischenthema mehr, sondern fester Bestandteil des gesellschaftlichen Gesprächs. Und anders als viele kurzlebige Dating-Trends ist das Interesse stabil: Über sechs Jahre hinweg blieb das Suchvolumen konstant auf hohem Niveau.
Das ist bemerkenswert, denn es widerlegt zwei gängige Annahmen. Erstens ist Polyamorie kein flüchtiger Hype, der so schnell verschwindet, wie er kam – sie hat sich als Thema etabliert. Zweitens ist sie kein reines Großstadt-Phänomen einer winzigen Minderheit, sonst käme sie nicht auf Zahlen, die mit klassischen Beziehungsbegriffen mithalten. Ethische Nicht-Monogamie ist im Mainstream angekommen – zumindest als etwas, worüber Deutschland nachdenkt und liest.
Die neue Monogamie
Man sollte den Spitzenreiter nicht übersehen: Dass „Monogamie” mit 28.000 Suchen das ganze Feld anführt, ist selbst ein Zeichen des Wandels. Früher war Treue keine Frage, sondern eine Voraussetzung – niemand hätte sie nachgeschlagen. Dass so viele Menschen den Begriff heute aktiv googeln, bedeutet: Die Monogamie ist von einer Selbstverständlichkeit zu einer bewussten Position geworden, die man verstehen, begründen und mit Alternativen vergleichen will.
Interessanterweise gehört zu den meistgesuchten Vergleichen genau die Gegenüberstellung „Polyamorie vs. Monogamie”. Die Menschen wollen also nicht nur wissen, was die Alternativen sind, sondern wie sich die klassische Treue dagegen behauptet. Das ist keine Schwäche der Monogamie, sondern ihre Modernisierung: Wer sich heute für Treue entscheidet, tut das immer öfter reflektiert und aus Überzeugung – nicht, weil es keine andere Möglichkeit gäbe. Was die bewusste Zweierbeziehung ausmacht, vertieft unser Monogamie-Guide.
Was kommt, was geht
Hinter den absoluten Zahlen verbergen sich klare Bewegungen. Nicht jedes Modell entwickelt sich gleich.

Die offene Beziehung ist der klare Gewinner: Ihr Suchvolumen ist seit 2020 um rund 35 % gestiegen. Sie profitiert offenbar davon, dass sie einen Mittelweg verspricht – mehr Freiheit als die strenge Monogamie, aber mehr Verbindlichkeit und Struktur als die vollständige Polyamorie. Die Polyamorie selbst hält ihr hohes Niveau stabil. Und die Fernbeziehung verliert deutlich: minus 40 % über sechs Jahre.
Diese drei Kurven erzählen zusammen, wohin sich die deutsche Liebe bewegt: Weg von der erzwungenen Distanz, hin zu mehr bewusst gewählter Offenheit. Die Modelle, die wachsen, sind jene, die auf freier Entscheidung beruhen – nicht auf äußeren Umständen.
Warum die Fernbeziehung schrumpft
Der Rückgang der Fernbeziehung verdient eine eigene Erklärung, denn er ist kein Zufall. Die wahrscheinlichste Ursache liegt in der veränderten Arbeitswelt. Seit der Pandemie ist Remote-Arbeit zur Normalität geworden – und wer ortsunabhängig arbeiten kann, muss für den Job nicht mehr in eine andere Stadt ziehen und die Beziehung auf Distanz führen.
Was früher eine schmerzhafte Notwendigkeit war – der eine zieht wegen der Arbeit weg, der andere bleibt –, lässt sich heute oft vermeiden. Paare können zusammenziehen, ohne dass einer seine Karriere opfert. Der sinkende Suchtrend bei „Fernbeziehung” ist damit vielleicht eine der schönsten indirekten Folgen der Homeoffice-Revolution: weniger erzwungene Distanz, mehr gemeinsame Nähe. Was die Fernbeziehung für Betroffene dennoch tragfähig macht, zeigt unser Ratgeber zur Fernbeziehung.
Situationship: das Modell wider Willen
Ein Begriff im Spektrum ist eigentlich gar kein gewähltes Modell – und gerade deshalb interessant. Die Situationship (8.900 Suchen) beschreibt keine bewusste Entscheidung für eine bestimmte Beziehungsform, sondern das Fehlen einer solchen Entscheidung: die romantische Grauzone ohne Label, ohne Definition, ohne Aussprache.
Dass sie in der Rangliste so weit oben steht, ist ein Zeichen der Zeit. In einer Welt, in der alle Modelle verhandelbar geworden sind, entsteht paradoxerweise auch viel Unverbindlichkeit – Beziehungen, die nie richtig definiert werden, weil niemand den ersten Schritt zur Klärung wagt. Die hohe Nachfrage nach dem Begriff zeigt: Viele Menschen stecken in genau dieser Ungewissheit und suchen nach einem Wort dafür. Mehr dazu und wie man Klarheit gewinnt, steht im Situationship-Guide.
Freundschaft Plus: die pragmatische Variante
Ein Modell verdient noch Erwähnung, weil es so bodenständig deutsch ist: die „Freundschaft Plus” mit rund 6.600 Suchen im Monat, die heimische Antwort auf das englische „Friends with Benefits”. Dass der deutsche Begriff (6.600) den englischen (2.600) deutlich übertrifft, ist bemerkenswert – hier hat sich, anders als beim übrigen Dating-Slang, die Muttersprache durchgesetzt.
Freundschaft Plus steht für einen sehr pragmatischen Zugang zur Nähe: körperliche Vertrautheit ohne die Verpflichtungen einer Beziehung, getragen von Freundschaft statt Romantik. Die hohe Nachfrage zeigt, dass viele Menschen eine unkomplizierte Zwischenform suchen – jenseits der großen Liebe, aber auch jenseits der Anonymität. Es ist die vielleicht undramatischste aller Antworten auf die moderne Beziehungsfrage: gute Freunde, die sich mögen, ohne gleich das ganze Programm von Exklusivität und Zukunftsplanung mitzudenken.
Was die Beziehungsmodelle verraten
Aus dem Report lassen sich drei Schlüsse ziehen.
Erstens: Die Norm ist verhandelbar geworden. Dass selbst die Monogamie gegoogelt wird und die Alternativen in der Summe überwiegen, zeigt eine tiefgreifende Verschiebung: Beziehungsform ist heute eine bewusste Wahl, keine Vorgabe mehr.
Zweitens: Freiheit gewinnt, Zwang verliert. Die wachsenden Modelle (offene Beziehung) beruhen auf freier Entscheidung, das schrumpfende (Fernbeziehung) auf äußerem Zwang. Deutschland strebt nach selbstbestimmten Formen der Nähe.
Drittens: Neugier ist nicht Praxis. Bei aller Offenheit gilt: Suchinteresse ist nicht gleich gelebte Realität. Die meisten Deutschen leben weiterhin monogam – aber sie tun es zunehmend als bewusste Wahl, nicht mehr aus Mangel an Alternativen. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Fortschritt: nicht, dass alle anders lieben, sondern dass jeder freier entscheiden kann, wie.
Methodik & Zitierhinweis
Datenquelle: Ahrefs Keywords Explorer (Google-Suchvolumen). Region: Deutschland. Zeitraum: 80 Monate, Januar 2020 bis August 2026. Erhebung: Für jedes Modell wurde das monatliche Suchvolumen erfasst; Trends beruhen auf dem Jahresdurchschnitt. Die Summe der „alternativen Modelle” umfasst Polyamorie, offene Beziehung, Freundschaft Plus, Mingle, offene Ehe, Beziehungsanarchie, Friends with Benefits und LAT-Beziehung. Hinweis: Alle Werte sind gerundete Schätzungen des Suchvolumens und keine amtliche Statistik. Suchinteresse bildet gesellschaftliche Neugier ab, nicht die tatsächliche Verbreitung eines Modells.
Du darfst diese Daten verwenden. Diese Auswertung ist ein offenes Daten-Asset. Journalistinnen, Blogger und Forschende dürfen die Zahlen und Grafiken mit Quellenangabe frei zitieren. Empfohlene Angabe: Quelle: Herzblatt Journal – „Der Beziehungsmodelle-Report 2026” (Datenbasis: Ahrefs, Deutschland, 2020–2026). Über eine Verlinkung auf diese Seite freuen wir uns.
Teil der Herzblatt-Datenreihe zum Beziehungsverhalten der Deutschen. Ebenfalls erschienen: Das Dating-Slang-Lexikon 2026 und Der Beziehungsangst-Report.
Alle Kennzahlen unserer Studien gebündelt: Dating & Beziehungen in Zahlen – die Statistik-Sammlung — über 60 frei zitierbare Zahlen zum deutschen Liebesleben.




