Es beginnt mit einer netten Nachricht. Ein gutaussehender Arzt, der für die UN im Ausland arbeitet. Ein verwitweter Ingenieur auf einer Ölplattform. Eine charmante Frau, die zufällig dein Hobby teilt. Wochenlang schreibt ihr euch jeden Tag. Es fühlt sich an wie die große Liebe. Und dann kommt die erste Bitte um Geld.
Das ist Love Scamming – auch Romance Scam genannt. Und es ist kein Randphänomen für Leichtgläubige. Es ist organisierte Kriminalität, die in Deutschland jedes Jahr Schäden in zweistelliger Millionenhöhe anrichtet und Menschen nicht nur finanziell, sondern auch seelisch zerstört.
Dieser Report fasst zusammen, was du wissen musst: die echten Zahlen, die Maschen der Täter, alle Warnsignale – und vor allem, was du tun kannst, wenn du oder ein Mensch in deinem Umfeld betroffen ist.
Auf einen Blick: Die wichtigsten Fakten zu Love Scamming
- Mindestens 50 Millionen Euro Schaden in Deutschland allein im Jahr 2024 – laut einer Erhebung des WEISSER RING Magazins bei den 16 Landeskriminalämtern. Fünf Bundesländer lieferten keine Daten, die echte Summe liegt also höher.
- Hohe Dunkelziffer: Viele Opfer erstatten aus Scham keine Anzeige. Die Zahlen bilden nur einen Ausschnitt ab.
- Steigende Fallzahlen: In Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der registrierten Fälle von 71 (2020) auf 153 (2024) mehr als verdoppelt.
- Das eindeutigste Warnsignal: eine Geldforderung von jemandem, den du nur aus dem Internet kennst.
- Täter sind selten allein: Hinter den Profilen stecken oft organisierte Banden in Callcentern, die nach Skript arbeiten.
- Hilfe gibt es: Beim WEISSER RING (Telefon 116 006), bei der Polizei und der Verbraucherzentrale.
Du bist betroffen und brauchst jetzt Hilfe? Du bist nicht allein und es ist nicht deine Schuld. Anlaufstellen:
- WEISSER RING – kostenloses Opfertelefon 116 006 (täglich 7–22 Uhr), weisser-ring.de
- Verbraucherzentrale – Beratung zu Betrugsmaschen, verbraucherzentrale.de
- Polizei – Notruf 110 oder Onlinewache deines Bundeslandes für die Anzeige
- Bei seelischer Belastung: Telefonseelsorge, kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111, telefonseelsorge.de
Was ist Love Scamming überhaupt?
Love Scamming (englisch für „Liebesbetrug”) beschreibt eine Betrugsmasche, bei der Täter über Dating-Plattformen oder soziale Netzwerke eine vorgetäuschte Liebesbeziehung aufbauen. Das einzige Ziel: an dein Geld zu kommen.
Die Person auf den Fotos existiert in der Regel gar nicht – die Bilder sind gestohlen oder KI-generiert. Wer mit dir schreibt, ist nicht der Arzt, Soldat oder Ingenieur aus dem Profil, sondern oft ein Team aus einem Callcenter, das nach vorbereiteten Skripten arbeitet.
Die Begriffe Love Scam und Romance Scam meinen dasselbe. Verwandt, aber nicht identisch ist Catfishing, bei dem jemand mit falscher Identität auftritt – nicht zwingend, um Geld zu erbeuten.
Die Zahlen: Wie groß das Problem in Deutschland ist
Eine bundesweit einheitliche Statistik allein für Love Scamming gibt es nicht – die Fälle verteilen sich in der polizeilichen Kriminalstatistik auf verschiedene Betrugsdelikte. Das macht das tatsächliche Ausmaß schwer greifbar. Eine Erhebung des WEISSER RING Magazins bei allen 16 Landeskriminalämtern liefert dennoch eine belastbare Größenordnung.
| Region / Quelle | Kennzahl (Jahr) | Wert |
|---|---|---|
| Deutschland gesamt (WEISSER RING Magazin) | Schaden 2024 | mind. 50 Mio. € |
| Baden-Württemberg | Schaden 2024 | rund 18 Mio. € |
| Berlin | Fälle / Schaden 2024 | 433 Fälle / 5,62 Mio. € |
| Mecklenburg-Vorpommern | Schaden 2022 → 2024 | 0,33 Mio. € → 2,1 Mio. € |
| Sachsen-Anhalt | Fälle 2020 → 2024 | 71 → 153 |
Wichtig zur Einordnung: Fünf Bundesländer (Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und das Saarland) lieferten für diese Erhebung keine Zahlen. Die genannten 50 Millionen Euro sind damit ein Mindestwert. Hinzu kommt laut WEISSER RING „eine hohe Dunkelziffer, da Scham viele Opfer davon abhält, Anzeige zu erstatten”.
Zum großen Bild: Das BKA-Bundeslagebild Cybercrime 2025 verzeichnet rund 335.000 Fälle von Cybercrime im engeren Sinne. Love Scamming ist Teil dieses wachsenden Felds digitaler Betrugskriminalität.
So gehen die Täter vor: Die Masche Schritt für Schritt
Romance Scams folgen einem erstaunlich gleichförmigen Drehbuch. Wer das Muster kennt, erkennt den Betrug oft, bevor Geld fließt.
Schritt 1: Der Köder – ein perfektes Profil
Die Täter legen Profile mit attraktiven, gestohlenen Fotos an. Laut polizei-beratung.de bekommen weibliche Opfer dabei oft eine „attraktive weiße Person” präsentiert, Männer häufig eine vermeintlich verliebte junge Frau. Beliebt sind auch Fotos von Personen in Uniform – Soldaten, Ärzte, Ingenieure –, weil sie Vertrauen und Status suggerieren.
Schritt 2: Das Love Bombing
Schon nach kurzer Zeit überhäufen die Täter ihre Opfer mit Komplimenten und Liebesschwüren. Die Verbraucherzentrale beschreibt, dass Scammer ihre Opfer regelrecht „mit Komplimenten überhäufen”, obwohl man sich nie persönlich getroffen hat. Diese emotionale Überwältigung nennt man Love Bombing – sie soll dich abhängig und unkritisch machen.
Schritt 3: Der Wechsel der Plattform
Die Täter drängen schnell darauf, von der Dating-App zu WhatsApp, Telegram oder E-Mail zu wechseln. Der Grund: Auf den Plattformen werden Betrugsprofile gemeldet und gelöscht. Außerhalb sind die Täter ungestört. Ein auffälliges Signal ist dabei die Kommunikation auf Englisch – Insider gehen laut polizei-beratung.de davon aus, dass „rund 95 Prozent der englisch sprechenden Kontakte auf deutschen Dating-Seiten Romance- oder Love-Scammer sind”.
Schritt 4: Die Geschichte und die erste Geldforderung
Irgendwann kommt der Notfall. Die Verbraucherzentrale listet die typischen Vorwände auf:
- Flug- oder Reisekosten können angeblich nicht bezahlt werden
- erfundene Notfälle wie Unfälle, Diebstahl oder ein Krankenhausaufenthalt
- frei erfundene Behördengebühren (etwa „PTA”- oder „BTA”-Gebühren, die es offiziell gar nicht gibt)
- Drohungen mit Selbstverletzung, falls kein Geld kommt
- Dritte, die sich als Ärzte oder Beamte ausgeben, um die Geschichte glaubhafter zu machen
Schritt 5: Das Ausnehmen bis zum Schluss
Wer einmal zahlt, gilt als lohnendes Ziel. Es folgen weitere Forderungen – das überwiesene Geld sei „in einem Zollverfahren festgehängt”, man brauche „nur noch einen letzten Betrag”. In Mecklenburg-Vorpommern war Romance Scam laut WEISSER RING Magazin sogar „die ertragreichste Masche aller polizeilich registrierten Trickbetrügereien”.
Eine besonders perfide Variante: Opfer werden unwissentlich zu Finanzagenten (Money Mules) gemacht, leiten Geld weiter oder nehmen Pakete an – und machen sich damit unter Umständen selbst strafbar.
Die gefährlichsten Maschen im Detail
Romance Scam ist längst nicht mehr nur die klassische „Notlage-im-Ausland”-Geschichte. Die Täter haben ihr Repertoire erweitert – mit teils dramatisch höheren Schadenssummen.
Die Krypto- und Investment-Falle
Eine der lukrativsten Varianten verbindet Romance Scam mit gefälschten Geldanlagen. International ist die Masche als „Pig Butchering” bekannt – das Opfer wird über Wochen emotional „gemästet”, bevor es „geschlachtet” wird. Der vermeintliche Partner schwärmt von traumhaften Renditen mit Krypto oder Aktien und lotst das Opfer auf eine professionell aussehende, aber gefälschte Trading-Plattform. Anfangs sind sogar kleine „Gewinne” abhebbar – das schafft Vertrauen. Sobald größere Summen investiert sind, ist das Geld weg. Die Verbraucherzentrale warnt ausdrücklich vor solchen Anlage-Versprechen im Dating-Kontext.
Erfundene Behördengebühren
Hat das Opfer einmal gezahlt, folgt oft eine Kette weiterer Forderungen für Gebühren, die es offiziell gar nicht gibt. Die Verbraucherzentrale nennt explizit frei erfundene Abkürzungen wie „PTA” oder „BTA”, mit denen angebliche Zoll- oder Transfergebühren begründet werden. Das überwiesene Geld sei „nur einen Schritt entfernt” – man müsse lediglich noch diese eine Gebühr zahlen.
Die Geschenkpaket-Masche
Der Scammer kündigt ein wertvolles Geschenk oder eine Erbschaft an, die per Kurier unterwegs sei. Dann meldet sich ein angeblicher Zoll- oder Logistikmitarbeiter und verlangt eine Gebühr zur Freigabe. Ein Paket gibt es nie.
Drohungen und emotionaler Druck
Wenn das Opfer zögert, schalten manche Täter von Liebe auf Druck um. Die Verbraucherzentrale berichtet von Tätern, die mit Selbstverletzung drohen, falls kein Geld komme – ein zynischer Hebel, der das Verantwortungsgefühl des Opfers ausnutzt.
Wie das Geld verschwindet
Romance Scammer verlangen das Geld fast nie per klassischer Überweisung auf ein deutsches Konto, das sich leicht zurückverfolgen ließe. Stattdessen nutzen sie schwer nachvollziehbare Kanäle: Bargeldtransfer-Dienste, Gutschein- und Guthabenkarten, Krypto-Wallets oder eben ahnungslose Mittelsleute (Money Mules). Genau das macht eine Rückholung so schwierig – und unterstreicht, warum die erste Regel lautet: gar nicht erst zahlen.
Die Warnsignale: Daran erkennst du einen Love Scammer
| Warnsignal | Warum es verdächtig ist |
|---|---|
| Liebesbekundungen nach wenigen Tagen | Echte Gefühle brauchen Zeit; Scammer folgen einem Skript |
| Ständige Ausreden bei Videoanrufen | Die Person auf den Fotos existiert nicht |
| Persönliche Treffen scheitern immer | „Beruflich im Ausland”, „gestrandet”, „krank” |
| Kommunikation auf Englisch | Häufiges Muster bei Tätern aus dem Ausland |
| Drängen weg von der Plattform | Außerhalb keine Meldefunktion, keine Moderation |
| Fragen nach Beruf, Einkommen, Konto | Auskundschaften der Zahlungsfähigkeit |
| Spitznamen wie „Baby” sehr früh | Teil des standardisierten Skripts |
| Jede Geldforderung | Das mit Abstand deutlichste Alarmzeichen |
Ein einfacher Selbsttest aus der Polizeiberatung: Gib den Namen deines Kontakts zusammen mit dem Wort „scammer” in eine Suchmaschine ein. Oft bestätigt sich der Verdacht sofort. Ebenso hilfreich ist eine umgekehrte Bildersuche der Profilfotos.
Was tun, wenn du betroffen bist?
Wenn du den Verdacht hast, Opfer eines Love Scams zu sein oder bereits Geld überwiesen hast, zählt jede Minute. Die offiziellen Empfehlungen von polizei-beratung.de und Verbraucherzentrale lauten:
- Brich sofort jeden Kontakt ab. Keine Anrufe annehmen, keine Mails beantworten. Diskutiere nicht – das verschafft den Tätern nur neue Ansatzpunkte.
- Überweise auf keinen Fall (weiteres) Geld. Auch nicht, um angeblich Festgehaltenes „freizukaufen”. Löse keine Schecks ein und leite keine Pakete oder Briefe weiter.
- Kontaktiere umgehend deine Bank. Bei einer frischen Überweisung besteht die Chance, sie zu stoppen oder zurückzubuchen. Je schneller, desto besser.
- Sichere alle Beweise. Screenshots der Chats, E-Mail-Kopien, erhaltene Fotos, Bankbelege – am besten auf einem externen Speicher.
- Erstatte Anzeige bei der Polizei. Über die Onlinewache deines Bundeslandes oder direkt auf der Dienststelle. Dein Bericht hilft, Täterbanden zu identifizieren.
- Melde das Profil auf der Dating-Plattform und blockiere den Kontakt.
- Hol dir Unterstützung. Der WEISSER RING hilft Betrugsopfern kostenlos unter 116 006. Schäme dich nicht.
Prävention: So schützt du dich von Anfang an
- Bestehe früh auf einem Videoanruf. Wer das wiederholt ablehnt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Person auf den Fotos.
- Mach eine umgekehrte Bildersuche der Profilbilder. Tauchen sie auf anderen Profilen oder Websites auf, ist Vorsicht geboten.
- Gib niemals Geld an jemanden, den du nur online kennst – egal wie überzeugend die Notlage klingt.
- Teile keine sensiblen Daten wie Kontoverbindung, Ausweiskopien oder Heimatadresse.
- Bleib auf der Plattform, solange du die Person nicht zweifelsfrei verifiziert hast.
- Sprich mit Freunden über deinen neuen Kontakt. Außenstehende erkennen Warnsignale oft schneller, weil sie nicht emotional beteiligt sind.
Mehr praktische Schritte findest du in unserem kompletten Schutz-Guide für sicheres Online-Dating.
Warum es jeden treffen kann
Vielleicht denkst du: „Mir würde das nie passieren.” Doch Romance Scam ist keine Frage von Intelligenz oder Bildung. Die Täter sind organisierte Profis, die gezielt menschliche Grundbedürfnisse ausnutzen: den Wunsch nach Nähe, nach Gesehenwerden, nach Liebe.
Genau deshalb trifft es auch kluge, beruflich erfolgreiche und emotional gefestigte Menschen. Die Verletzlichkeit, die ausgenutzt wird, ist keine Schwäche – sie ist Teil unserer Menschlichkeit. Wer betroffen ist, hat keinen Fehler gemacht. Schuld trägt allein der Täter.
Die Täter arbeiten mit erprobten Manipulationstechniken: Sie isolieren das Opfer schrittweise von Zweifeln, erzeugen über künstliche Notlagen ein Gefühl von Dringlichkeit und wechseln gezielt zwischen Zuwendung und Druck. Wer einmal investiert hat – emotional wie finanziell –, hält oft umso länger an der Hoffnung fest, dass alles doch echt sein könnte. Psychologen sprechen hier vom „Sunk-Cost-Effekt”: Je mehr man bereits gegeben hat, desto schwerer fällt der Ausstieg.
Der seelische Schaden wiegt oft schwerer als der finanzielle
Viele Betroffene berichten, dass nicht der Geldverlust am meisten schmerzt, sondern der Verrat: Die Beziehung, an die man geglaubt hat, war von Anfang an eine Lüge. Hinzu kommt häufig tiefe Scham, die viele davon abhält, sich anzuvertrauen oder Anzeige zu erstatten – was wiederum die Dunkelziffer erhöht. Genau deshalb ist es wichtig, sich Hilfe zu holen und das Erlebte nicht allein zu tragen. Der WEISSER RING bietet Betroffenen kostenlose, vertrauliche Unterstützung.
So hilfst du einem betroffenen Angehörigen
Vielleicht bist nicht du selbst betroffen, sondern beobachtest, wie ein Familienmitglied oder eine Freundin in einen Love Scam hineingerät. Das ist eine der schwierigsten Situationen überhaupt, denn Betroffene wehren Warnungen oft ab.
- Bleib ruhig und ohne Vorwürfe. Sätze wie „Wie konntest du nur?” treiben die Person tiefer in die Verteidigung. Besser: Verständnis zeigen und Gesprächsbereitschaft signalisieren.
- Sprich konkrete Beobachtungen an, statt zu urteilen: das Ausbleiben von Videoanrufen, die Geldforderungen, die immer neuen Notlagen.
- Biete praktische Hilfe an – etwa gemeinsam eine umgekehrte Bildersuche zu machen oder Beweise zu sichern.
- Verweise auf neutrale Stellen wie die Verbraucherzentrale oder den WEISSER RING. Ein Rat von außen wirkt oft glaubwürdiger.
- Hab Geduld. Sich einzugestehen, betrogen worden zu sein, ist ein schmerzhafter Prozess. Druck beschleunigt ihn nicht.
Häufige Fragen zu Love Scamming
Ist Love Scamming strafbar? Ja. Es erfüllt in Deutschland den Straftatbestand des Betrugs (§ 263 StGB). Das Problem ist die Verfolgung, weil die Täter meist im Ausland sitzen.
Woher haben die Täter meine Daten? Oft aus öffentlich einsehbaren Profilen in sozialen Netzwerken. Je weniger persönliche Informationen du teilst, desto kleiner die Angriffsfläche.
Kann ich auch über Instagram oder Facebook zum Opfer werden? Ja. Längst nicht alle Fälle laufen über klassische Dating-Plattformen. Soziale Netzwerke sind ein ebenso häufiger Ausgangspunkt.
Quellen und weiterführende Stellen
- WEISSER RING Magazin: „Liebesbetrüger” erbeuten mindestens 50 Millionen Euro (Schadenszahlen 2024, Erhebung bei den Landeskriminalämtern)
- Verbraucherzentrale: Love Scamming – So schützen Sie sich vor Liebesbetrug
- polizei-beratung.de: Romance Scamming (Liebesbetrug)
- BKA: Bundeslagebild Cybercrime 2025
- WEISSER RING e. V.: Opferhilfe und Beratung




