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Cringe: Bedeutung, Herkunft und die Psychologie dahinter

Cringe heißt wörtlich zusammenzucken. Woher das Wort kommt, wie es im Deutschen benutzt wird und warum Fremdscham körperlich so wehtut.

Laura Weber
Laura Weber
· 15 Min. Lesezeit

Du scrollst durch TikTok, jemand tanzt völlig ernst gemeint zu einem Sound von vorgestern, und dein ganzer Körper macht diese kleine Bewegung: Schultern hoch, Kopf ein Stück zurück, Gesicht verzogen. Das ist cringe. Und der Witz an dem Wort ist, dass es genau das beschreibt, was dein Körper in diesem Moment tut – denn „cringe” heißt auf Englisch nichts anderes als zusammenzucken.

Kaum ein Anglizismus hat sich in den letzten Jahren so schnell im Deutschen festgesetzt. Er füllt eine Lücke, die „peinlich” allein nicht abdeckt. Und dahinter steckt ein psychologisch überraschend gut untersuchtes Gefühl: Fremdscham, im Englischen „vicarious embarrassment”, stellvertretende Verlegenheit. Schauen wir uns beides an – erst das Wort, dann das, was es in dir auslöst.

Was „cringe” wörtlich heißt

Das englische Verb „to cringe” bedeutet: sich ducken, sich zusammenkrümmen, vor etwas zurückschrecken. Ursprünglich ist das eine reine Körperbewegung. Man cringt vor einem erhobenen Arm, vor einem lauten Geräusch, vor Ekel.

Erst später kam die soziale Bedeutung dazu: Man zuckt nicht mehr nur vor einem Schlag zurück, sondern vor einer Peinlichkeit. Die körperliche Reaktion ist dabei erstaunlich ähnlich geblieben – Schultern hoch, Kinn runter, wegschauen. Genau darum passt das Wort so gut.

Im Deutschen gibt es dafür keine wirklich elegante Entsprechung. „Fremdschämen” trifft die soziale Seite, aber nicht das Körperliche. „Zusammenzucken” trifft das Körperliche, aber nicht das Soziale. „Cringe” bündelt beides in einer Silbe. Das erklärt einen Großteil seines Erfolgs.

Wie „cringe” im Deutschen benutzt wird

Grammatisch ist der Fall interessant, weil das Wort auf zwei Wegen ins Deutsche gekommen ist.

Als Adjektiv. „Das ist so cringe.” „Die Rede war echt cringe.” Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache führt „cringe” als Adjektiv der Jugendsprache und beschreibt die Bedeutung als „ein Gefühl peinlichen Unwohlseins, von Scham (beim Betrachter) hervorrufend”. Als Synonyme nennt es peinlich, beschämend, blamabel. Wichtig: Das Adjektiv wird nicht gesteigert. „Cringer” oder „am cringesten” sagt niemand – man behilft sich mit „mega cringe” oder „so cringe”.

Als Verb. Daneben hat sich „cringen” gebildet, und das wird völlig regelmäßig konjugiert: ich cringe, du cringst, sie cringt, ich cringte, ich habe gecringt – die Form „gecringed” existiert parallel. Auch dieses Verb ist im DWDS erfasst.

Der Unterschied im Gebrauch ist subtil, aber real. Das Adjektiv bewertet die Sache: „Der Post ist cringe.” Das Verb beschreibt dich: „Ich hab so gecringt.” Wenn du das Verb benutzt, redest du über deine Reaktion. Wenn du das Adjektiv benutzt, fällst du ein Urteil über jemand anderen. Diese Verschiebung wird später noch wichtig.

Es gibt außerdem eine Substantivierung, die vor allem online läuft: „der Cringe”, „ein Moment voller Cringe”. Die ist weniger fest etabliert, taucht aber häufig genug auf, dass sie niemanden mehr irritiert.

Woher das Wort kommt

Etymologisch reicht „cringe” weit zurück. Die englische Form entstand im 16. Jahrhundert in der Bedeutung „sich bücken, sich ducken” und geht auf ein altenglisches Verb zurück, das so viel hieß wie nachgeben, zusammensinken, im Kampf fallen. Die dahinterliegende germanische Wurzel bedeutet schlicht: biegen, krümmen.

Das ist mehr als eine Fußnote. Das Wort hat von Anfang an eine Körperhaltung beschrieben – die des Sich-Kleinmachens. Die soziale Färbung war von Beginn an mitgedacht: Schon die frühen Belege meinen nicht nur das Sich-Ducken, sondern das Sich-Ducken vor Höhergestellten – unterwürfig, kriecherisch. Diese Bedeutung von Demütigung und Unterordnung schwingt im heutigen Gebrauch noch mit, auch wenn kaum jemand sie bewusst mitdenkt. Diese Bedeutung von Demütigung und Unterordnung schwingt im heutigen Gebrauch noch mit, auch wenn kaum jemand sie bewusst mitdenkt.

Die moderne Verwendung als eigenständiges Adjektiv ist dagegen jung. Im englischsprachigen Internet kursierten zunächst zusammengesetzte Formen wie „cringeworthy” oder „cringe-inducing”. Erst in den 2010er-Jahren löste sich „cringe” davon und stand allein – befeuert von Foren, Reaction-Videos und ganzen Communities, die sich dem Sammeln peinlicher Clips widmeten.

Über TikTok ins Deutsche

Ins deutsche Alltagsvokabular kam „cringe” über soziale Netzwerke, vor allem über TikTok und YouTube. Der Weg ist typisch für Jugendsprache der letzten Jahre: Ein Begriff wird in englischsprachigen Communities geprägt, wandert über Video-Plattformen zu deutschsprachigen Jugendlichen und wird dabei grammatisch eingedeutscht.

Bemerkenswert ist die Geschwindigkeit. Wörter wie „cool” oder „nice” brauchten Jahrzehnte, um sich einzubürgern. „Cringe” schaffte das in wenigen Jahren – weil Videoplattformen Sprache nicht mehr regional, sondern global verteilen.

Jugendwort des Jahres: Was tatsächlich passiert ist

Hier lohnt der genaue Blick, weil im Netz einiges durcheinandergeht.

„Cringe” wurde 2021 Jugendwort des Jahres. In der Endabstimmung setzte es sich mit 42 Prozent der Stimmen gegen „sus” und „sheesh” durch. Schon im Jahr davor, 2020, stand „cringe” in der Endauswahl – dort gewann allerdings „lost”, ebenfalls klar. Der dritte Finalist 2020 war „wild” beziehungsweise „wyld”.

Häufig liest man, „cringe” sei 2019 gewählt worden. Das stimmt nicht: 2019 fand gar keine Wahl statt. Die Marke Langenscheidt wechselte damals den Verlag, und die Aktion pausierte für ein Jahr.

Der Titel selbst ist übrigens mit Vorsicht zu genießen. Die Wahl ist eine Marketingaktion eines Verlags, keine sprachwissenschaftliche Erhebung, und wurde regelmäßig dafür kritisiert, dass die nominierten Wörter unter Jugendlichen teils kaum verbreitet sind. Bei „cringe” ist das anders – der Begriff war schon vor der Wahl fest etabliert. Aber als Beleg für tatsächlichen Sprachgebrauch taugt die Auszeichnung generell nur bedingt.

Cringe, peinlich, Fremdscham: Wo der Unterschied liegt

Die drei Begriffe überlappen sich, meinen aber nicht dasselbe.

  1. Peinlich beschreibt die Situation, und zwar aus jeder Perspektive. Dir kann etwas peinlich sein, das du selbst getan hast. Das Wort funktioniert für eigene und fremde Missgeschicke gleichermaßen.
  2. Fremdscham beschreibt ein Gefühl, das sich klar auf jemand anderen richtet. Du empfindest die Scham, die eigentlich der anderen Person zusteht – oft gerade dann, wenn sie selbst keine empfindet. Wenn du tiefer einsteigen willst, warum das so wehtut und wie man damit umgeht: Der Artikel über die Ursachen von Fremdscham und den Umgang damit nimmt genau das auseinander.
  3. Cringe liegt dazwischen und betont die körperliche Reaktion des Beobachtenden. Es ist Fremdscham plus Zusammenzucken – und es transportiert zusätzlich ein Urteil. „Das ist cringe” heißt immer auch: Ich bewerte das als Fehltritt.

Praktischer Test: Wenn du dich für dich selbst schämst, sagst du nicht „ich bin cringe”, sondern „mir ist das peinlich”. Sagst du doch „ich war so cringe”, nimmst du damit die Außenperspektive auf dich selbst ein. Und genau diese Außenperspektive ist der Kern der Sache.

Warum Cringe körperlich wehtut

Fremdscham ist eine der eigentümlichsten Emotionen überhaupt: Sie entsteht ohne eigenes Zutun und trifft trotzdem hart.

Die einflussreichste Untersuchung dazu stammt von einer Marburger Forschungsgruppe um Sören Krach, veröffentlicht 2011 in der Fachzeitschrift PLoS ONE unter dem Titel „Your Flaws Are My Pain”. Die Studie zeigte zwei Dinge, die zum Alltagserleben passen. Erstens: Menschen empfinden Fremdscham unabhängig davon, ob die beobachtete Person absichtlich oder versehentlich einen Fehltritt begeht – und unabhängig davon, ob sie es selbst bemerkt. Zweitens: In der funktionellen Bildgebung zeigten sich Aktivierungen unter anderem im anterioren cingulären Cortex und in der linken vorderen Insel – Regionen, die auch reagieren, wenn wir den Schmerz anderer miterleben. Diese Aktivierung hing positiv mit der individuell gemessenen Empathiefähigkeit zusammen.

Wichtig ist die Einordnung: Das sind Zusammenhänge, keine Beweise für eine Ursache. Und fMRT-Studien arbeiten in aller Regel mit kleinen Stichproben. Der Befund passt gut zu dem, was Menschen berichten – er erklärt aber nicht, wie Fremdscham entsteht, sondern zeigt, dass sie in ähnlichen Netzwerken verarbeitet wird wie andere unangenehme soziale Erfahrungen.

Eine spätere Arbeit derselben Gruppe (Müller-Pinzler und Kolleginnen, 2016) fand, dass soziale Nähe eine Rolle spielt: Die Reaktion fiel stärker aus, wenn Freundinnen und Freunde in peinliche Lagen gerieten, nicht Fremde. Auch das deckt sich mit Alltagserfahrung – bei der eigenen Familie cringt man mehr als bei Unbekannten im Netz.

Die Spiegelneuronen-Falle

An dieser Stelle taucht in fast jedem Text zum Thema derselbe Satz auf: Spiegelneuronen seien schuld, sie ließen uns fremde Gefühle nachempfinden.

Das ist eine populärwissenschaftliche Überdehnung. Spiegelneuronen wurden ursprünglich bei Makaken beschrieben – Zellen, die sowohl beim Ausführen als auch beim Beobachten einer Handlung feuern. Daraus wurde in den 2000er-Jahren eine Universalerklärung für Empathie, Sprache und Autismus gebastelt. Der Neurowissenschaftler Gregory Hickok hat diese Erzählung in seinem Buch „The Myth of Mirror Neurons” (2014) systematisch auseinandergenommen: Die Schlussfolgerungen liefen den Daten weit voraus.

Der heutige Stand ist nüchterner. Spiegelnde Aktivität existiert. Ob sie Empathie erklärt, ist offen und umstritten – Empathie und Perspektivübernahme sind mit ziemlicher Sicherheit das Ergebnis mehrerer zusammenwirkender Netzwerke, nicht eines einzelnen Zelltyps. Wenn dir jemand Fremdscham mit Spiegelneuronen erklärt, ist das keine Lüge, aber eine starke Vereinfachung.

Nützlicher ist der Begriff der Mentalisierung: die Fähigkeit, sich vorzustellen, was in einem anderen Menschen vorgeht. Genau das passiert beim Cringen. Du simulierst innerlich, wie sich die Situation für die andere Person anfühlen müsste – und wenn sie diese Scham selbst nicht empfindet, übernimmst du sie stellvertretend. Wie diese Fähigkeit auch in Partnerschaften wirkt und sich trainieren lässt, ist ein Thema für sich.

Warum manche stärker cringen als andere

Der Unterschied zwischen Menschen ist hier enorm. Manche zappen weg, wenn im Film jemand eine Rede verhaspelt. Andere schauen mit mildem Interesse zu.

Empathie-Ausprägung. Wer sich leicht in andere hineinversetzt, cringt tendenziell stärker – so der Zusammenhang, den die Marburger Studien nahelegen. Das ist keine Schwäche, sondern die Kehrseite einer sozialen Fähigkeit.

Soziale Ängstlichkeit. Wer selbst viel Angst davor hat, sich zu blamieren, reagiert auf fremde Blamagen empfindlicher. Nachvollziehbar: Die beobachtete Szene ist eine Vorschau auf das eigene Worst-Case-Szenario. Die Forschungsgruppe um Krach hat auch untersucht, wie soziale Ängstlichkeit die Verarbeitung von Peinlichkeit verändert. Wenn dich das im Alltag stark einschränkt, lohnt der Blick auf Dating und Kennenlernen mit sozialer Angst – dort geht es konkret um den Umgang damit.

Perfektionismus. Wer sich selbst harte Maßstäbe setzt, legt sie automatisch auch an andere an. Je enger deine Vorstellung davon ist, was „richtig” wirkt, desto mehr Situationen fallen unter cringe.

Reizoffenheit. Menschen, die sich selbst als hochsensibel beschreiben, berichten oft von intensiverem Erleben solcher Momente. Anzumerken ist, dass „Hochsensibilität” kein klinischer Befund ist, sondern ein populäres Persönlichkeitskonzept mit gemischter Forschungslage – als Selbstbeschreibung ist es brauchbar, als Diagnose nicht.

Cringe-Attacken: Wenn dich eine Peinlichkeit von 2014 nachts weckt

Die verbreitetste Form von Cringe richtet sich nicht gegen andere, sondern gegen dich selbst. Du liegst im Bett, es ist ruhig, und plötzlich ist er wieder da: dieser eine Satz, den du vor elf Jahren auf einer Party gesagt hast. Du zuckst zusammen, ziehst die Decke hoch, machst vielleicht ein Geräusch.

Falls dich das beruhigt: Das ist kein Sonderfall. Es ist eine der am breitesten geteilten Erfahrungen überhaupt.

Warum abends? Weil tagsüber jeder Gedanke sofort vom nächsten überschrieben wird. Nachrichten, Termine, Geräusche. Nachts fällt diese Ablenkung weg, das Gehirn hat Kapazität – und greift ins Archiv. Ohne den relativierenden Kontext des Alltags wirkt ein kleiner Ausrutscher plötzlich riesig.

Dazu kommt ein Mechanismus, der die Sache verschlimmert: das Grübeln. Du spielst die Szene noch einmal durch, korrigierst sie, suchst die Antwort, die du hättest geben sollen. Das fühlt sich nach Problemlösung an, ist aber keine – die Situation ist vorbei. Was du stattdessen tust: Du rufst die Erinnerung erneut ab und verfestigst sie. Wer diese Schleife kennt, findet unter Grübelzwang stoppen konkrete Ausstiege.

Was gegen Cringe-Attacken hilft

Es gibt keinen Schalter, aber es gibt Dinge, die zuverlässig etwas verändern.

  1. Den Spotlight-Effekt kennen. Thomas Gilovich und Kollegen zeigten im Jahr 2000 in einer inzwischen klassischen Studienreihe, dass Menschen massiv überschätzen, wie sehr andere sie beachten. In einem Versuch mussten Studierende ein peinliches T-Shirt tragen und schätzen, wie vielen es aufgefallen war – sie lagen etwa doppelt so hoch wie die Realität. Der Effekt ist gut belegt, seine Stärke hängt aber von der Situation ab. Die Grundaussage bleibt: Der einzige Mensch, der deine Peinlichkeit von 2014 noch abrufen kann, bist du.
  2. Das Gefühl benennen statt bekämpfen. „Das ist eine Cringe-Attacke, sie dauert etwa zwei Minuten.” Benennen nimmt Schärfe, weil es dich vom Erleben in die Beobachtung schiebt.
  3. Selbstmitgefühl üben. Nicht als Wohlfühlvokabel, sondern als konkrete Praxis: Sprich mit dir, wie du mit einer Freundin sprechen würdest, der dasselbe passiert ist. Was das praktisch heißt, steht ausführlich unter Selbstmitgefühl üben.
  4. Den inneren Kommentator entlarven. Die Stimme, die dir sagt, du seist peinlich, ist keine neutrale Instanz. Sie hat einen Ton, eine Herkunft und oft ein Vorbild. Wie du sie leiser stellst: innerer Kritiker zum Schweigen bringen.
  5. Körperlich abschließen. Aufstehen, Wasser trinken, kurz ans Fenster. Cringe ist eine körperliche Reaktion – manchmal reicht es, dem Körper eine andere Aufgabe zu geben.
  6. Unterscheiden lernen. Nicht jede Scham ist gleich. Wenn du merkst, dass es nicht um einen einzelnen Moment geht, sondern um ein Grundgefühl, nicht richtig zu sein, ist das etwas anderes – siehe Scham überwinden.

Wenn Cringe zur Abwertung wird

Bisher ging es um ein Gefühl. Jetzt geht es um ein Wort, das benutzt wird.

„Cringe” ist ein bequemes Urteil. Es kostet nichts, braucht keine Begründung und wirkt sofort. Wer etwas als cringe markiert, muss nicht sagen, was daran schlecht ist – es genügt der Hinweis, dass die Person offenbar nicht mitbekommen hat, wie sie wirkt. Das ist die eigentliche Härte: Der Vorwurf lautet nicht „du hast etwas falsch gemacht”, sondern „du merkst nicht einmal, dass du es falsch machst”.

Genau deshalb trifft er so. Er unterstellt fehlende Selbstwahrnehmung. Und er ist praktisch nicht zu widerlegen – Widerspruch macht es meist schlimmer.

Wer regelmäßig als cringe markiert wird, lernt schnell zwei Dinge: Sichtbarkeit ist gefährlich, und Begeisterung ist ein Risiko. Menschen fangen an, sich vorsorglich klein zu machen. Sie posten weniger, sagen weniger, wagen weniger. Was dabei verloren geht, ist ausgerechnet die Fähigkeit, authentisch und ungeschützt zu sein – die Eigenschaft also, die andere Menschen tatsächlich anzieht.

Bei Jugendlichen kann diese Dynamik in ausgewachsene Ausgrenzung kippen. Wer das erlebt hat, kennt die langen Nachwirkungen – die reichen weit über die Schulzeit hinaus.

Ein brauchbarer Prüfstein für den eigenen Sprachgebrauch: Sage ich „ich hab gecringt” – dann rede ich über mich. Oder sage ich „die Person ist cringe” – dann urteile ich über einen Menschen. Der grammatische Unterschied ist klein. Der soziale ist es nicht.

Warum sich verschiebt, was als cringe gilt

Cringe ist keine feste Eigenschaft von Dingen. Es ist eine Verabredung – und die ändert sich rasend schnell.

Für viele Jugendliche gilt heute als cringe, was vor drei Jahren Standard war: bestimmte Emojis, zu perfekt inszenierte Fotos, Sprüche, die in einer bestimmten Zeit cool waren. Auffällig ist ein Muster: Cringe ist oft das, was bemüht wirkt. Nicht das Ungeschickte an sich, sondern das sichtbare Bemühen um Wirkung. Deshalb trifft es Erwachsene, die Jugendsprache benutzen, so zuverlässig – der Versuch ist erkennbar.

Daraus ergibt sich die soziale Funktion. Cringe ist ein Abgrenzungswerkzeug. Wer treffsicher benennt, was cringe ist, beweist damit, dass er dazugehört. Es ist ein Zugehörigkeitssignal, verpackt als ästhetisches Urteil.

Für ältere Generationen ist das schwer zu greifen, weil die Regeln nirgends stehen und sich ständig ändern. Sie unterscheiden sich nicht nur zwischen Alterskohorten, sondern zwischen Plattformen. Was auf TikTok cringe ist, ist auf LinkedIn Standard. Dass sich damit auch Kennenlern- und Flirtcodes verschieben, zeigt sich etwa daran, wie Generation Z über Rizz und Flirten spricht.

Bemerkenswert ist, dass innerhalb der Netzkultur längst eine Gegenbewegung läuft. „Cringe culture is dead” wurde selbst zum verbreiteten Slogan: die Aufforderung, Leute einfach Dinge mögen zu lassen. Ob sich das durchsetzt, ist offen. Aber der Reflex, jede Begeisterung erst auf Peinlichkeit zu prüfen, wird zunehmend selbst als anstrengend empfunden.

Wann Cringe mehr ist als ein Gefühl

Für die meisten Menschen ist Cringe eine unangenehme Sekunde und dann vorbei. Es gibt aber Punkte, an denen es kippt.

Wenn die Angst, peinlich zu wirken, dazu führt, dass du Situationen dauerhaft meidest – Vorträge, Telefonate, Verabredungen, Gruppen. Wenn du dich stundenlang durch alte Momente quälst und nicht mehr herauskommst. Wenn Schlaf, Arbeit oder Beziehungen darunter leiden. Wenn das Gefühl, grundsätzlich peinlich zu sein, sich in ein Gefühl verwandelt hat, grundsätzlich falsch zu sein – das beschreibt der Artikel über toxische Scham in Beziehungen genauer.

Solche Muster sind gut behandelbar. Bei ausgeprägten sozialen Ängsten empfiehlt die medizinische Leitlinie Psychotherapie oder medikamentöse Behandlung – welche davon, entscheidest du gemeinsam mit deiner Behandlerin. Unter den Psychotherapieverfahren hat die kognitive Verhaltenstherapie die beste Evidenz und die stärkste Empfehlung. Eine Phobie ist eine häufige Form der Angststörung, und das Bundesgesundheitsministerium fasst auf gesund.bund.de zusammen, was im Umgang mit Angst hilft – vor allem: Vermeidung nicht weiter zu füttern.

Wenn dich das belastet, hol dir Unterstützung. Erste Anlaufstelle ist deine Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Praxis. Einen Termin vermittelt der Terminservice der Kassenärztlichen Vereinigung unter 116 117. Wenn du sofort mit jemandem sprechen möchtest: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erreichbar – kostenlos, anonym und vertraulich. Dieser Artikel ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung.

Was von Cringe bleibt

Es ist ein gutes Wort. Präzise, körperlich, sofort verständlich. Es beschreibt etwas, für das dem Deutschen bislang der kurze Begriff fehlte, und es hat sich zu Recht durchgesetzt.

Und es ist ein Wort mit zwei Gesichtern. Als Beschreibung deiner Reaktion ist es harmlos und ehrlich – du zuckst zusammen, das darf man sagen. Als Etikett für Menschen wird es zu einem Urteil, gegen das sich niemand wehren kann.

Vielleicht ist das die brauchbarste Erkenntnis: Cringe ist deine Empathie, die sich bemerkbar macht. Du spürst die Blamage eines anderen, weil du dir vorstellen kannst, wie sie sich anfühlt. Das ist keine Schwäche und kein Grund für Verachtung. Und wenn dich nachts eine Erinnerung von vor zehn Jahren wach macht, dann liegt die Wahrheit näher, als es sich anfühlt: Alle anderen, die dabei waren, haben es längst vergessen.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet cringe auf Deutsch?

„Cringe“ kommt vom englischen Verb „to cringe“ und heißt wörtlich zusammenzucken, sich zusammenkrümmen, zurückschrecken. Im Deutschen wird es fast immer im übertragenen Sinn benutzt: Etwas ist so peinlich, dass du innerlich zusammenzuckst. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache führt es als Adjektiv der Jugendsprache und umschreibt es mit „ein Gefühl peinlichen Unwohlseins hervorrufend“.

Ist cringe ein Adjektiv oder ein Verb?

Beides existiert im Deutschen nebeneinander. „Cringe“ selbst wird als Adjektiv verwendet, das nicht gesteigert wird: „Das ist so cringe.“ Daneben hat sich das Verb „cringen“ eingebürgert, das ganz normal konjugiert wird: ich cringe, du cringst, er cringte, ich habe gecringt oder gecringed. Beide Formen sind lexikografisch erfasst.

Wann war cringe Jugendwort des Jahres?

„Cringe“ wurde 2021 zum Jugendwort des Jahres gewählt und setzte sich im Finale gegen „sus“ und „sheesh“ durch. Schon 2020 stand es in der Endauswahl, unterlag dort aber „lost“. Eine Wahl im Jahr 2019 gab es nicht, weil die Marke Langenscheidt damals den Verlag wechselte und die Aktion pausierte.

Was ist der Unterschied zwischen cringe und peinlich?

„Peinlich“ beschreibt in erster Linie die Situation und funktioniert auch für dich selbst: Dir ist etwas peinlich. „Cringe“ beschreibt vor allem deine Reaktion als Zuschauerin oder Zuschauer – das Zusammenzucken beim Beobachten. Der typische Cringe-Moment entsteht deshalb dann, wenn sich jemand blamiert, es aber selbst gar nicht merkt.

Warum fallen mir nachts alte Peinlichkeiten ein?

Solche Cringe-Attacken sind extrem verbreitet. Abends fehlen die Ablenkungen, die tagsüber jeden Gedanken sofort überschreiben, und das Gehirn hat Platz für alte Erinnerungen. Erschwerend kommt hinzu, dass wir beim Grübeln die Szene immer wieder abrufen und dadurch erneut abspeichern. Wenn dich das regelmäßig um den Schlaf bringt, ist das ein guter Anlass, mit deiner Hausärztin oder einer Psychotherapeutin darüber zu sprechen.

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