Den Lycos Chat gibt es noch. Der deutsche Ableger des früheren Kult-Chats läuft seit dem 14. Oktober 2026 unter der Adresse de.chatwbc.com, vorher hieß sie de.lycos.social. Mit dem Portal Lycos Europe hat er nichts mehr zu tun. Dessen Aktionäre beschlossen Ende 2008 die Auflösung, den Chat übernahm im März 2009 eine britische Firma. Geblieben sind das Schiff-Konzept, der Kapitän und die Navigatoren.
Wir haben kein Konto angelegt und nicht selbst mitgechattet. Am 21. Oktober 2026 haben wir Startseite, About-Seite, AGB, Datenschutzerklärung, Sicherheitstipps, den ChatGuide und die Nachrichten der „Brücke“ ausgewertet. Für die Geschichte haben wir alte Fassungen der Seite im Internet Archive, Pressemitteilungen von Lycos Europe, Presseberichte und das britische Handelsregister herangezogen.
| Steckbrief | Lycos Chat |
|---|---|
| Status | aktiv (Stand: 21. Oktober 2026) |
| Adresse | de.chatwbc.com seit 14. Oktober 2026, vorher de.lycos.social, bis 2018 chat.lycos.de |
| Eigentümer | laut About-Seite die Familie Larholm, Borehamwood (Großbritannien) |
| Verantwortliche laut Datenschutzerklärung | Funky Chat Ltd, laut Companies House seit 7. Juli 2026 aufgelöst |
| Geschichte | deutscher Chat von Lycos Europe, am 9. März 2009 an die Noesis Systems Ltd. übergeben |
| Mindestalter | 16 Jahre laut AGB; in der Datenschutzerklärung sicherst du nur zu, älter als 13 zu sein |
| Kosten | Anmeldung kostenlos, Premium-Shop für Extras, keine öffentlichen Preise |
| App | keine eigene App gefunden, Nutzung im Browser |
| Rechtstexte | nur auf Englisch, englisches Recht |
Was war der Lycos Chat?
Lycos Europe war ein Gemeinschaftsunternehmen von Bertelsmann und der amerikanischen Lycos Inc. Es betrieb in den 2000ern Internetportale in mehreren europäischen Ländern, mit Suchmaschine, E-Mail, kostenlosem Webspace und Chat. Der deutsche Chat lief unter chat.lycos.de und gehörte zu einem Verbund von Länderchats, später bekannt als Worldsbiggestchat. 2003 listete die Startseite Chats in Dänemark, Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen, Schweden, Spanien, Italien und Frankreich auf.
Im Mai 2004 kündigte sich kräftiger Zulauf an. Laut einem Reuters-Bericht sollten Yahoos rund eine Million europäische Chatnutzer auf die Plattform von Lycos Europe wechseln. Die Chat-Community würde dadurch fast doppelt so groß, hieß es.
Die Startseite vom 12. Januar 2008 warb mit dem Spruch „Der Welt-Größte-Chat!“. An jenem Samstagabend zeigte der Zähler 4.242 Chatter „an Bord“, davon 1.988 Frauen und 2.254 Männer. Das ist eine Momentaufnahme, keine Statistik, zeigt aber, wie voll das Schiff damals war.
Ein Chat als Schiff
Das Besondere war und ist das Schiff. Neue Chatter hießen schon 2003 „Passagiere“ und starten bis heute auf der „Landungsbrücke“, einem Raum nur für Neulinge. Ein Bot namens Kapitän erklärt die ersten Schritte. Helfer mit einem goldenen Anker vor dem Namen heißen Navigatoren. Neuigkeiten stehen auf der „Brücke“, das Profil verwaltest du im „Logbuch“.
Die Räume verteilen sich laut ChatGuide auf Decks. Auf dem CityDeck findest du Chatter aus deiner Stadt, auf dem DatingDeck Leute für ein Date. Das JugendDeck ist Jugendlichen vorbehalten, auf dem KabinenDeck öffnest du eigene Privatkabinen. Wer sich danebenbenimmt, landet im Frachtraum bei einer Figur namens Ratte.
Auch beim Jugendschutz war der Lycos Chat früh dabei. Im November 2007 unterschrieb Lycos Europe mit RTL interactive und Knuddels einen Verhaltenskodex für mehr Jugendschutz, berichtete heise online. Die Anbieter versprachen unter anderem, in allen Chats, die Kindern und Jugendlichen offenstehen, zwischen 10 und 22 Uhr einen Moderator bereitzustellen.
Das Aus von Lycos Europe und warum der Chat überlebte
Im November 2008 fiel die Entscheidung, Lycos Europe aufzulösen. Am 12. Dezember 2008 stimmten die Aktionäre zu, wie heise online berichtete. Teile sollten verkauft, der Rest abgewickelt werden. Von rund 700 Arbeitsplätzen fielen laut heise etwa 500 weg. Die E-Mail-Konten von Lycos wurden zum 15. Februar 2009 geschlossen.
Den Chat traf dieses Schicksal nicht. In einer Ad-hoc-Mitteilung vom 3. März 2009 gab Lycos Europe bekannt, dass er am 9. März 2009 an die britische Noesis Systems Ltd. übergeht. Laut Companies House war Brian Gunner Larholm ab Januar 2009 Direktor dieser Firma. Er wird heute auf der About-Seite des Lycos Chat als Geschäftsführer genannt.
Laut Internet Archive stand 2012 im Fuß von chat.lycos.de „Noesis Systems Ltd“. 2018 stand dort stattdessen „Lycos Inc.“. Ab 2019 lief der deutsche Chat unter de.lycos.social. Am 14. Oktober 2026 meldete die Brücke den Umzug auf die neue Adresse de.chatwbc.com.
Die Seite lycoschat.com listet inzwischen die Adressen aller Länderchats auf. Der englische Chat heißt nun thechat.uk, der norwegische und der dänische behalten ihre bisherigen Adressen.
Lycos Chat heute: Anmeldung, Funktionen und Kosten
Zur Anmeldung gibst du einen Nicknamen, ein Passwort, deine E-Mail-Adresse, dein Geburtsdatum und dein Geschlecht an. Dann bestätigst du die AGB.
Was du im Chat machen kannst:
- Öffentlich und privat schreiben: Im Raum liest jeder mit, per Privatnachricht öffnet sich ein eigenes Fenster für zwei.
- Handlungen nutzen: Vorgefertigte Aktionen wie eine Begrüßung schickst du per Auswahlmenü an andere.
- Fotochatten: In bestimmten Räumen erscheint ein eigenes Foto neben deinen Nachrichten.
- Profil und Fotoalbum: Andere können dein Profil und deine Fotos ansehen.
- Navigatoren rufen: Mit der Taste F2 öffnest du eine Liste der Navigatoren, die gerade erreichbar sind.
Der Chat ist erkennbar aktiv. Im Oktober 2026 kündigte die Brücke eine Halloween-Quest, einen Quizabend und Halloween-Fotos an. Am 21. September 2026 meldete sie Verbesserungen für Handys mit Android und iOS. Eine eigene App haben wir im App Store und bei Google Play nicht gefunden, gechattet wird im Browser.
Am 18. September 2026 erinnerte die Leitung daran, dass Politik im Chat unerwünscht ist. Sachlich über Politik diskutieren darf man nur im Philosophieraum. Wer nach langer Pause zurückkommt: Welche Abkürzungen und Emoticons in Chats heute üblich sind, erklärt unser Ratgeber Chat-Abkürzungen von A bis Z.
Was kostet der Lycos Chat?
Die Anmeldung ist laut Startseite kostenlos. Geld kommt laut AGB des Lycos Chat bei Premium-Leistungen ins Spiel. Dazu zählen Zusatzfunktionen, Emotes und Geschenke aus einem Premium-Shop. Bezahlt wird zum Teil mit Credits oder Gutscheinen. Eine Meldung vom September 2026 nennt als gebuchte Optionen etwa Werbefreiheit. Preise stehen auf den öffentlichen Seiten nicht.
Drei Regeln aus den AGB solltest du kennen:
- Wird dein Konto wegen eines Regelverstoßes geschlossen, gibt es für Premium-Leistungen keine Erstattung.
- Unverbrauchte Credits erstattet der Chat nach einer Kündigung nur, wenn sie mehr als 5 Pfund wert sind. Kosten der Erstattung darf er abziehen.
- Beanstandest du eine Abbuchung und war sie am Ende korrekt, stellt dir der Chat 20 Pfund Gebühr in Rechnung. Nach einer Rückbuchung kann er dein Konto schließen und verlangt für die Wiedereröffnung ebenfalls 20 Pfund.
Sicherheit und Jugendschutz im Lycos Chat
Laut AGB ist die Nutzung unter 16 Jahren nicht erlaubt. Im Anmeldeformular endet die Liste der Geburtsjahre bei 2010. In der Datenschutzerklärung sicherst du dagegen nur zu, älter als 13 Jahre zu sein. Eine Altersprüfung beschreibt der Chat nicht. Laut AGB liegt es bei den Eltern, zu entscheiden, welche Inhalte für ihr Kind geeignet sind.
Wer sein richtiges Alter angibt, bekommt laut Sicherheitsseite besondere Schutzfunktionen für unter 16- und unter 18-Jährige. Dazu kommen die Ignorier-Funktion, die Navigatoren und die Funktion „Missbrauch melden“, über die du seit dem 14. Oktober 2026 direkt einen Screenshot hochladen kannst. Laut AGB kann es aber auch Bereiche mit Inhalten für Erwachsene geben. Jugendliche ab 16 und Erwachsene sind also auf demselben Schiff unterwegs.
Warnzeichen für Cybergrooming und Sextortion
Beim Cybergrooming suchen Erwachsene online gezielt Kontakt zu Kindern und Jugendlichen, um sie sexuell zu belästigen oder zu Treffen zu überreden. Laut klicksafe solltest du den Kontakt sofort abbrechen, wenn jemand
- das Gespräch auf Sex oder sexuelle Erfahrungen lenkt,
- dir Geld oder Vorteile anbietet,
- Fotos, Videos oder die Webcam verlangt,
- schnell in einen privaten Messenger wechseln will,
- ein Treffen vorschlägt.
Bei Sextortion werden intime Bilder als Druckmittel benutzt, um Geld oder weitere Aufnahmen zu erpressen. Die Polizei rät, nicht zu zahlen, denn die Erpressung hört danach meist nicht auf. Mehr dazu in unserem Ratgeber zum anonymen Chatten und zum Schutz vor Erpressung.
Hier bekommst du Hilfe
- Polizei 110: bei akuter Gefahr, Drohungen oder Erpressung zuerst die Polizei rufen. Ob du Bilder als Beweis sichern sollst, klärst du vorher mit der Polizei.
- Nummer gegen Kummer 116 111: für Kinder und Jugendliche, montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr, kostenlos und anonym.
- Elterntelefon 0800 111 0 550: montags, mittwochs und freitags von 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags von 9 bis 19 Uhr.
- Weisser Ring 116 006: Opfer-Telefon für Betroffene von Straftaten, täglich von 7 bis 22 Uhr.
- Melden: im Chat über „Missbrauch melden“ oder einen Navigator, außerhalb des Chats bei jugendschutz.net oder bei der Internet-Beschwerdestelle (internet-beschwerdestelle.de).
Betreiber und Datenschutz: was unklar bleibt
Auf der About-Seite des Lycos Chat steht eine Anschrift in Borehamwood nördlich von London. Der Chat gehöre der Familie Larholm, Geschäftsführer sei Brian Gunner Larholm. Laut AGB handelt es sich um ein englisches Unternehmen, es gilt englisches Recht. AGB, Datenschutzerklärung und About-Seite gibt es nur auf Englisch, ein Impressum nach deutschem Muster haben wir nicht gefunden.
Als Verantwortliche für deine Daten nennt die Datenschutzerklärung die Funky Chat Ltd. Laut dem britischen Handelsregister Companies House ist diese Firma seit dem 7. Juli 2026 aufgelöst. Welche Gesellschaft den Chat heute rechtlich betreibt, geht aus den öffentlichen Seiten damit nicht eindeutig hervor.
Laut Datenschutzerklärung übermittelt der Chat keine Daten außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums. Der Betreiber selbst sitzt allerdings in Großbritannien, das seit dem Brexit nicht mehr zum EWR gehört. Daten von Analyse- und Werbediensten wie Google und Facebook kann er demnach aber erhalten. Beschwerden gehen an die britische Datenschutzbehörde ICO.
Eine Funktion zum Löschen des Kontos beschreiben die öffentlichen Seiten nicht. Du hast laut Datenschutzerklärung ein Recht auf Löschung, das du per E-Mail an die dort genannte Adresse geltend machen kannst. Konten, die sechs Monate oder länger ungenutzt sind, werden laut AGB voraussichtlich ohnehin gelöscht.
Alternativen zum Lycos Chat: diese deutschen Chats gibt es
Wer den Lycos Chat aus Nostalgie sucht, kann direkt wieder einsteigen. Wer etwas anderes ausprobieren will, findet hier Chats, die es ebenfalls schon lange gibt:
- Knuddels: Chat-Community aus Karlsruhe, laut eigenen Angaben seit 1999, laut AGB nur für Volljährige. Mehr im Test von Knuddels.
- spin.de: früher Spinchat, Betreiberin ist die SPiN AG aus Regensburg, mit Chat, Foren und Spielen. Details im Test zu spin.de.
- Chatroom2000: Chat aus Erlangen ohne Pflicht zur Registrierung, laut Nutzungsbedingungen ab 16. Mehr im Chatroom2000-Test.
Nicht mehr dabei ist KWICK!: Das soziale Netzwerk aus Stuttgart war zur selben Zeit beliebt, ist aber nicht mehr aktiv. Was daraus wurde, steht in unserem Artikel Was aus der KWICK! Community wurde.
Einen Vergleich aller getesteten Chats mit Mindestalter, Kosten und Apps findest du in unserer Übersicht Deutscher Chat: Chatrooms und Chat-Seiten im Vergleich.
Manche wollen gar niemanden kennenlernen, sondern nur zum Zeitvertreib flirten. Dafür gibt es reine Unterhaltungs-Chats. Maßgeblich sind dort die AGB und die FAQ, nicht die Werbung auf der Startseite.
Unterhaltung statt Kennenlernen
Zu dieser Sorte gehört Verlieben24. Der Seitenfuß beschreibt das Portal als „Unterhaltungsplattform für Online-Flirts und Chats“, die Nutzung ist nur Erwachsenen ab 18 erlaubt. Laut AGB ist Verlieben24 „keine Kennenlern-Plattform“, sondern „eine reine Entertainment-Plattform“. Geschrieben wird mit „professionellen Chat-Partnern“, die laut AGB rein fiktive Profile betreiben. Kontakte zu real existierenden Personen vermittelt das Portal laut AGB auch dann nicht, wenn du dafür bezahlst. Reale Treffen sind laut FAQ „ausdrücklich nicht Teil des Angebots“. Bezahlt wird mit Flirtcoins, nicht verbrauchte erstattet der Anbieter laut AGB nicht. Die Premium-Mitgliedschaft läuft laut AGB 1 oder 12 Monate. Sie verlängert sich automatisch, wenn du nicht spätestens 4 Wochen vor Ablauf in Textform kündigst, also per E-Mail oder Brief. Preise siehst du erst nach der Anmeldung. Alle Details stehen in unserem Test von Verlieben24.
Fazit: Das Schiff fährt noch
Der Lycos Chat hat das Ende von Lycos Europe um mehr als 17 Jahre überlebt. Kapitän, Navigatoren und Decks gibt es bis heute, und die Brücke meldet regelmäßig Quizabende und Aktionen. Wer früher an Bord war, findet den deutschen Chat seit Oktober 2026 unter de.chatwbc.com.
Schwächen gibt es trotzdem. Die Rechtstexte sind nur auf Englisch, die Altersangaben in AGB und Datenschutzerklärung passen nicht zusammen, und die als Verantwortliche genannte Firma ist laut Handelsregister aufgelöst. Chatte also mit Nickname, gib keine Adresse, Telefonnummer oder Schule preis und kauf Premium-Extras nur mit festem Budget.
