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Nachdenkliche Frau sitzt still am Fenster, im unscharfen Hintergrund Spielzeug eines Kindes

Regretting Motherhood: Wenn Mütter bereuen

Regretting Motherhood beschreibt Mütter, die ihr Kind lieben, aber die Mutterrolle bereuen. Woher das Gefühl kommt, warum es tabu ist und was entlastet.

Laura Weber
Laura Weber
· 13 Min. Lesezeit

Es gibt einen Satz, der bei vielen Menschen sofort Abwehr auslöst: „Ich liebe mein Kind, aber ich bereue es, Mutter geworden zu sein.“ Für die einen klingt das ungeheuerlich, für andere ist es die erste ehrliche Beschreibung eines Gefühls, das sie seit Jahren mit sich herumtragen. Genau dieses Spannungsfeld meint der Begriff „Regretting Motherhood“ – und es lohnt sich, ihn ruhig und differenziert anzuschauen, statt ihn vorschnell zu skandalisieren.

Was „Regretting Motherhood“ eigentlich bedeutet

Regretting Motherhood, auf Deutsch etwa „Mutterschaft bereuen“, beschreibt das Gefühl von Müttern, die im Rückblick sagen: Wenn ich noch einmal wählen könnte, würde ich kein Kind bekommen. Wichtig ist die Betonung: Es geht nicht darum, ein bestimmtes Kind loswerden zu wollen. Es geht um die grundsätzliche Entscheidung, in die Rolle der Mutter hineingegangen zu sein.

Diese Unterscheidung ist der Schlüssel zum ganzen Thema. Wer sie überliest, versteht die betroffenen Frauen zwangsläufig falsch – und genau daraus entstehen die heftigen, oft empörten Reaktionen.

Der Ursprung: Orna Donath und ihre Studie

Der Begriff geht auf die israelische Soziologin Orna Donath zurück. Sie veröffentlichte 2015 in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Signs“ eine viel beachtete Studie und 2016 das Buch „Regretting Motherhood“, das anschließend in mehrere Sprachen übersetzt wurde und auch im deutschsprachigen Raum eine breite Debatte auslöste.

Entscheidend für die richtige Einordnung ist die Art der Untersuchung. Donaths Arbeit war qualitativ angelegt: Sie führte ausführliche Interviews mit einer überschaubaren Gruppe von Frauen – in der ursprünglichen Studie waren es 23 Mütter in Israel. Ziel einer solchen Forschung ist es, ein Phänomen in seiner Tiefe zu verstehen, nicht seine Häufigkeit zu messen. Das bedeutet konkret: Aus dieser Studie lässt sich nicht ableiten, wie viel Prozent aller Mütter ihre Mutterschaft bereuen. Wer solche Zahlen behauptet, überdehnt die Datenlage.

Was Donath sichtbar machte, ist etwas anderes und mindestens ebenso wichtig: dass es dieses Gefühl überhaupt gibt, dass Frauen es benennen können und dass es nicht automatisch mit einer Störung oder mangelnder Liebe zusammenhängt. Sie gab einem verschwiegenen Erleben eine Sprache.

Die Rolle bereuen, nicht das Kind

Die Frauen, die Donath interviewte, beschrieben immer wieder dieselbe Doppelbewegung. Auf der einen Seite steht die Liebe zum Kind – konkret, warm, echt. Auf der anderen Seite steht die nüchterne Erkenntnis: Diese Aufgabe, dieser Lebensweg, diese dauerhafte Verantwortung passt nicht zu mir, und hätte ich es vorher gewusst, hätte ich mich anders entschieden.

Man kann sich das wie zwei getrennte Ebenen vorstellen. Die eine Ebene betrifft die Beziehung zum eigenen Kind. Die andere betrifft die Bewertung der eigenen Lebensentscheidung. Reue lebt auf der zweiten Ebene. Deshalb ist der Satz „Ich liebe dich und bereue trotzdem, Mutter geworden zu sein“ kein Widerspruch, sondern die präzise Beschreibung von zwei Wahrheiten, die gleichzeitig gelten.

Gerade dieser Unterschied geht in hitzigen Debatten fast immer verloren. Sobald das Wort „bereuen“ fällt, hören viele nur noch „Ablehnung des Kindes“ heraus – und reagieren entsprechend empört. Wer dagegen genau hinhört, erkennt: Betroffene Frauen sprechen über sich selbst und über ihren Lebensweg, nicht gegen ihre Kinder. Diese Verschiebung des Blicks ist die Voraussetzung dafür, das Thema überhaupt fair besprechen zu können.

Reue ist nicht dasselbe wie …

Weil der Begriff so leicht missverstanden wird, ist die saubere Abgrenzung fast wichtiger als die Definition selbst. Regretting Motherhood wird häufig mit zwei ganz anderen Dingen verwechselt.

Keine Wochenbett- oder postpartale Depression

Die postpartale Depression – umgangssprachlich oft Wochenbettdepression – ist eine anerkannte klinische Erkrankung. Sie zeigt sich zum Beispiel durch anhaltende Niedergeschlagenheit, Erschöpfung, Angst, Schuldgefühle, Schlafstörungen oder das Gefühl, keine Verbindung zum Baby aufbauen zu können. Sie hat einen Verlauf, sie hat Ursachen, und sie ist behandelbar – mit therapeutischer und teils ärztlicher Unterstützung.

Regretting Motherhood dagegen ist keine Diagnose. Es ist kein Zustand, der wieder abklingt, wenn die ersten anstrengenden Monate vorbei sind. Es ist eine dauerhafte Bilanz, die eine Frau auch dann ziehen kann, wenn es ihr psychisch gut geht, wenn die Kinder längst größer sind und wenn der Alltag rund läuft. Natürlich können beide Dinge zusammen auftreten. Aber sie gleichzusetzen, führt in die Irre: Eine Depression braucht Behandlung, Reue braucht in erster Linie Verständnis und einen Raum, in dem sie ausgesprochen werden darf.

Keine bloße Überforderung

Fast jede Mutter kennt Momente, in denen sie erschöpft ist, sich zurücksehnt in ihr früheres Leben oder denkt: „Heute war es zu viel.“ Das ist Überforderung – ein situatives, vorübergehendes Gefühl, das mit Schlaf, Entlastung oder einem guten Tag wieder kippt. Solche Momente sagen nichts über die grundsätzliche Bilanz aus.

Reue im Sinne von Donath meint mehr. Sie ist nicht der schlechte Dienstag, sondern die grundsätzliche, über die Zeit stabile Antwort auf die Frage: Würde ich es wieder tun? Wer überfordert ist, wünscht sich eine Pause. Wer bereut, wünscht sich eine andere Entscheidung.

Die folgende Übersicht macht die Unterschiede greifbar:

MerkmalÜberforderungPostpartale DepressionRegretting Motherhood
Was es istvorübergehendes Alltagsgefühlklinische Erkrankungdauerhafte Lebensbilanz
Dauersituativ, schwankendüber Wochen, behandelbaranhaltend, oft über Jahre
Behandelbar?Entlastung hilftja, therapeutisch/ärztlichkeine „Behandlung“, sondern Verständnis
Beziehung zum Kindliebevoll, nur erschöpftoft belastet, Verbindung schwerliebevoll, aber Rolle wird bereut
Kernaussage„gerade ist es zu viel“„ich fühle mich krank“„ich würde mich anders entscheiden“

Diese Tabelle ist keine Checkliste zur Selbstdiagnose. Sie soll nur zeigen, dass hinter ähnlich klingenden Sätzen sehr unterschiedliche Realitäten stehen können – und dass jede davon ihre eigene, angemessene Antwort verdient.

Warum das Thema ein so großes Tabu ist

Es gibt wenige Aussagen, die so verlässlich Empörung auslösen wie „Ich bereue es, Mutter geworden zu sein.“ Um zu verstehen, warum, muss man auf die Erwartungen schauen, die unsere Gesellschaft an Mutterschaft knüpft.

Der Mutterschaftsmythos

In vielen Kulturen gilt Mutterschaft nicht als eine mögliche Lebensform unter anderen, sondern als natürliche Bestimmung und höchste Erfüllung einer Frau. Dieses Ideal – oft als Mutterschaftsmythos bezeichnet – erzählt, dass jede „richtige“ Frau sich Kinder wünscht, dass Muttersein automatisch glücklich macht und dass mütterliche Liebe grenzenlos, selbstverständlich und selbstlos ist.

Wie stark solche gesellschaftlichen Rollenbilder wirken und wie sehr sie sich historisch gewandelt haben, lässt sich gut bei der Bundeszentrale für politische Bildung auf bpb.de nachlesen. Wichtig ist die Einsicht: Das Bild der immer glücklichen, sich selbst vergessenden Mutter ist kein Naturgesetz, sondern ein kulturelles Konstrukt, das je nach Epoche und Gesellschaft ganz anders aussah.

Wer nun sagt, dass die Realität für sie nicht so aussieht, stellt nicht nur die eigene Entscheidung in Frage, sondern rüttelt an einem tief verankerten Ideal. Das erklärt, warum die Reaktionen oft so scharf ausfallen – die Empörung gilt weniger der einzelnen Frau als dem Gefühl, ein Fundament sei bedroht.

Angst vor dem Urteil

Für die betroffenen Frauen bedeutet das eine doppelte Last. Zur eigentlichen Reue kommt die Angst, als „schlechte“, „kalte“ oder „egoistische“ Mutter dazustehen. Viele fürchten, dass ihre Kinder verletzt würden, wenn sie es je erführen, dass Freundinnen sich abwenden oder dass ihnen niemand glaubt, dass sie ihre Kinder trotzdem lieben.

Diese Angst ist nicht unbegründet, und sie hat eine bittere Folge: Sie führt zum Schweigen. Und Schweigen isoliert. Wer glaubt, das einzige Wesen mit einem solchen „verbotenen“ Gefühl zu sein, trägt die Last doppelt schwer. Genau deshalb war Donaths Arbeit für viele Frauen ein Wendepunkt – nicht, weil sie etwas verändert hätte, sondern weil sie zeigte: Du bist damit nicht allein.

Ambivalenz aushalten: lieben und bereuen zugleich

Unser Alltagsverstand mag Eindeutigkeit. Etwas ist gut oder schlecht, gewollt oder ungewollt, Liebe oder Ablehnung. Doch das menschliche Innenleben funktioniert selten so. Ambivalenz – also zwei gegensätzliche Gefühle zur selben Sache gleichzeitig – ist kein Fehler im System, sondern eine ganz normale seelische Realität.

Eine Mutter kann den Klang der Kinderstimme lieben und im selben Moment die verlorene Freiheit betrauern. Sie kann stolz auf ihr Kind sein und trotzdem wünschen, sie hätte ihr Leben anders eingerichtet. Diese widersprüchlichen Gefühle auszuhalten, ohne sofort das eine für „falsch“ zu erklären, ist anstrengend, aber gesünder als der Versuch, eine der beiden Seiten wegzudrücken. Wer lernt, widersprüchliche Gefühle zulassen zu können, muss sich nicht länger zwischen zwei Wahrheiten entscheiden, die beide ihre Berechtigung haben.

Das Verdrängen der unbequemen Seite hat nämlich einen Preis. Was nicht gefühlt werden darf, verschwindet nicht, sondern sucht sich andere Wege – als Gereiztheit, innere Leere, körperliche Anspannung oder als diffuse Schuld, die im Hintergrund mitläuft. Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist deshalb kein Luxus, sondern Entlastung.

Woher der gesellschaftliche Druck kommt

Reue entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie hat viel damit zu tun, unter welchen Bedingungen Frauen die Entscheidung für Kinder treffen – und wie diese Entscheidung oft gar nicht als echte Wahl erlebt wird, sondern als etwas, das „eben dazugehört“.

Mehrere Faktoren spielen zusammen:

  • Idealisierte Bilder: Werbung, soziale Medien und Erzählungen zeigen fast ausschließlich das erfüllte, strahlende Muttersein. Die Ambivalenz, die viele erleben, kommt darin nicht vor – wer sie fühlt, hält sich für die Ausnahme.
  • Fehlende ehrliche Information: Über die tatsächlichen Anforderungen, die Dauer der Verantwortung und die Grenzen der eigenen Belastbarkeit wird selten offen gesprochen, bevor eine Entscheidung fällt.
  • Sozialer Erwartungsdruck: Fragen wie „Und wann ist es bei euch so weit?“ signalisieren früh, dass Kinderlosigkeit rechtfertigungsbedürftig ist – Elternschaft dagegen nicht.
  • Ungleiche Lastenverteilung: Auch heute tragen Mütter in vielen Familien den größeren Teil der unsichtbaren Care-Arbeit. Wo Entlastung fehlt, wächst die Wahrscheinlichkeit, die Rolle als erdrückend zu erleben.
  • Umgekehrter Druck auf Kinder: Derselbe Perfektionsanspruch, der auf Müttern lastet, richtet sich oft auch nach innen – als überhöhter Erwartungsdruck an Eltern, alles richtig machen zu müssen. Auch das kann die Rolle zusätzlich schwer machen.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum manche Frauen erst im Nachhinein merken, dass sie eine Entscheidung getroffen haben, die nie wirklich zu ihnen passte. Wer gründlich abwägt, ob und wie Kinderwunsch in der Beziehung zum eigenen Leben passt, trifft die Entscheidung bewusster – auch wenn das keine Garantie gegen spätere Zweifel ist. Und in Partnerschaften, in denen ein unterschiedlicher Kinderwunsch besteht, kann der Druck, sich anzupassen, später besonders schwer wiegen.

Was hilft: Umgang und Entlastung

Regretting Motherhood ist kein Zustand, den man „wegtherapieren“ kann, denn die Entscheidung lässt sich nicht rückgängig machen, und das Kind ist da und bleibt geliebt. Trotzdem gibt es viel, was die Last leichter machen kann. Es geht weniger darum, das Gefühl aufzulösen, als darum, gut damit zu leben.

Das Gefühl anerkennen, ohne sich zu verurteilen

Der erste und oft schwerste Schritt ist, sich selbst nicht zu bestrafen. Ein Gefühl zu haben macht niemanden zu einem schlechten Menschen. Wer die Reue verdammt, verstärkt nur die Scham. Wer sie als Teil der eigenen Wahrheit anerkennt, gewinnt paradoxerweise Handlungsspielraum zurück.

Reden – mit den richtigen Menschen

Aussprechen entlastet, aber nur im geschützten Rahmen. Nicht jede Freundin, nicht jedes Familienmitglied ist die passende Adresse; manche reagieren mit Abwehr und verstärken die Isolation. Ein vertrauter Mensch, eine anonyme Gruppe oder professionelle Begleitung kann den Unterschied machen. Entscheidend ist ein Gegenüber, das zuhört, ohne sofort zu urteilen oder „umstimmen“ zu wollen.

Konkrete Entlastung im Alltag schaffen

Auch wenn die grundsätzliche Bilanz bleibt: Vieles am Erleben hängt an der konkreten Belastung. Verlässliche Betreuung, eine fairere Aufteilung der Aufgaben in der Partnerschaft, Zeitfenster nur für sich selbst – solche Veränderungen ändern nichts an der Entscheidung von damals, aber sehr viel am Gefühl von heute. Wo die Rolle weniger erdrückt, wird sie erträglicher.

Professionelle Hilfe nutzen

Wenn die Gefühle stark belasten, wenn Niedergeschlagenheit dazukommt oder wenn die Beziehung zum Kind darunter zu leiden droht, ist Unterstützung von außen sinnvoll und kein Zeichen von Schwäche.

Wenn dich diese Gefühle stark belasten: Du bist damit nicht allein und nicht „schlecht“. Eine Erziehungs- und Familienberatung (§ 28 SGB VIII) ist kostenlos und vertraulich; Adressen findest du bei der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Bei anhaltender Niedergeschlagenheit hilft ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung. In akuten Krisen ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar.

Für Partner, Familie und Umfeld

Wer erfährt, dass die eigene Partnerin, Tochter oder Freundin ihre Mutterschaft bereut, erschrickt oft. Der erste Impuls ist häufig, das Gefühl kleinreden oder wegargumentieren zu wollen: „Das meinst du doch nicht so.“ Genau das ist der falsche Weg, denn es signalisiert, dass die Wahrheit der Frau nicht ausgesprochen werden darf.

Hilfreicher ist Zuhören ohne Gegenrede. Ein „Ich verstehe, dass das schwer für dich ist“ trägt weiter als jeder Ratschlag. Wer sofort widerspricht, meint es meist gut, erreicht aber das Gegenteil: Die Frau lernt, dass ihr ehrliches Gefühl unerwünscht ist, und zieht sich noch weiter zurück. Für Partner lohnt sich zudem der ehrliche Blick auf die eigene Rolle: Wie ist die Verantwortung tatsächlich verteilt? Wer trägt die Termine im Kopf, wer springt bei Krankheit ein, wer denkt an das, was leicht vergessen wird? Wo ließe sich konkret entlasten? Reue ist selten nur ein individuelles Problem, sie hat oft handfeste, veränderbare Ursachen im gemeinsamen Alltag – und daran lässt sich arbeiten, auch wenn die Grundentscheidung bestehen bleibt.

Und für alle gilt: Dass eine Mutter ihre Rolle bereut, ist keine Aussage über die Liebe zum Kind. Diese beiden Ebenen auseinanderzuhalten, ist der wichtigste Beitrag, den das Umfeld leisten kann.

Häufige Missverständnisse im Überblick

Weil das Thema so aufgeladen ist, halten sich einige hartnäckige Irrtümer. Es lohnt sich, sie klar zu benennen:

  • „Wer bereut, liebt sein Kind nicht.“ Falsch. Bereut wird die Rolle, nicht der Mensch. Liebe und Reue bestehen häufig nebeneinander.
  • „Das ist doch nur eine Depression.“ Nicht zwangsläufig. Reue kann auch bei stabiler psychischer Gesundheit bestehen. Eine Depression ist etwas anderes und braucht Behandlung.
  • „Das ist nur die anstrengende Anfangszeit.“ Nein. Überforderung schwankt, Reue meint die dauerhafte Bilanz. Sie kann Frauen betreffen, deren Kinder längst erwachsen sind.
  • „Ganz viele Mütter bereuen es, das ist total normal.“ Auch das überdehnt die Faktenlage. Über die tatsächliche Häufigkeit gibt es keine belastbaren Zahlen; die bekannte Studie war qualitativ.
  • „Darüber sollte man einfach nicht sprechen.“ Das Schweigen ist Teil des Problems, nicht die Lösung. Sichtbarkeit nimmt Betroffenen die Isolation.

Wie stark Gefühle und ihre gesellschaftliche Bewertung auseinanderfallen können, ist auch ein psychologisch spannendes Feld. Vertiefende, seriös aufbereitete Beiträge zu Emotionen und ihrer Erforschung finden sich etwa im Wissenschaftsmagazin Spektrum – ein guter Anlaufpunkt, um die Mechanik hinter Scham, Ambivalenz und sozialem Druck besser zu verstehen.

Fazit: Ein Gefühl braucht keinen Beifall, aber einen Raum

Regretting Motherhood ist keine Provokation und keine Diagnose, sondern die ehrliche Beschreibung eines Erlebens, das lange kaum aussprechbar war. Der Verdienst von Orna Donaths Arbeit liegt weniger in Zahlen – die gibt ihre qualitative Studie gar nicht her – als darin, einem verschwiegenen Gefühl eine Sprache gegeben zu haben.

Wer diese Reue empfindet, ist keine schlechte Mutter. Sie hält zwei Wahrheiten gleichzeitig aus: die Liebe zu ihrem Kind und die Erkenntnis, dass die Rolle nicht zu ihr passt. Das anzuerkennen – für sich selbst und im Umfeld – nimmt niemandem etwas weg. Es schafft nur den Raum, in dem ehrlich gefühlt und, wo nötig, Unterstützung gesucht werden kann. Und genau dieser Raum ist oft schon der erste Schritt zur Entlastung.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet Regretting Motherhood genau?

Regretting Motherhood beschreibt das Gefühl von Müttern, die ihre Kinder lieben, aber bereuen, überhaupt Mutter geworden zu sein. Bereut wird die Rolle und der damit verbundene Lebensentweg, nicht das Kind als Person. Geprägt hat den Begriff die israelische Soziologin Orna Donath in ihrer Studie von 2015 und dem Buch von 2016.

Ist Regretting Motherhood dasselbe wie eine Wochenbettdepression?

Nein. Eine postpartale oder Wochenbettdepression ist eine klinische Erkrankung mit Symptomen wie tiefer Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder Angst und lässt sich behandeln. Regretting Motherhood ist keine Diagnose, sondern eine dauerhafte, nüchterne Lebensbilanz. Beides kann zusammen auftreten, ist aber nicht dasselbe.

Wie viele Mütter bereuen ihre Mutterschaft?

Dazu gibt es keine gesicherte Zahl. Orna Donaths ursprüngliche Untersuchung war qualitativ und beruhte auf Interviews mit 23 Frauen in Israel. Daraus lässt sich keine repräsentative Häufigkeit für die Gesamtbevölkerung ableiten. Seriös ist nur die Aussage, dass es dieses Gefühl gibt und dass es nicht selten verschwiegen wird.

Heißt Reue, dass eine Mutter ihr Kind nicht liebt?

Nein, und genau das ist der Kern. Viele betroffene Frauen beschreiben eine starke Liebe zu ihren Kindern und würden ihnen nie schaden wollen. Bereut wird die Entscheidung für die Rolle, nicht der Mensch, der daraus entstanden ist. Liebe und Reue schließen sich nicht aus, sie bestehen oft gleichzeitig.

Warum ist das Thema so ein Tabu?

Weil unsere Kultur Mutterschaft eng mit Erfüllung, Glück und Selbstlosigkeit verknüpft. Wer sagt, dass sie es bereut, verstößt gegen dieses Ideal und riskiert Empörung oder den Vorwurf, eine schlechte Mutter zu sein. Diese Angst vor Verurteilung führt dazu, dass viele Frauen schweigen und sich isoliert fühlen.

Was hilft, wenn ich meine Mutterschaft bereue?

Hilfreich ist zuerst, das Gefühl ohne Selbstverurteilung anzuerkennen und mit einem sicheren Gegenüber darüber zu sprechen. Eine Erziehungs- und Familienberatung ist kostenlos und vertraulich, bei anhaltender Niedergeschlagenheit ist ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll. Entlastung im Alltag und ehrlicher Austausch mit dem Partner können den Druck spürbar senken.

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