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Zwei Menschen sitzen sich am Küchentisch gegenüber und sprechen miteinander, dazwischen liegt ein Smartphone

Sender-Empfänger-Modell einfach erklärt (mit Beispielen)

Sender-Empfänger-Modell einfach erklärt: Herkunft bei Shannon und Weaver, alle Bestandteile mit Paar-Beispielen, Grenzen des Modells und was du daraus mitnimmst.

Dr. Thomas Peters
Dr. Thomas Peters
· 15 Min. Lesezeit

Das Sender-Empfänger-Modell ist das Kommunikationsmodell, das die meisten Menschen zuerst kennenlernen: einer sagt etwas, der andere hört es, dazwischen kann etwas schiefgehen. So simpel es klingt, so gut erklärt es die Momente, in denen du dich nach einem Gespräch fragst, wie aus deinem harmlosen Satz ein Streit werden konnte.

Was auf den meisten Erklärseiten fehlt: Dieses Modell wurde nie für Menschen gebaut. Es stammt aus der Nachrichtentechnik. Wer das weiß, versteht sowohl, warum es hilft, als auch, wo es zuverlässig danebenliegt.

Sender-Empfänger-Modell: die Kurzantwort

Das Sender-Empfänger-Modell beschreibt Kommunikation als Übertragung: Ein Sender verwandelt einen Gedanken in Zeichen (Kodierung), schickt ihn über einen Kanal, und ein Empfänger übersetzt diese Zeichen wieder in Bedeutung (Dekodierung). Weil auf diesem Weg Störungen wirken – im Modell „Rauschen” genannt –, ist die empfangene Nachricht fast nie identisch mit der gemeinten.

Der praktische Kern in einem Satz: Nicht die Absicht entscheidet, was ankommt, sondern das Ergebnis der Übersetzung beim anderen.

Woher das Modell stammt: Shannon, Weaver und ein Ingenieursproblem

Der Ursprung ist überraschend unromantisch. Der Mathematiker Claude E. Shannon veröffentlichte 1948 im Bell System Technical Journal den zweiteiligen Aufsatz „A Mathematical Theory of Communication”. Shannon arbeitete bei den Bell Labs, dem Forschungsarm der amerikanischen Telefongesellschaft. Sein Problem war kein zwischenmenschliches: Er wollte wissen, wie sich Signale über eine gestörte Leitung möglichst verlustfrei übertragen lassen. Die Originalarbeit von 1948 ist frei zugänglich.

Shannons Schema kennt fünf Elemente: eine Informationsquelle, einen Sender (transmitter), einen Kanal, einen Empfänger (receiver) und ein Ziel. Dazu kommt eine Störquelle, die auf den Kanal wirkt. Bedeutung spielte darin ausdrücklich keine Rolle. Shannon schreibt trocken, semantische Aspekte seien „irrelevant to the engineering problem”.

1949 erschien daraus ein Buch: „The Mathematical Theory of Communication”, in dem Shannons Aufsatz zusammen mit einem einleitenden Text von Warren Weaver veröffentlicht wurde. Weaver war Mathematiker und Wissenschaftsmanager bei der Rockefeller Foundation, nicht bei den Bell Labs. Er war es, der vorschlug, das Schema über die Technik hinaus zu lesen.

Weaver unterschied drei Ebenen von Kommunikationsproblemen: die technische (kommt das Signal korrekt an?), die semantische (trägt das Signal die gemeinte Bedeutung?) und die Wirkungsebene (löst die Nachricht das Verhalten aus, das der Sender wollte?). Erst mit dieser Erweiterung wurde aus einem Ingenieursmodell etwas, das man auf Gespräche zwischen Menschen anwenden konnte.

Das ist der entscheidende Punkt, den viele Erklärungen unterschlagen: Die Übertragung auf zwischenmenschliche Kommunikation ist eine nachträgliche Analogie. Sie ist nützlich, aber sie ist eine Vereinfachung – und zwar eine, die den Menschen wie eine Leitung behandelt.

Sprachlich passt das schlecht zusammen. „Kommunikation” geht auf das lateinische communicare zurück, also „etwas gemeinsam machen”, verwandt mit communis, gemeinsam. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache führt die Bedeutung „Verständigung, besonders mit Hilfe von Sprache, Zeichen”. Gemeinsam machen ist etwas anderes als hinüberschicken. Genau in dieser Differenz liegen die Grenzen des Modells.

Die Bestandteile auf einen Blick

Die Schulfassung des Modells benennt die Bausteine etwas anders als Shannon. Diese Tabelle stellt den technischen Ursprung dem gegenüber, was der jeweilige Baustein in einem echten Gespräch bedeutet.

BausteinBei Shannon (technisch)Im Paaralltag
SenderInformationsquelle, die eine Nachricht erzeugtDu hast ein Bedürfnis, ein Gefühl, eine Bitte
KodierungUmwandlung in ein übertragbares SignalDu suchst Worte, Tonfall, Zeitpunkt
NachrichtDie übertragene ZeichenfolgeDer Satz, der tatsächlich fällt
KanalLeitung, Funkwelle, SchallwelleKüchentisch, Telefon, Sprachnachricht, Chat
RauschenStörung auf der LeitungMüdigkeit, Lärm, Handy, Vorgeschichte, Stimmung
DekodierungRückübersetzung des SignalsDie andere Person legt Bedeutung hinein
EmpfängerZiel der NachrichtDein Gegenüber mit eigener Geschichte
RückkopplungIm Original nicht enthaltenNachfragen, spiegeln, prüfen, ob es ankam

Die letzte Zeile ist wichtiger, als sie aussieht. Dazu weiter unten mehr.

Sender und Kodierung: Was du meinst, ist nicht, was du sagst

Zwischen dem, was du fühlst, und dem, was du sagst, liegt ein Übersetzungsschritt. Diesen Schritt nennt das Modell Kodierung – und er geht häufiger schief als der Rest.

Ein Beispiel, das in Beratungsstellen fast wöchentlich auftaucht: Sie kommt nach Hause, er hat gekocht, und sie sagt: „Ist gut geworden.” Gemeint war: „Ich bin erschöpft und dankbar, dass du das gemacht hast.” Kodiert wurde daraus ein knapper Dreiwortsatz, der auch „geht so” heißen kann.

Kodierung umfasst mehr als Wortwahl. Sie umfasst Tonfall, Lautstärke, Timing und das, was du weglässt. Derselbe Satz „Wir müssen reden” ist morgens beim Kaffee eine Terminankündigung und nachts um halb zwölf eine Drohung.

Drei typische Kodierfehler:

  1. Verkürzen. Aus „Ich fühle mich übergangen, wenn du Pläne machst, ohne mich zu fragen” wird „Du machst immer, was du willst.”
  2. Verpacken. Kritik als Witz, Bitte als Vorwurf, Wunsch als Frage („Willst du wirklich so lange bleiben?”).
  3. Auslagern. Statt zu sagen, was du willst, beschreibst du, was der andere falsch macht.

Der Ausweg ist bekannt und trotzdem selten: Bedürfnisse in der ersten Person formulieren. Wie das konkret klingt, zeigen die Beispiele zu Ich-Botschaften statt Du-Vorwürfen und die Grundhaltung der gewaltfreien Kommunikation.

Der Kanal: Warum derselbe Satz per Chat anders ankommt

Der Kanal ist im technischen Modell neutral – eine Leitung eben. Im Alltag ist er alles andere als neutral, weil verschiedene Kanäle unterschiedlich viel Information durchlassen.

Ein persönliches Gespräch überträgt Worte, Tonfall, Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Pausen. Ein Telefonat verliert das Visuelle. Eine Sprachnachricht verliert zusätzlich die Möglichkeit, sofort zu reagieren. Ein Chat verliert fast alles außer den Zeichen selbst.

Deshalb eskalieren schriftliche Konflikte so zuverlässig. Der Satz „Machs wie du willst” trägt gesprochen einen Tonfall, der zwischen liebevoll und resigniert alles bedeuten kann. Geschrieben trägt er gar nichts – und der Empfänger füllt die Lücke mit seiner aktuellen Stimmung. Was das für den Beziehungsalltag heißt, ist im Text zur digitalen Kommunikation in der Beziehung ausführlicher beschrieben.

Die praktische Regel dahinter ist unspektakulär: Je heikler das Thema, desto reichhaltiger sollte der Kanal sein. Trennungen, Geld, Kinderwunsch, Verletzungen – nichts davon gehört in einen Chatverlauf.

Dekodierung und Empfänger: Dieselben Worte, zwei Bedeutungen

Auf der Empfängerseite passiert dasselbe noch einmal, nur rückwärts. Zeichen werden in Bedeutung übersetzt. Und diese Übersetzung läuft nicht neutral ab, sondern durch die Geschichte des Empfängers hindurch.

Ein Beispiel: Er sagt „Du warst gestern ziemlich still.” Gemeint ist eine Beobachtung. Wenn sie in einer Familie aufgewachsen ist, in der Stillsein als Schmollen ausgelegt wurde, dekodiert sie: Vorwurf. Wenn sie in einem Umfeld groß wurde, in dem niemand nachfragte, dekodiert sie: Interesse. Gleiche Nachricht, entgegengesetztes Ergebnis.

Dekodierung hängt an mehreren Dingen gleichzeitig:

  • an der eigenen Vorgeschichte und daran, wie in der Herkunftsfamilie geredet wurde
  • an der aktuellen Verfassung: Wer erschöpft ist, hört misstrauischer
  • an der Beziehungsgeschichte: Nach fünf ähnlichen Streits hört man den sechsten schon voraus
  • an den Erwartungen an die Beziehung, die man oft selbst nie ausgesprochen hat

Wichtig ist die nüchterne Konsequenz: Es gibt keine Nachricht, die „objektiv” freundlich ist. Es gibt nur Nachrichten, die bei einer bestimmten Person zu einem bestimmten Zeitpunkt so ankommen.

Rauschen: Die häufigsten Störquellen in echten Beziehungen

Bei Shannon war Rauschen elektrisches Knistern auf der Leitung. Weaver erweiterte den Begriff auf die semantische Ebene: Störungen, die nicht das Signal, sondern die Bedeutung verzerren. Im Alltag sind das vier Kategorien.

1. Körperliches Rauschen. Müdigkeit, Hunger, Schmerzen, Alkohol. Ein Gespräch um 23 Uhr nach einem Zwölfstundentag ist ein Gespräch auf einer schlechten Leitung. Wenn dein Gegenüber dauerhaft am Limit ist, lohnt der Blick auf die Ursache mehr als der nächste Klärungsversuch.

2. Situatives Rauschen. Fernseher, Kinder, offener Laptop, das Handy auf dem Tisch. Hier lohnt eine ehrliche Einordnung: Eine viel zitierte Studie von Przybylski und Weinstein (2013) fand bei Gesprächen zwischen einander fremden Personen im Labor, dass allein ein sichtbares Handy die empfundene Gesprächsqualität senkt — und zwar vor allem dann, wenn das Thema persönlich bedeutsam war. Mehrere spätere Replikationsversuche (unter anderem Crowley und Kollegen 2018 sowie Linares und Sellier 2021) konnten diesen Effekt allerdings nicht bestätigen. Der Befund ist also schwächer, als er oft dargestellt wird. Dass es stört, wenn jemand mitten im Gespräch aufs Display schaut, bleibt davon unberührt – das ist gemeintes Phubbing und dessen Wirkung auf die Beziehung.

3. Emotionales Rauschen. Ärger vom Job, Sorge um ein Elternteil, unausgesprochene Kränkung. Das Rauschen stammt dann gar nicht aus dem laufenden Gespräch, wird aber in ihm hörbar.

4. Rauschen aus der Vorgeschichte. Das hartnäckigste. Wenn ein Thema schon zwanzigmal zum Streit geführt hat, hört ihr beim einundzwanzigsten Mal nicht mehr die Worte, sondern das Muster. Wer diese Schleifen kennt, kann sie unterbrechen – die typischen Streitmuster in Beziehungen sind erstaunlich gut vorhersagbar.

Rauschen lässt sich selten ganz abstellen. Aber fast immer reduzieren: Handy weglegen, Fernseher aus, Uhrzeit verschieben, Thema ankündigen statt überfallen.

Rückkopplung: Der Teil, der im Original gar nicht vorkam

Hier wird es interessant, und hier liegt einer der häufigsten Fehler in Schulerklärungen: Shannons Modell von 1948 enthielt keine Rückkopplung. Es war eine Einbahnstraße von der Quelle zum Ziel. Der Prozess endete, sobald das Signal ankam.

Erst spätere Modelle bauten die Schleife ein. Wilbur Schramm veröffentlichte 1954 ein Modell, das Kommunikation als kreisförmigen Vorgang beschrieb, in dem beide Seiten abwechselnd senden und empfangen und in dem Feedback ein tragender Bestandteil ist. Wenn dir heute ein Sender-Empfänger-Diagramm mit Rückkopplungspfeil begegnet, siehst du nicht Shannon, sondern eine spätere Erweiterung.

Für die Praxis ist das der wertvollste Teil des ganzen Modells. Rückkopplung heißt: Statt anzunehmen, dass die Nachricht angekommen ist, prüfst du es.

Drei Formulierungen, die das leisten:

  1. „Ich will sichergehen, dass ich dich richtig verstanden habe – du meinst, dass …?”
  2. „Was ist bei dir angekommen, als ich das gesagt habe?”
  3. „Das kam gerade als Vorwurf bei mir an. War es so gemeint?”

Das ist derselbe Mechanismus, den man aus dem medizinischen Kontext kennt. Das IQWiG empfiehlt Patientinnen und Patienten, sich für Arztgespräche eine Frageliste vorzubereiten und am Ende noch einmal zu prüfen, ob wirklich klar ist, worum es geht und was zu tun ist — und andernfalls nachzufragen. Genau das ist Rückkopplung – nur eben in einem Kontext, in dem niemand behauptet, sie sei überflüssig.

Ein Wort zur Vorsicht: Rückkopplung ist nicht dasselbe wie die klassische Zuhörübung, bei der jeder Satz brav gespiegelt wird. Eine Studie von John Gottman und Kollegen (1998) an 130 frisch verheirateten Paaren fand, dass genau dieses Spiegeln in Konflikten kaum spontan vorkam und die spätere Zufriedenheit oder Stabilität nicht vorhersagte. Das löste eine bis heute nicht abgeschlossene Fachdebatte aus. Was in der Praxis hilft, ist die Haltung dahinter, nicht die Technik – dazu passen die Hinweise zum aktiven Zuhören.

Die Sender-Illusion: „Ich habe es doch gesagt”

Der häufigste Satz in festgefahrenen Paargesprächen ist nicht „Du hörst mir nicht zu”, sondern „Ich habe es doch gesagt”. Er beschreibt eine echte psychologische Verzerrung: Wir überschätzen systematisch, wie klar wir gewesen sind.

Zwei Befunde dazu, in unterschiedlicher Belastbarkeit:

Kenneth Savitsky, Boaz Keysar, Nicholas Epley und Kollegen zeigten 2011 in mehreren Experimenten den sogenannten closeness-communication bias: Menschen überschätzen ihre Verständlichkeit gegenüber engen Freundinnen und Ehepartnern stärker als gegenüber Fremden. Die Erklärung der Autoren: Bei Fremden achten wir bewusst darauf, dass die andere Perspektive abweicht. Bei Vertrauten senken wir die Wachsamkeit und nehmen unsere eigene Sicht als gemeinsame Basis an.

Das ist die unbequeme Pointe: Nähe schützt nicht vor Missverständnissen. Sie erzeugt sie mit.

Bekannter, aber deutlich schwächer belegt ist Elizabeth Newtons Experiment von 1990, in dem Teilnehmende bekannte Lieder auf einer Tischplatte klopften. Die Klopfenden schätzten, dass rund die Hälfte der Zuhörenden das Lied erraten würde; tatsächlich waren es drei von 120 Versuchen. Die Zahl wird viel zitiert, stammt aber aus einer unveröffentlichten Dissertation und wurde nie systematisch repliziert. Als Illustration taugt sie, als Beleg nur eingeschränkt.

Praktische Konsequenz: Behandle „Ich habe es gesagt” als Zwischenstand, nicht als Beweis. Gesagt und angekommen sind zwei verschiedene Ereignisse.

Die Grenzen des Modells – ehrlich benannt

Das Sender-Empfänger-Modell ist ein guter Einstieg und ein schlechter Endpunkt. Vier Einwände sind ernst zu nehmen.

Es ist linear. Das Modell zeigt einen Pfeil von A nach B. Reale Gespräche laufen gleichzeitig in beide Richtungen: Während du sprichst, liest du im Gesicht deines Gegenübers, wie es ankommt, und passt mitten im Satz an. Sender und Empfänger sind keine Rollen, die man abwechselnd einnimmt, sondern Zustände, die dauernd parallel laufen.

Es behandelt Bedeutung wie Daten. Eine Nachricht wird im Modell transportiert, nicht hergestellt. Tatsächlich entsteht Bedeutung erst zwischen zwei Menschen. Derselbe Satz bedeutet in einer sicheren Beziehung etwas anderes als in einer belasteten.

Die Beziehungsebene fehlt komplett. Im Modell gibt es nur Inhalt. Ob der Satz Nähe herstellt oder Distanz, ob er als Angriff, Bitte oder Fürsorge ankommt – dafür hat das Schema keinen Platz. Genau das ist aber der Stoff, aus dem Paarkonflikte gemacht sind.

Kontext und Nonverbales kommen nicht vor. Blick, Haltung, Schweigen, Timing, gemeinsame Geschichte, Machtverhältnisse – all das ist im Modell entweder „Rauschen” oder gar nichts. Für einen Telefonkanal ist das angemessen. Für ein Gespräch am Küchentisch nicht. Wie viel dabei über den Körper läuft, zeigt sich beim Deuten von Körpersprache – wobei auch dort Vorsicht gilt: Einzelne Gesten lassen sich nicht wie Vokabeln übersetzen.

Wer das Modell überdehnt, landet bei einem Denkfehler mit Folgen: Wenn Kommunikation nur Übertragung ist, dann sind Konflikte bloß Übertragungsfehler – und man müsste sie durch bessere Technik lösen können. Das erklärt, warum so viele Kommunikationstipps im Sand verlaufen. Sie reparieren die Leitung, während das Problem in der Beziehung liegt.

Was nach Shannon kam: Watzlawick, Schulz von Thun und andere

Genau an diesen Lücken setzten die Modelle an, die heute in der Kommunikationspsychologie dominieren.

Paul Watzlawick, Janet Beavin und Don D. Jackson veröffentlichten 1967 „Pragmatics of Human Communication” (deutsch 1969 als „Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien”). Ihre Axiome verschieben den Fokus radikal: Kommunikation hat immer einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei der Beziehungsaspekt bestimmt, wie der Inhalt zu verstehen ist. Und: Man kann nicht nicht kommunizieren – auch Schweigen und Weggehen sind Botschaften.

Friedemann Schulz von Thun legte 1981 mit „Miteinander reden 1” das Vier-Seiten-Modell vor. Jede Nachricht enthält demnach Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehungshinweis und Appell – und der Empfänger hört mit vier Ohren, oft mit einem lauter als den anderen. Wie sich das im Alltag auswirkt, zeigt der ausführliche Guide zu Schulz von Thun in der Beziehung.

Dazwischen liegt David K. Berlos SMCR-Modell von 1960 (Source, Message, Channel, Receiver), das die Übertragungslogik beibehielt, aber menschliche Faktoren wie Einstellungen, Wissen und sozialen Hintergrund auf beiden Seiten ergänzte.

Shannon/Weaver (1948/49)Watzlawick u. a. (1967)Schulz von Thun (1981)
GrundbildÜbertragungWechselwirkungVielschichtige Nachricht
Richtunglinear, einseitigzirkulär, wechselseitigwechselseitig
Beziehungsebenefehltzentraleine von vier Seiten
KernbegriffRauschenInhalts- und Beziehungsaspektvier Ohren
Stärkeerklärt Störungen saubererklärt Eskalationerklärt Missverständnisse
Schwächezu simpel für Menschenschwer prüfbarkeine Diagnostik

Eine Einordnung aller gängigen Modelle nebeneinander findest du in der Übersicht der Kommunikationsmodelle. Und wenn du wissen willst, wie ihr über eure Art zu reden reden könnt, ist Metakommunikation für Paare der nächste logische Schritt.

Drei Hebel, die du ab heute nutzen kannst

Das Modell ist theoretisch begrenzt, praktisch aber überraschend brauchbar – wenn du es auf drei Handlungen herunterbrichst.

1. Aktiv rückkoppeln statt annehmen. Beende heikle Gespräche nicht mit dem Gefühl, es gesagt zu haben, sondern mit einer Prüfung. Eine einzige Frage reicht: „Was ist bei dir angekommen?” Wenn die Antwort von deiner Absicht abweicht, hast du keinen Streit, sondern eine Information.

2. Deine Kodierung offenlegen. Sag dazu, was du meinst, nicht nur, was du sagst. „Das ist keine Kritik, das ist eine Bitte.” – „Ich bin gerade gereizt, das hat nichts mit dir zu tun.” Das nimmt dem Empfänger die Arbeit ab, deine Verpackung zu interpretieren. Wer damit systematisch arbeiten will, findet in den Grundlagen zur Kommunikation in der Beziehung das passende Handwerkszeug.

3. Rauschen reduzieren, bevor du sendest. Drei Fragen vor jedem schwierigen Gespräch: Ist der Zeitpunkt gut? Ist der Kanal richtig? Ist mindestens einer von uns beiden aufnahmefähig? Zwei Nein bedeuten: verschieben. Ein verschobenes Gespräch ist besser als ein verunglücktes. Wenn ihr immer wieder an denselben Stellen scheitert, hilft die systematische Herangehensweise bei Kommunikationsproblemen in der Beziehung.

Wenn Reden allein nicht mehr reicht

Manche Gesprächsprobleme sind keine Übersetzungsfehler. Wenn ihr euch im Kreis dreht, wenn jedes Gespräch in Abwertung kippt, wenn einer von euch beim Reden Angst hat – dann liegt das Problem nicht am Kanal, und kein Kommunikationsmodell der Welt löst es.

Das gilt auch, wenn Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder anhaltende Anspannung dazukommen. Rückzug und Gereiztheit sind häufige Begleiter psychischer Belastung, und sie lassen sich nicht wegkommunizieren.

Wo du Unterstützung findest: Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Praxis. Die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigungen vermittelt unter 116 117 Termine für ein Erstgespräch. In akuten Krisen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, ergänzend auch unter 116 123. Einen Überblick über weitere Anlaufstellen bei psychischen Krisen bietet das Bundesgesundheitsministerium. Für Paare gibt es zusätzlich kostenfreie oder einkommensabhängige Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen vor Ort.

Dieser Artikel erklärt ein Modell. Er ersetzt keine Diagnose, keine Therapie und keine Beratung.

Zum Schluss die ehrlichste Zusammenfassung, die dieses Modell verdient: Das Sender-Empfänger-Modell ist ein Werkzeug aus der Nachrichtentechnik, das man sich für den Hausgebrauch ausgeliehen hat. Es erklärt gut, warum Botschaften unterwegs kaputtgehen. Es erklärt nicht, warum zwei Menschen sich verletzen, obwohl beide gut meinen. Für das Erste ist es unschlagbar praktisch. Für das Zweite braucht ihr mehr als ein Diagramm – und meistens auch mehr als einen Abend.

Häufig gestellte Fragen

Was besagt das Sender-Empfänger-Modell?

Ein Sender wandelt einen Gedanken in Zeichen um (Kodierung), schickt ihn über einen Kanal, und ein Empfänger übersetzt die Zeichen zurück in Bedeutung (Dekodierung). Auf dem Weg kann Rauschen die Nachricht verändern. Deshalb ist das, was ankommt, selten identisch mit dem, was gemeint war.

Von wem stammt das Sender-Empfänger-Modell?

Von Claude Shannon, der es 1948 in den Bell Labs als mathematisches Modell der Nachrichtenübertragung entwarf. Warren Weaver ergänzte es 1949 um einen Aufsatz, der die Übertragung auf menschliche Kommunikation vorschlug. Ursprünglich war es kein psychologisches Modell, sondern Ingenieurstechnik.

Welche Bestandteile hat das Sender-Empfänger-Modell?

In der Schulfassung sind es Sender, Kodierung, Nachricht, Kanal, Dekodierung und Empfänger, dazu Rauschen als Störquelle. Die Rückkopplung wird heute meist mitgenannt, war im Original von 1948 aber nicht enthalten.

Was bedeutet Rauschen im Sender-Empfänger-Modell?

Bei Shannon war Rauschen technische Störung auf der Leitung. Im Alltag meint man damit alles, was die Nachricht verzerrt: Lärm, Müdigkeit, ein Blick aufs Handy, schlechte Laune oder die gemeinsame Vorgeschichte. Rauschen erklärt, warum ein harmloser Satz plötzlich als Vorwurf ankommt.

Welche Kritik gibt es am Sender-Empfänger-Modell?

Es ist linear und behandelt Kommunikation wie Datenübertragung. Menschen senden und empfangen jedoch gleichzeitig. Beziehungsebene, Körpersprache, Kontext und Deutungsspielräume kommen im Modell nicht vor. Genau diese Lücken haben spätere Modelle wie die von Watzlawick und Schulz von Thun gefüllt.

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