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Salutogenese einfach erklärt: Was uns wirklich gesund hält

Salutogenese erklärt, was uns gesund hält statt krank macht. Verstehe Antonovskys Kohärenzgefühl und wie du es im Alltag konkret stärken kannst.

Dr. Thomas Peters
Dr. Thomas Peters
· 14 Min. Lesezeit

Stell dir zwei Menschen vor, die fast dasselbe durchgemacht haben: derselbe Jobverlust, dieselbe Trennung, derselbe Schicksalsschlag. Der eine zerbricht daran, der andere steht Monate später erstaunlich stabil da – nicht, weil ihm alles egal wäre, sondern weil irgendetwas in ihm die Erschütterung getragen hat. Genau diese Beobachtung – warum manche Menschen unter Belastung gesund bleiben – steht im Zentrum der Salutogenese.

Die Medizin, die wir kennen, fragt fast immer: Was macht uns krank? Die Salutogenese dreht den Blick um und stellt eine ungewöhnliche Frage: Was hält uns eigentlich gesund? Dieser scheinbar kleine Perspektivwechsel hat große Folgen – für die Art, wie wir über Stress, Selbstfürsorge und ein gutes Leben denken. Hier lernst du das Modell von Grund auf kennen, mit Alltagsbeispielen und ehrlich zu dem, was die Forschung hergibt und was nicht.

Was ist Salutogenese?

Salutogenese ist ein Modell des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky, das erklärt, wie Gesundheit entsteht und erhalten bleibt – statt zu fragen, wodurch Krankheit ausgelöst wird. Im Zentrum steht das Kohärenzgefühl: die Grundhaltung, die Welt als verstehbar, handhabbar und sinnvoll zu erleben. Gesundheit gilt dabei nicht als fester Zustand, sondern als aktiver, lebenslanger Prozess.

Das Wort selbst verrät schon viel: „Salus“ ist lateinisch für Gesundheit, Wohl und Heil, „Genese“ steht für Entstehung. Salutogenese ist also die Lehre von der Entstehung von Gesundheit – der ausdrückliche Gegenbegriff zur Pathogenese, der Lehre von der Entstehung von Krankheit. Beide Blickwinkel schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich. Aber unsere Kultur ist so stark auf das Kranke fokussiert, dass die zweite Frage lange kaum gestellt wurde.

Der Perspektivwechsel: von der Krankheit zur Gesundheit

Um zu verstehen, warum die Salutogenese so besonders ist, hilft ein Bild, das Antonovsky selbst gern nutzte. Stell dir einen reißenden Fluss vor. Die klassische Medizin, sagte er, steht am Ufer und zieht die Ertrinkenden heraus, so gut sie kann – sie behandelt, was schon passiert ist. Die spannendere Frage aber sei: Wie kommt es, dass manche Menschen im Fluss überhaupt schwimmen können? Was befähigt sie, mit der Strömung zurechtzukommen, statt unterzugehen? Genau dorthin richtet die Salutogenese den Blick.

Zu dieser Frage kam Antonovsky nicht am Schreibtisch, sondern über eine konkrete Beobachtung. In den 1970er-Jahren untersuchte er die Gesundheit von Frauen in Israel, darunter Überlebende nationalsozialistischer Konzentrationslager. Er erwartete – nachvollziehbar –, dass diese Frauen nach solch extremer Belastung durchweg schwer gezeichnet sein würden. Und viele waren es auch. Doch ein Teil von ihnen war psychisch und körperlich erstaunlich stabil geblieben. Diese Menschen hatten das Schlimmste erlebt, das man sich vorstellen kann, und trugen dennoch eine innere Widerstandskraft in sich.

Für Antonovsky war das der entscheidende Moment. Statt zu fragen, warum die einen krank geworden waren, fragte er: Was hatten die Gesunden, das ihnen half? Diese Umkehrung ist der Kern der ganzen Idee. Pathogenese sucht nach Risikofaktoren und Erregern. Salutogenese sucht nach Schutzfaktoren und Kraftquellen. Der Fokus verschiebt sich von „Was ist kaputt und wie reparieren wir es?“ zu „Was funktioniert und wie stärken wir es?“ – eine Haltung, die weit über die Medizin hinaus in Psychologie, Pädagogik und Selbstfürsorge hineinwirkt.

Das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum

Eine zweite Grundidee räumt mit einem verbreiteten Denkfehler auf. Wir neigen dazu, in Schubladen zu denken: Man ist entweder gesund oder krank. Antonovsky hielt das für falsch. In seinem Modell bewegen wir uns auf einem Kontinuum – einer durchgehenden Linie zwischen den beiden Polen völliger Gesundheit und schwerer Krankheit. Niemand steht dauerhaft ganz am einen Ende.

Das entlastet ungemein. Denn es bedeutet: Auch wenn du eine chronische Erkrankung hast, gestresst bist oder eine schwere Phase durchlebst, bist du nicht einfach „krank“. Du befindest dich an einem bestimmten Punkt auf diesem Kontinuum – und dieser Punkt ist beweglich. Die eigentliche Frage der Salutogenese lautet deshalb nicht „gesund oder krank?“, sondern: In welche Richtung bewegst du dich gerade, und was schiebt dich Richtung Gesundheit?

Damit wird auch Belastung neu bewertet. Stressoren – Anforderungen, Konflikte, Krisen – gehören für Antonovsky untrennbar zum Leben. Sie sind nicht per se schädlich. Entscheidend ist, ob wir Ressourcen haben, um mit ihnen umzugehen. Gelingt das, kann eine Belastung uns sogar stärken; fehlen die Ressourcen dauerhaft, treibt sie uns Richtung Krankheit. Wenn du lernen willst, diesen Umgang praktisch zu verbessern, findest du in unserem Ratgeber zum Thema Stress abbauen viele konkrete Ansätze, die gut zu diesem Denken passen.

Das Kohärenzgefühl: das Herzstück der Salutogenese

Was aber unterscheidet nun die Menschen, die sich Richtung Gesundheit bewegen, von denen, die es nicht schaffen? Antonovskys Antwort ist das Kohärenzgefühl, im Englischen Sense of Coherence. Gemeint ist eine überdauernde Grundhaltung, ein Grundvertrauen, dass das eigene Leben zusammenhängt und bewältigbar ist. Dieses Gefühl speist sich aus drei Komponenten, die zusammenwirken.

Verstehbarkeit ist die erste. Sie beschreibt das Gefühl, dass die Welt und das eigene Leben nicht chaotisch und willkürlich sind, sondern nachvollziehbar und einzuordnen. Wichtig ist dabei: Es geht nicht darum, dass alles angenehm ist, sondern dass es eine gewisse Ordnung hat – dass die Dinge in einem Zusammenhang stehen, statt dich willkürlich zu überfallen. Wer eine hohe Verstehbarkeit hat, erlebt Ereignisse als erklärbar – auch schwere. Ein Beispiel: Zwei Menschen bekommen eine überraschende Kündigung. Die eine denkt „Das kam aus dem Nichts, ich verstehe die Welt nicht mehr“, der andere ordnet ein: „Die Firma hat seit Monaten Verluste gemacht, das passt ins Bild.“ Die Situation ist gleich, aber die zweite Person kann sie in ein sinnvolles Ganzes einbetten – und das macht sie handlungsfähiger. Ihren Ursprung hat diese Fähigkeit oft früh: Ein Kind, das in einem einigermaßen berechenbaren Umfeld aufwächst – mit verlässlichen Reaktionen, klaren Regeln, nachvollziehbaren Konsequenzen –, lernt, dass die Welt einer inneren Logik folgt. Wer dagegen ständig Widersprüchliches erlebt, dem fällt es später schwerer, im Geschehen überhaupt Ordnung zu sehen.

Handhabbarkeit ist die zweite Komponente. Hier geht es um die Überzeugung, den Anforderungen des Lebens gewachsen zu sein – nicht, weil man alles allein stemmt, sondern weil man geeignete Ressourcen hat oder findet. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied: Handhabbarkeit heißt nicht, alles unter Kontrolle zu haben, sondern darauf zu vertrauen, dass die nötige Unterstützung erreichbar ist. Das können eigene Fähigkeiten sein, aber auch Geld, ein Arzt, eine Freundin, ein Vorgesetzter. Wer Handhabbarkeit spürt, fühlt sich nicht als Opfer der Umstände, sondern als jemand, der zwischen den Wellen navigieren kann. Nach der Kündigung denkt diese Person: „Ich habe Rücklagen, ein Netzwerk und Erfahrung – ich werde das regeln.“ Fehlt dieses Gefühl, kann schon eine kleine Zusatzbelastung das Erleben auslösen, hilflos ausgeliefert zu sein. Diese Haltung hängt eng mit dem zusammen, was die Psychologie Selbstwirksamkeit nennt; wie du sie gezielt aufbaust, zeigt unser Beitrag über Selbstwirksamkeit stärken.

Sinnhaftigkeit ist die dritte und, so betonte Antonovsky, die wichtigste. Sie ist die emotionale und motivationale Komponente: das Gefühl, dass es sich lohnt, sich für die eigenen Anliegen einzusetzen, dass die Anstrengung einen Sinn hat. Sie ist gewissermaßen der Motor, der die beiden anderen Komponenten antreibt – denn selbst wer eine Lage versteht und die nötigen Ressourcen hätte, mobilisiert sie nur, wenn ihm das Ergebnis wirklich etwas bedeutet. Menschen mit hoher Sinnhaftigkeit erleben Herausforderungen eher als etwas, in das es sich einzubringen lohnt, statt als reine Last. Nach der Kündigung fragt diese Person nicht nur „Wie überstehe ich das?“, sondern „Was will ich eigentlich mit meinem Arbeitsleben – wofür lohnt sich der Einsatz jetzt?“ Antonovsky beobachtete, dass gerade diese Komponente über längere Zeit am stärksten trägt: Wer einen Grund hat, morgens aufzustehen, hält Durststrecken aus, für die anderen die Kraft fehlt. Ohne diesen Sinn nützen die besten Ressourcen wenig, weil die Motivation fehlt, sie einzusetzen.

Alle drei zusammen ergeben das Kohärenzgefühl. Man erkennt schnell, warum: Wer eine Situation versteht, sich ihr gewachsen fühlt und einen Sinn darin sieht, sich einzusetzen, geht ganz anders mit Belastung um als jemand, dem alle drei fehlen. Genau hier liegt die praktische Kraft der Salutogenese.

Generalisierte Widerstandsressourcen: der Werkzeugkasten fürs Leben

Das Kohärenzgefühl fällt nicht vom Himmel. Es wächst aus Erfahrungen – und diese Erfahrungen entstehen dort, wo wir auf sogenannte generalisierte Widerstandsressourcen zurückgreifen können. Sperriges Wort, einfache Idee: Damit ist alles gemeint, was uns hilft, Stressoren erfolgreich zu bewältigen. Je öfter wir erleben, dass wir Belastungen mithilfe solcher Ressourcen meistern, desto mehr festigt sich unser Grundvertrauen, dass das Leben handhabbar ist.

Zu diesen Ressourcen zählen ganz unterschiedliche Dinge. Materielle wie Geld und ein sicheres Zuhause, die Handlungsspielräume schaffen. Wissen und Bildung, die helfen, Situationen einzuordnen und damit Verstehbarkeit fördern. Tragfähige Beziehungen und soziale Unterstützung, vielleicht die wichtigste Ressource überhaupt – Menschen, die uns halten, wenn es schwer wird. Und schließlich innere Ressourcen: eine stabile Ich-Identität, Selbstvertrauen, die Fähigkeit, Gefühle zu regulieren, ein Gespür für die eigenen Werte.

„Generalisiert“ heißt dabei: Diese Ressourcen wirken nicht nur in einer einzigen Situation, sondern lassen sich auf viele verschiedene Belastungen anwenden. Ein gutes soziales Netz hilft bei der Kündigung genauso wie bei Krankheit oder Trauer; die Fähigkeit, sich Informationen zu beschaffen, nützt vor Gericht ebenso wie im Arztgespräch. Antonovsky beschrieb außerdem einen Kreislauf, der leicht übersehen wird: Nicht die Ressource allein stärkt uns, sondern die wiederholte Erfahrung, mit ihrer Hilfe eine Spannung tatsächlich aufgelöst zu haben. Wer einmal erlebt hat, dass ein Anruf bei einer Freundin eine schlaflose Nacht erträglicher gemacht hat, greift beim nächsten Mal schneller zum Hörer – und festigt so Stück für Stück die Überzeugung, dass Belastungen zu bewältigen sind.

Wichtig ist der Zusammenhang: Ressourcen sind nicht dasselbe wie das Kohärenzgefühl, sondern sein Nährboden. Ein Kind, das erlebt, dass seine Bedürfnisse verlässlich beantwortet werden, sammelt frühe Erfahrungen von Handhabbarkeit. Ein Erwachsener, der eine Krise mithilfe guter Freunde übersteht, verstärkt sein Grundvertrauen. Deshalb ist Selbstfürsorge im Sinne der Salutogenese immer auch Ressourcenpflege: Beziehungen nähren, Wissen aufbauen, den Körper regulieren. Zu Letzterem gehört ganz körpernah, dein Nervensystem regulieren zu lernen – denn ein Organismus, der aus dem Dauerstress herausfindet, hat schlicht mehr Kraft, um Belastungen als bewältigbar zu erleben.

Was die Forschung wirklich zeigt

An dieser Stelle ist Ehrlichkeit angebracht, denn genau sie unterscheidet einen fundierten Beitrag von wohlklingender Ratgeberprosa. Wie gut ist die Salutogenese wissenschaftlich belegt?

Das robusteste Ergebnis betrifft das Kohärenzgefühl. Zahlreiche Studien über Jahrzehnte zeigen einen stabilen Zusammenhang: Menschen mit einem stärkeren Kohärenzgefühl berichten im Durchschnitt über bessere psychische Gesundheit, weniger Angst und Depression, höheres Wohlbefinden und teils auch eine bessere selbst eingeschätzte körperliche Gesundheit. Dieser Befund ist über verschiedene Länder und Gruppen hinweg erstaunlich konsistent. Gemessen wird das Kohärenzgefühl übrigens mit einem standardisierten Fragebogen, den Antonovsky selbst entwickelte – in einer ausführlichen Fassung mit 29 und einer kürzeren mit 13 Fragen; beide gelten als zuverlässig und werden bis heute weltweit in der Forschung eingesetzt. Das Kohärenzgefühl ist also kein esoterisches Konstrukt, sondern ein empirisch gut abgestützter Marker für seelische Stabilität.

Und doch gibt es berechtigte Kritik. Erstens ist der Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit so eng, dass Fachleute streiten, ob das Kohärenzgefühl wirklich etwas Eigenständiges misst oder teilweise dasselbe wie Optimismus, emotionale Stabilität oder das Gegenteil von Depressivität. Die Abgrenzung zu anderen Konzepten fällt nicht immer leicht. Zweitens ist die Wirkung auf die rein körperliche Gesundheit deutlich schwächer und uneinheitlicher als auf das seelische Befinden. Drittens ist bis heute nicht endgültig geklärt, wie veränderbar das Kohärenzgefühl im Erwachsenenalter tatsächlich ist. Und viertens ist die Wirkrichtung nicht immer eindeutig: Ein starkes Kohärenzgefühl könnte gute Gesundheit fördern – ebenso gut kann gute Gesundheit ein starkes Kohärenzgefühl nähren. Wahrscheinlich verstärken sich beide gegenseitig, was in Studien sauber zu trennen schwierig ist.

Trotz dieser offenen Fragen ist bemerkenswert, wo das Modell längst angekommen ist. Die Weltgesundheitsorganisation griff Antonovskys Denken in ihrem Verständnis von Gesundheitsförderung auf, und in Pflege, Rehabilitation, Schule und betrieblichem Gesundheitsmanagement dient die salutogene Frage – „Was hält hier eigentlich gesund?“ – heute als Leitidee. Das ist weniger ein zusätzlicher Beweis als ein Zeichen dafür, wie anschlussfähig der Perspektivwechsel ist: Er verändert nicht nur, wie Einzelne über sich denken, sondern auch, wie Institutionen Gesundheit gestalten.

Das Fazit lautet also nüchtern: Die Salutogenese ist ein wertvolles, gut belegtes Erklärungsmodell und eine kluge Haltung – aber kein Wundermittel und keine Formel, die Gesundheit garantiert. Wer mehr über gesundheitliche Zusammenhänge wissen möchte, findet bei verlässlichen Quellen wie dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (bioeg.de) oder dem staatlichen Gesundheitsportal gesund.bund.de fundierte Informationen; auch das aerzteblatt.de greift Public-Health-Themen wissenschaftlich auf. Genau diese Bescheidenheit gegenüber der Evidenz gehört zur Salutogenese dazu – sie will keine Heilsversprechen, sondern eine bessere Frage.

Wie du dein Kohärenzgefühl stärkst

Bleibt die praktische Frage: Was fängst du im Alltag damit an? Auch wenn niemand sein Kohärenzgefühl per Knopfdruck umbaut, lässt es sich entlang der drei Komponenten gezielt pflegen. Es geht weniger um große Vorsätze als um wiederkehrende kleine Erfahrungen.

Für die Verstehbarkeit hilft alles, was Ordnung ins Chaos bringt. Dinge zu benennen und einzuordnen, statt sie diffus über dir schweben zu lassen. Wenn du überfordert bist, schreib auf, was genau los ist – oft schrumpft das Unfassbare, sobald es in Worten steht. Ein einfaches Ritual: Nimm dir einmal die Woche zehn Minuten und sortiere schriftlich, was gerade ansteht, was dich beschäftigt und was davon überhaupt in deiner Hand liegt. Frag bei Unklarheit nach, informier dich, ordne ein. Ein Gefühl, das einen Namen hat, ist schon halb bewältigt: „Ich bin nicht einfach durcheinander, ich bin enttäuscht und erschöpft.“ Solche Präzision macht die innere Welt verstehbar – und Verstehbares lässt sich anpacken.

Für die Handhabbarkeit geht es um Ressourcen und um Machbarkeit. Mach dir bewusst, worauf du zurückgreifen kannst – wer und was dir schon einmal geholfen hat. Es lohnt sich, das einmal wörtlich zu nehmen und eine kleine Liste zu führen: Menschen, die du anrufen kannst, Stellen, die weiterhelfen, Fähigkeiten, die du hast. In der Krise verengt sich der Blick, und eine solche Liste erinnert dich daran, dass du nicht mit leeren Händen dastehst. Und zerlege Großes in kleine Schritte: Nicht „Ich muss mein Leben umkrempeln“, sondern „Ich mache heute einen Anruf.“ Jeder bewältigte kleine Schritt ist eine Erfahrung von Wirksamkeit, und genau aus solchen Erfahrungen wächst das Gefühl, den Anforderungen gewachsen zu sein. Wer diese innere Widerstandskraft systematischer aufbauen will, findet in unserem Leitfaden, wie du Resilienz aufbauen kannst, viele anschlussfähige Übungen.

Für die Sinnhaftigkeit schließlich lohnt der Blick auf deine Werte. Wofür stehst du auf? Was ist dir wichtig genug, dich einzusetzen – auch wenn es anstrengend wird? Wer eine Belastung mit etwas Bedeutsamem verbinden kann, trägt sie leichter. Das kann eine Aufgabe sein, ein Mensch, eine Überzeugung. Es muss nichts Großes sein: Auch ein wöchentliches Essen mit Freunden, ein Projekt, in dem du aufgehst, oder die Verantwortung für ein Haustier kann der Anker sein, der dich durch schwere Wochen trägt. Kleine Rituale, Beziehungen, die dir etwas bedeuten, Tätigkeiten, in denen du aufgehst – all das nährt das Gefühl, dass sich der Einsatz lohnt. Sinn entsteht selten durch großes Grübeln, sondern durch gelebte Bedeutung.

Diese drei Hebel greifen im Alltag ineinander. Denk noch einmal an die Kündigung: Verstehbarkeit entsteht, wenn du dir aufschreibst, was passiert ist und warum. Handhabbarkeit wächst, sobald du den ersten kleinen Schritt gehst – die Arbeitsagentur anrufen, den Lebenslauf öffnen, mit einem Vertrauten sprechen. Und Sinnhaftigkeit trägt dich, wenn du die Krise mit der Frage verknüpfst, was du in deinem nächsten Job eigentlich willst. Keiner dieser Schritte löst das Problem für sich allein. Gemeinsam aber verschieben sie deinen Standpunkt auf dem Kontinuum – langsam, aber spürbar in Richtung Gesundheit.

Warum das mehr ist als „positiv denken“

Vielleicht klingt manches davon nach der bekannten Aufforderung, einfach positiver zu denken. Doch die Salutogenese ist etwas grundlegend anderes – und das ist wichtig, um sie nicht misszuverstehen.

„Positiv denken“ blendet das Schwere oft aus. Es sagt: Schau auf das Gute, ignoriere das Schlechte. Die Salutogenese tut das Gegenteil. Sie leugnet Stress, Krankheit und Leid nicht, sondern nimmt sie als selbstverständlichen Teil des Lebens ernst. Antonovsky ging davon aus, dass Belastung normal ist – die Frage ist nur, wie wir mit ihr umgehen. Es geht nicht darum, das Negative wegzulächeln, sondern darum, auch inmitten von Schwierigkeiten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinn zu finden.

Ein zweiter Unterschied: Positives Denken bleibt oft in der reinen Einstellung stecken. Die Salutogenese ist konkreter und ehrlicher. Handhabbarkeit heißt nicht, sich einzureden, alles werde gut – sondern reale Ressourcen zu haben und zu nutzen. Sinnhaftigkeit heißt nicht, überall Gutes zu sehen – sondern zu wissen, wofür man kämpft. Es ist ein Modell des aktiven Umgangs, nicht der schönfärbenden Verdrängung. Und genau das macht es alltagstauglich und würdigt zugleich, dass das Leben eben nicht immer leicht ist.

Am Ende ist die Botschaft der Salutogenese schlicht und ermutigend: Gesundheit ist kein Zufall und kein fester Besitz, den man hat oder nicht, sondern ein Prozess, den du mitgestalten kannst. Du musst dafür weder deine Probleme wegdenken noch der perfekte Mensch werden. Es reicht, in kleinen Schritten daran zu arbeiten, dein Leben verständlicher, bewältigbarer und bedeutsamer zu erleben. Jeder dieser Schritte schiebt dich ein Stück Richtung Gesundheit – und diese Richtung ist es, auf die es ankommt.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet Salutogenese einfach erklärt?

Salutogenese heißt wörtlich „Entstehung von Gesundheit“. Statt zu fragen, was uns krank macht, fragt das Modell: Was hält uns gesund? Es geht davon aus, dass Gesundheit kein fester Zustand ist, sondern ständig neu entsteht – vor allem dann, wenn wir unser Leben als verstehbar, bewältigbar und sinnvoll erleben. Belastungen gehören dazu, entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen.

Wer hat die Salutogenese entwickelt?

Der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky prägte das Konzept in den 1970er- und 1980er-Jahren. Auslöser war eine Studie mit Frauen, unter ihnen Überlebende von Konzentrationslagern. Antonovsky wunderte sich, dass ein Teil von ihnen trotz extremer Belastung psychisch und körperlich erstaunlich stabil geblieben war – und fragte, welche inneren und äußeren Kräfte das ermöglicht hatten.

Was ist das Kohärenzgefühl?

Das Kohärenzgefühl (englisch Sense of Coherence) ist das Herzstück der Salutogenese. Es beschreibt eine überdauernde Grundhaltung mit drei Teilen: Verstehbarkeit (die Welt ergibt Sinn und ist einzuordnen), Handhabbarkeit (ich habe genug Ressourcen, um Anforderungen zu bewältigen) und Sinnhaftigkeit (es lohnt sich, sich einzusetzen). Je stärker dieses Gefühl, desto besser bewältigen Menschen im Schnitt Belastungen.

Ist Salutogenese dasselbe wie Resilienz?

Nein, aber die Konzepte sind verwandt. Resilienz meint die Fähigkeit, nach Krisen wieder ins Gleichgewicht zu finden. Salutogenese ist umfassender: Sie beschreibt, wie Gesundheit überhaupt entsteht und erhalten bleibt, und liefert mit dem Kohärenzgefühl ein Erklärungsmodell dafür. Man kann sagen: Ein starkes Kohärenzgefühl ist eine wichtige Grundlage von Resilienz, geht aber darüber hinaus.

Kann man das Kohärenzgefühl im Erwachsenenalter noch stärken?

Antonovsky nahm an, dass sich das Kohärenzgefühl bis etwa Anfang 30 weitgehend festigt. Neuere Studien zeigen jedoch, dass es sich durch prägende Erfahrungen, gute Beziehungen und gezielte Arbeit an Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinn auch später noch verändern lässt. Ein Wundermittel ist das nicht, aber eine realistische, ermutigende Richtung für mehr Wohlbefinden.

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