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Big Five Persönlichkeit: Das OCEAN-Modell und die Liebe

Big Five einfach erklärt: die fünf Dimensionen des OCEAN-Modells, wie gut sie belegt sind, welcher Test taugt und was sie für Liebe und Beziehung bedeuten.

Sarah Kellner
Sarah Kellner
· 17 Min. Lesezeit

Die Big Five sind fünf Grunddimensionen der Persönlichkeit: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Jeder Mensch hat auf jeder dieser Skalen einen Wert, irgendwo zwischen zwei Polen. Das Modell ist der Standard der Persönlichkeitsforschung, und es wurde nicht am Schreibtisch erdacht, sondern aus der Alltagssprache herausgerechnet.

Auch für die Liebe gibt es belastbare Studien. Wer wenig zu Sorgen neigt, verträglich und gewissenhaft ist, hat im Schnitt etwas zufriedenere Partner. Die Ähnlichkeit zweier Menschen spielt dagegen kaum eine Rolle. Hier liest du, was die fünf Dimensionen bedeuten, wie gut das Modell belegt ist, welcher Test taugt und was Paare mit unterschiedlichen Ausprägungen tun können. Mit den „Big Five“ einer Safari oder dem Buch „Big Five for Life“ hat das Modell nichts zu tun.

Was sind die Big Five? Die fünf Dimensionen im Überblick

Big Five heißt so viel wie „die großen Fünf“. Gemeint ist laut einem Handbuchkapitel von Oliver John, Laura Naumann und Christopher Soto nicht, dass diese Merkmale besonders bedeutsam wären. Der Psychologe Lewis Goldberg wählte den Namen 1981, um zu betonen, wie breit jeder Faktor ist. Jede Dimension bündelt viele engere Eigenschaften, Gewissenhaftigkeit etwa Ordnungsliebe, Pflichtgefühl und Selbstdisziplin.

Nach den Definitionen von John und Kollegen sowie dem Dorsch-Lexikon der Psychologie beschreiben die fünf Dimensionen Folgendes:

  • Offenheit für Erfahrungen: wie breit, tief und vielschichtig jemand denkt und erlebt. Hohe Werte gehen mit Fantasie und Neugier einher, niedrige mit einer praktischen, eher traditionellen Haltung.
  • Gewissenhaftigkeit: Selbststeuerung im Dienst von Zielen, also erst denken, dann handeln, planen, ordnen, Regeln einhalten und Belohnungen aufschieben können.
  • Extraversion: ein tatkräftiger, zugewandter Umgang mit der Welt, mit Geselligkeit, Aktivität, Durchsetzungsfreude und positiven Gefühlen. Am anderen Ende steht die Introversion, also Zurückhaltung.
  • Verträglichkeit: eine kooperative, gemeinschaftliche Haltung gegenüber anderen, mit Hilfsbereitschaft, Vertrauen, Weichherzigkeit und Bescheidenheit. Den Gegenpol nennt die Forschung Antagonismus, eine eher konkurrierende Haltung.
  • Neurotizismus: die Neigung zu negativen Gefühlen wie Angst, Nervosität, Traurigkeit und Anspannung. Den Gegenpol bilden emotionale Stabilität und Ausgeglichenheit.

Was bedeutet OCEAN?

OCEAN ist eine Eselsbrücke aus den englischen Anfangsbuchstaben: Openness, Conscientiousness, Extraversion, Agreeableness und Neuroticism. John und Kollegen weisen in ihrem Kapitel darauf hin, dass die Initialen dieses Wort ergeben. Eine feste Reihenfolge der Dimensionen gibt es nicht.

Neurotizismus ist keine Krankheit

Der Begriff klingt nach Diagnose, ist aber keine. Laut den Psychologen Robert McCrae und Paul Costa heißt der Faktor so, weil er zuerst bei Patienten mit der Diagnose Neurose beobachtet wurde. Heute beschreibt er eine Dimension der ganz normalen Persönlichkeit, auf der jeder Mensch irgendwo liegt. Wie sich das umgangssprachliche „neurotisch“ davon unterscheidet, zeigt unser Beitrag darüber, was neurotisch und Neurotizismus wirklich bedeuten.

Ein hoher Wert heißt, dass du Stress, Kritik und Unsicherheit eher stärker spürst als andere. McCrae und Costa beschreiben solche Menschen als im Schnitt anfälliger für seelische Erkrankungen wie Depressionen. Ein Testergebnis stellt aber nichts fest. Wenn dich Sorgen oder Niedergeschlagenheit über Wochen belasten, gehört das in eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung, nicht in einen Persönlichkeitstest.

Die Big Five im Alltag und in der Beziehung

Die Beschreibungen der Pole orientieren sich an den Definitionen oben. Die Spalte zur Beziehung haben wir daraus abgeleitet, sie beruht nicht auf Messungen an Paaren.

DimensionHohe Ausprägung im AlltagNiedrige Ausprägung im AlltagMögliche Wirkung in der Beziehung
Offenheitprobiert Neues aus, liebt Ideen, Kunst und fremde Ortemag Bewährtes, denkt praktischhoch: Lust auf neue gemeinsame Erlebnisse; niedrig: schätzt Rituale und Vertrautes
Gewissenhaftigkeitplant, hält Termine, erledigt Dinge gründlichspontan, flexibel, lässt auch mal etwas liegenhoch: Absprachen halten, wirkt aber mitunter kontrollierend; niedrig: unkompliziert, Alltagskram bleibt eher liegen
Extraversiongesellig, aktiv, redet gernzurückhaltend, tankt allein oder in kleiner Runde aufhoch: sucht Unternehmungen und Freundeskreis; niedrig: braucht Rückzug, Nähe lieber zu zweit
Verträglichkeithilfsbereit, vertrauensvoll, kompromissbereitdirekt, kritisch, setzt sich durchhoch: entschärft Streit, übergeht aber leicht eigene Wünsche; niedrig: klare Ansagen, Konflikte werden schneller hart
Neurotizismussorgt sich schnell, reagiert stark auf Stressgelassen, ausgeglichenhoch: braucht mehr Rückversicherung, nimmt Spannungen schwer; niedrig: ruhender Pol, übersieht vielleicht die Sorgen des anderen

Woher kommt das Modell? Von der Sprache zum Fragebogen

Die Grundidee heißt lexikalische Hypothese: Eigenschaften, die für das Zusammenleben wichtig sind, haben in der Alltagssprache ein eigenes Wort bekommen. Gordon Allport und Henry Odbert durchsuchten deshalb 1936 ein englisches Wörterbuch nach allen Begriffen, mit denen sich Menschen voneinander unterscheiden lassen. Sie kamen laut John und Kollegen auf fast 18.000.

1961 werteten die Psychologen Ernest Tupes und Ray Christal für die US-Luftwaffe Einschätzungen zu 35 Eigenschaften aus acht Stichproben aus. In jeder Analyse fanden sie fünf wiederkehrende Faktoren. Ihr Bericht blieb lange wenig beachtet und erschien erst 1992 in einer Fachzeitschrift. Warren Norman bestätigte die fünf Faktoren 1963. Um 1980 griff die Forschung den Ansatz wieder auf. 1990 analysierte Goldberg unter anderem 1.431 Eigenschaftswörter, und zehn verschiedene Rechenverfahren lieferten nahezu dieselben fünf Faktoren.

Parallel entwickelten Paul Costa und Robert McCrae Fragebögen. Ihr Modell umfasste anfangs nur Neurotizismus, Extraversion und Offenheit, die beiden anderen Dimensionen kamen später hinzu. 1992 erschien das NEO-PI-R mit 240 Aussagen und 30 Facetten, dazu die Kurzform NEO-FFI mit 60 Aussagen. 1991 hatten Oliver John und Kollegen das Big Five Inventory (BFI) mit 44 kurzen Aussagen vorgelegt.

Die deutschen Fassungen von NEO-PI-R und NEO-FFI vertreibt der Hogrefe-Verlag nur mit Nachweis der Bezugsberechtigung. Für Befragungen mit wenig Zeit entwickelten Beatrice Rammstedt und Oliver John 2007 das BFI-10, eine Kurzskala mit zehn Aussagen auf Englisch und Deutsch, die in etwa einer Minute ausgefüllt ist. Das Leibniz-Institut GESIS führt sie in seiner Sammlung sozialwissenschaftlicher Skalen. Die Aussagen dieser geschützten Verfahren drucken wir bewusst nicht ab.

Dimensionen statt Typen: Die meisten liegen in der Mitte

Die Big Five sortieren niemanden in Schubladen. McCrae und Costa beschreiben, dass Eigenschaften meist glockenförmig verteilt sind: Wenige Menschen sind sehr tatkräftig, die meisten einigermaßen, wenige ausgesprochen träge. Für die fünf Dimensionen heißt das: Die meisten liegen irgendwo in der Mitte. Ein Big-Five-Ergebnis ist deshalb kein Etikett, sondern ein Profil aus fünf Werten. Ob ein Wert hoch oder niedrig ist, ergibt sich erst im Vergleich mit anderen Menschen.

Big Five, MBTI und Enneagramm

Genau hier liegt der Unterschied zum Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI). McCrae und Costa werteten 1989 die Daten von 468 Erwachsenen zwischen 19 und 93 Jahren aus. Für echte, klar getrennte Typen fanden sie keinen Beleg, der MBTI misst vier fließende Dimensionen. Diese bilden Teile von vier Big-Five-Dimensionen ab: E/I hängt mit Extraversion zusammen, S/N mit Offenheit, T/F mit Verträglichkeit und J/P mit Gewissenhaftigkeit. Für Neurotizismus hat der MBTI keine eigene Skala. Was das für einen einzelnen Typ bedeutet, zeigen wir etwa im Porträt des INTJ.

Auch die neun Typen des Enneagramms hängen in Studien erwartungsgemäß mit den Big Five zusammen, die Belege für das Typenmodell selbst sind laut einer Übersichtsarbeit von 2021 aber gemischt. Zur Selbstreflexion taugen beide, für belastbare Aussagen greift die Forschung zu den Big Five.

Ist das Modell der Big Five wissenschaftlich belegt?

Die Big Five sind heute das Standardmodell der Persönlichkeitsforschung, schreiben McCrae und Costa in einem Handbuchkapitel von 2008.

Zuverlässig gemessen

Für das BFI berichten John und Kollegen aus Stichproben in den USA und Kanada Werte für die innere Stimmigkeit zwischen 0,75 und 0,90. Wer den Fragebogen nach drei Monaten erneut ausfüllte, landete bei sehr ähnlichen Ergebnissen, die Korrelationen lagen zwischen 0,80 und 0,90. Eine Korrelation von 1 hieße völlige Übereinstimmung.

Kürze hat allerdings ihren Preis. Von Kurzskalen mit nur zehn Aussagen raten John und Kollegen ab, außer in Ausnahmefällen wie einer landesweiten Telefonumfrage. Der Zeitgewinn wiege den möglichen Verlust an Zuverlässigkeit und Gültigkeit selten auf. Das betrifft auch das BFI-10, an dem John selbst mitgearbeitet hat.

Stabil, aber nicht in Stein gemeißelt

Brent Roberts und Wendy DelVecchio werteten dazu 2000 insgesamt 152 Längsschnittstudien aus. Die Rangfolge zwischen Menschen wurde mit dem Alter immer stabiler: von 0,31 in der Kindheit über 0,54 im Studienalter und 0,64 mit 30 bis auf rund 0,74 zwischen 50 und 70 Jahren. Wer mit 30 zu den Neugierigeren gehört, gehört meist auch später dazu, gemessen an Gleichaltrigen.

Trotzdem verändern sich die Durchschnittswerte. Eine Metaanalyse von Roberts, Kate Walton und Wolfgang Viechtbauer mit 92 Stichproben von 2006 fand: Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und soziale Dominanz, ein Teilaspekt der Extraversion, nehmen zu, vor allem zwischen 20 und 40. Offenheit steigt in der Jugend und sinkt im hohen Alter. Verträglichkeit veränderte sich erst im höheren Alter. Veränderung gibt es also auch nach 40 noch.

Ganz einheitlich ist das Bild nicht. In Querschnittsdaten aus Großbritannien und Deutschland fanden Brent Donnellan und Richard Lucas 2008 bei Älteren mehr Verträglichkeit. Beim Neurotizismus zeigte sich in den deutschen Daten aber ein leichter Anstieg mit dem Alter, in den britischen ein leichter Rückgang.

Auch gewollte Veränderung ist möglich. In zwei 16-wöchigen Experimenten von Nathan Hudson und Chris Fraley (2015) berichteten Menschen, die in einer Dimension zulegen wollten, eher entsprechende Veränderungen, auch im Alltagsverhalten. Geholfen haben vor allem konkrete Wenn-dann-Pläne.

Was die Big Five vorhersagen

Christopher Soto hat 2019 im Replikationsprojekt LOOPR 78 bereits veröffentlichte Zusammenhänge zwischen Big-Five-Merkmalen und Lebensergebnissen neu geprüft, vorab registriert und mit großen Stichproben. 87 Prozent der Wiederholungen fielen statistisch signifikant in die erwartete Richtung aus. Die Effekte waren im Schnitt allerdings nur 77 Prozent so stark wie in den Originalstudien.

Die Grenzen des Modells

Erstens beruhen die meisten Tests auf Selbstauskunft. Wer sich schönredet oder sich schlecht kennt, verzerrt das Ergebnis. Studien, die Selbsturteile mit Urteilen von Freunden und Ehepartnern verglichen, fanden laut McCrae und Costa aber bei allen fünf Faktoren eine mäßig hohe Übereinstimmung.

Zweitens funktioniert das Modell nicht überall gleich gut. Laut Dorsch-Lexikon ließ sich die Fünferstruktur in vielen Sprachen jenseits von Englisch, Deutsch und Niederländisch lexikalisch nicht wiederfinden. Rachid Laajaj und Kollegen werteten 2019 persönliche Befragungen von 94.751 Menschen in 23 Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen aus. Dort maßen gängige Fragen die gewünschten Merkmale meist nicht. In Online-Befragungen aus denselben Ländern klappte es deutlich besser. Als mögliche Gründe nennen die Autoren Antwortmuster, den Einfluss der Interviewer und geringe Schulbildung.

Drittens sind fünf Dimensionen nicht die ganze Persönlichkeit. John und Kollegen betonen, dass sich Persönlichkeit nicht auf fünf Eigenschaften reduzieren lässt. Wie du in Beziehungen Nähe suchst oder meidest, erfassen die Big Five nicht direkt. Dafür gibt es das Konzept der Bindungsstile.

Der Unterschied zu Horoskopen liegt in der Prüfbarkeit. Die Big Five wurden aus Daten gewonnen und werden laufend an neuen Stichproben getestet, auch auf ihre Schwächen. Was Sternzeichen über Paare sagen und was nicht, ordnen wir im Beitrag zur Sternzeichen-Kompatibilität ein.

Big Five in der Liebe: Was die Forschung über Paare weiß

Für Beziehungen stellt die Forschung drei Fragen. Wie hängt deine eigene Persönlichkeit mit deiner Zufriedenheit zusammen? Welche Rolle spielt die Persönlichkeit deines Partners? Und zählt es, ob ihr euch ähnlich seid?

Was die Persönlichkeit des Partners ausmacht

John Malouff, Einar Thorsteinsson, Nicola Schutte, Navjot Bhullar und Sally Rooke haben 2010 eine Metaanalyse veröffentlicht. Sie bündelt 19 Stichproben mit zusammen 3.848 Teilnehmenden aus heterosexuellen Partnerschaften. Vier der fünf Dimensionen hingen mit der Zufriedenheit des Partners zusammen: wenig Neurotizismus sowie viel Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Extraversion. Offenheit gehörte nicht dazu. Zwischen Männern und Frauen sowie zwischen Verheirateten und Unverheirateten unterschieden sich die Zusammenhänge nicht bedeutsam.

Die eigene Persönlichkeit zählt mehr als die Ähnlichkeit

Wie groß solche Effekte sind, zeigt eine Studie von Portia Dyrenforth, Deborah Kashy, Brent Donnellan und Richard Lucas aus dem Jahr 2010. Sie nutzten drei sehr große, landesweit repräsentative Stichproben verheirateter Paare aus Australien, Großbritannien und Deutschland. Die eigene Persönlichkeit erklärte rund 6 Prozent der Unterschiede in der eigenen Beziehungszufriedenheit. Die Persönlichkeit des Partners erklärte 1 bis 3 Prozent, am größten waren diese Effekte für Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität. Die Ähnlichkeit der beiden erklärte weniger als ein halbes Prozent, nachdem beide Persönlichkeiten berücksichtigt waren.

Übersetzt heißt das: Wie zufrieden du bist, hängt stärker mit deiner eigenen Persönlichkeit zusammen als mit der deines Partners. Ob ihr euch ähnelt, spielt praktisch keine Rolle. Und den größten Teil der Unterschiede in der Zufriedenheit erklärt die Persönlichkeit gar nicht. Zu den beliebten Listen „idealer“ MBTI-Paare sind uns keine vergleichbaren Studien bekannt, wie wir im Porträt des ENFP erklären.

Neurotizismus und Konflikte

Wie emotionale Anspannung in eine Ehe hineinwirkt, haben John Caughlin, Ted Huston und Renate Houts in einer Langzeitstudie über 13 Jahre untersucht. Gemessen wurde kurz nach der Hochzeit Ängstlichkeit als Eigenschaft, laut den Autoren ein anderer Name für Neurotizismus. Höhere Werte sagten mehr negatives Verhalten in der Ehe voraus, und dieses ging mit mehr Unzufriedenheit beim Partner einher. Wer sich scheiden ließ und wer nicht, unterschied die Ängstlichkeit dagegen nicht.

Für Paare steckt darin ein brauchbarer Hinweis: Der Zusammenhang läuft zum Teil über das Verhalten im Umgang miteinander, und daran lässt sich arbeiten, auch wenn die Grundneigung bleibt. Diese Schlussfolgerung ist unsere, die Studie hat keine Paarübungen getestet. Nicht verwechseln solltest du Neurotizismus mit dem ängstlichen Bindungsstil. Der beschreibt speziell die Angst, verlassen zu werden, Neurotizismus dagegen die allgemeine Neigung zu negativen Gefühlen. Wenn Sorge in Kontrolle kippt, hilft unser Ratgeber zu gesunder und toxischer Eifersucht.

Verträglichkeit: der Puffer im Streit

Verträglichkeit taucht in beiden Studien unter den wichtigen Partnermerkmalen auf. Naheliegend ist, dass verträgliche Menschen Streit eher entschärfen und Wohlwollen unterstellen. Gemessen haben die Studien diesen Weg allerdings nicht.

Niedrige Verträglichkeit ist dabei kein Charakterfehler. Wer direkt ist, sagt auch unbequeme Wahrheiten. Schwierig wird es, wenn Direktheit ohne Wärme ankommt. Sehr Verträgliche stellen dagegen womöglich eigene Wünsche zurück, bis sich Frust anstaut.

Gewissenhaftigkeit im Alltag

Auch Gewissenhaftigkeit gehört in beiden Studien zu den Partnermerkmalen, die mit mehr Zufriedenheit einhergehen. Im Alltag zeigt sie sich unspektakulär: Rechnungen werden pünktlich bezahlt, Absprachen gehalten. Dass das Reibung erspart, liegt nahe, ist aber unsere Deutung. Treffen sehr unterschiedliche Ausprägungen aufeinander, kann sich Streit um Spülmaschine, Pünktlichkeit oder Geld drehen. Der eine erlebt Unordnung als Stress, der andere feste Pläne als Einengung.

Extraversion und Offenheit bei der Partnersuche

Extraversion hing in der Metaanalyse mit der Zufriedenheit des Partners zusammen, gehörte in der Drei-Länder-Studie aber nicht zu den stärksten Partnermerkmalen. Offenheit war in der Metaanalyse nicht bedeutsam. Zur Partnersuche selbst liefern beide Studien keine Daten, sie untersuchten bestehende Paare.

Aus dem Modell lässt sich trotzdem einiges ableiten. Extravertierten fällt es vermutlich leichter, auf Partys ins Gespräch zu kommen. Introvertierte punkten eher im ruhigen Gespräch zu zweit, Strategien dafür findest du in unserem Ratgeber, wie du als introvertierter Mensch einen Partner findest. Offenheit zeigt sich beim Date als Neugier auf das Gegenüber, geringe Offenheit eher als klare Vorstellungen und Sinn für Bewährtes.

Tipps für Paare mit unterschiedlichen Ausprägungen

Diese Tipps sind aus dem Modell und den Befunden abgeleitet, in Studien getestet wurden sie nicht.

  1. Beschreibt Verhalten statt Etiketten. „Du hast den Termin vergessen“ lässt sich lösen. „Du bist halt nicht gewissenhaft“ beendet das Gespräch.
  2. Plant Geselligkeit gemeinsam. Unterscheidet ihr euch bei der Extraversion, legt vorher fest, wie lange ihr bleibt. Angekündigter Rückzug kränkt weniger.
  3. Macht aus Ordnungsfragen Absprachen. Einigt euch auf wenige feste Regeln, etwa wer welche Rechnung im Blick hat, statt täglich neu zu verhandeln.
  4. Nehmt Sorgen ernst, ohne sie zu übernehmen. Ein ruhiges „Was brauchst du gerade?“ hilft mehr als „Mach dir nicht so viele Gedanken“.
  5. Verbindet Direktheit mit Wärme. Wer weniger verträglich ist, kann Kritik mit echter Anerkennung beginnen. Wer sehr verträglich ist, darf Wünsche früher aussprechen.
  6. Wechselt zwischen Neuem und Vertrautem, etwa ein neues Ausflugsziel am Samstag, das Lieblingsrestaurant am Sonntag.
  7. Arbeitet zuerst an euch selbst. Die eigene Persönlichkeit hängt am stärksten mit der eigenen Zufriedenheit zusammen.
  8. Ergänzt das Bild. Wie ihr Zuneigung zeigt und empfangt, beschreiben die fünf Sprachen der Liebe konkreter. Steckt ihr fest, hilft eine Paarberatung mehr als ein weiterer Test.

Selbstcheck: 10 Fragen zu deinen Big Five

Die folgenden Fragen haben wir selbst formuliert. Sie sind kein validierter Test, liefern keinen Wert und sollen nur zum Nachdenken anregen.

  1. Wann hast du zuletzt etwas zum ersten Mal ausprobiert, nur weil es dich neugierig gemacht hat?
  2. Zieht es dich im Urlaub eher an einen unbekannten Ort oder an einen, den du schon kennst und liebst?
  3. Erledigst du lästige Aufgaben lieber sofort, oder schiebst du sie, bis es eng wird?
  4. Wie fühlst du dich, wenn ein fester Plan kurzfristig platzt?
  5. Bist du nach einem Abend mit vielen Menschen eher aufgedreht oder erschöpft?
  6. Ergreifst du in einer neuen Runde schnell das Wort, oder hörst du erst einmal zu?
  7. Wie schwer fällt es dir, im Streit nachzugeben, wenn du dich im Recht fühlst?
  8. Gehst du bei Menschen, die du gerade kennenlernst, zuerst von guten Absichten aus?
  9. Wie lange beschäftigt dich eine kritische Bemerkung über dich?
  10. Wie schnell kommst du nach einem Streit wieder zur Ruhe?

Aufschlussreich wird es, wenn dein Partner die Fragen auch für dich beantwortet und du für ihn. Wo eure Einschätzungen auseinandergehen, lohnt sich ein Gespräch.

Seriöse kostenlose Big-Five-Tests

Wenn du es genauer wissen willst, greif zu Tests auf Basis des International Personality Item Pool (IPIP). Die Website ging 1998 mit Fördergeld des US-amerikanischen National Institute of Mental Health für Lewis Goldberg online, heute umfasst die Sammlung mehr als 3.000 Aussagen und über 250 Skalen. Die Aussagen und Skalen sind gemeinfrei, jeder darf sie ohne Erlaubnis kopieren, übersetzen und nutzen.

Die IPIP-Website führt eine Liste mit Online-Umsetzungen. Dazu gehört der IPIP-NEO des Psychologen John A. Johnson in zwei Fassungen: 300 Aussagen in etwa 30 bis 40 Minuten oder 120 Aussagen in etwa 10 bis 20 Minuten. Die Kurzfassung hat Johnson 2014 im Journal of Research in Personality beschrieben. Zu den besten Umsetzungen der 120er-Fassung zählen die IPIP-Betreiber bigfive-test.com: quelloffen, auch auf Deutsch, kostenlos und ohne Anmeldung. Für andere Nachbauten übernehmen sie ausdrücklich keine Gewähr.

Welcher Big-Five-Test der beste ist, hängt vom Zweck ab. Das NEO-PI-R misst neben den fünf Dimensionen auch 30 Facetten, ist aber für Fachleute gedacht und kostenpflichtig. Für den privaten Selbstcheck reicht ein sorgfältig umgesetzter IPIP-Test. Eine Diagnose liefert keiner dieser Tests.

Fazit: fünf Skalen, kein Urteil

Die Big Five beschreiben Persönlichkeit mit fünf Dimensionen. Das Modell stammt aus der Alltagssprache, wird zuverlässig gemessen, ist recht stabil und trotzdem veränderbar. Seine Grenzen liegen in der Selbstauskunft, in kulturellen Unterschieden und darin, dass fünf breite Skalen nicht alles erfassen.

Für die Liebe ist die wichtigste Botschaft entlastend: Ob ihr euch ähnelt, spielt kaum eine Rolle. Emotionale Stabilität, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit hängen mit zufriedeneren Partnern zusammen, aber nur in kleinem Maß. Am meisten bewegen kannst du bei dir selbst und darin, wie ihr mit Unterschieden umgeht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fünf Dimensionen: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus, als Eselsbrücke OCEAN.
  • Skalen statt Typen: Die meisten Menschen liegen im mittleren Bereich.
  • Neurotizismus ist keine Krankheit, sondern die Neigung zu negativen Gefühlen. Der Gegenpol heißt emotionale Stabilität.
  • Gut belegt, mit Grenzen: zuverlässig gemessen und über Jahre recht stabil, aber abhängig von Selbstauskunft und Kultur.
  • In der Liebe gehen wenig Neurotizismus sowie viel Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Extraversion beim Partner mit mehr Zufriedenheit einher, die Effekte sind klein.
  • Ähnlichkeit zählt kaum: In einer Drei-Länder-Studie erklärte sie weniger als ein halbes Prozent der Unterschiede in der Zufriedenheit.
  • Kostenlos testen: Seriöse Gratistests beruhen auf dem gemeinfreien IPIP. Unser Selbstcheck ist kein validierter Test.

Häufig gestellte Fragen

Welche Big Five gibt es?

Die Big Five sind fünf breite Dimensionen der Persönlichkeit: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Neurotizismus beschreibt die Neigung zu negativen Gefühlen wie Angst und Anspannung, sein Gegenpol heißt emotionale Stabilität. Jeder Mensch hat auf jeder Dimension einen Wert, die meisten liegen irgendwo im mittleren Bereich. Das Modell sortiert also nicht in Typen, sondern beschreibt Abstufungen.

Was bedeutet OCEAN?

OCEAN ist eine Merkhilfe aus den englischen Anfangsbuchstaben der fünf Dimensionen: Openness (Offenheit), Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit), Extraversion, Agreeableness (Verträglichkeit) und Neuroticism (Neurotizismus). Die Psychologen Oliver John, Laura Naumann und Christopher Soto weisen in einem Handbuchkapitel von 2008 auf dieses Wort hin. Den Namen Big Five wählte Lewis Goldberg 1981, um zu zeigen, wie breit jeder Faktor ist, nicht, weil die Merkmale besonders bedeutsam wären.

Ist das Big-Five-Modell wissenschaftlich belegt?

Ja, es gilt als Standardmodell der Persönlichkeitsforschung. Die fünf Faktoren fanden sich in vielen Studien wieder, gute Fragebögen messen zuverlässig, und die Rangfolge zwischen Menschen bleibt über Jahre recht stabil. In einem großen Replikationsprojekt bestätigten sich 87 Prozent von 78 bekannten Zusammenhängen mit Lebensergebnissen. Grenzen gibt es trotzdem: Die meisten Tests beruhen auf Selbstauskunft, und in persönlichen Befragungen in ärmeren Ländern funktionierten gängige Fragen deutlich schlechter.

Was sind Big-Five-Persönlichkeitstests?

Das sind Fragebögen, in denen du angibst, wie sehr Aussagen auf dich zutreffen. Daraus ergibt sich für jede der fünf Dimensionen ein Wert. Bekannte Verfahren sind das NEO-PI-R mit 240 Aussagen, seine Kurzform NEO-FFI mit 60 Aussagen und das Big Five Inventory (BFI) mit 44 Aussagen. Die deutschen NEO-Fassungen gibt der Hogrefe-Verlag nur mit Nachweis der Bezugsberechtigung ab. Frei nutzbar sind Tests auf Basis des International Personality Item Pool.

Was ist der beste Big-Five-Test?

Den einen besten Test gibt es nicht, es kommt auf den Zweck an. Das NEO-PI-R misst fünf Dimensionen und 30 Facetten, es ist aber kostenpflichtig und für Fachleute gedacht. Von sehr kurzen Skalen mit zehn Aussagen raten John und Kollegen außer in Ausnahmefällen ab, weil dabei Zuverlässigkeit verloren gehen kann. Für den privaten Selbstcheck eignen sich sorgfältig umgesetzte kostenlose IPIP-Tests, eine Diagnose liefert keiner.

Gibt es einen kostenlosen Big-Five-Persönlichkeitstest?

Ja. Die Aussagen des International Personality Item Pool (IPIP) sind gemeinfrei, jeder darf sie ohne Erlaubnis nutzen und übersetzen. Darauf beruht etwa der IPIP-NEO des Psychologen John A. Johnson mit 120 oder 300 Aussagen. Die IPIP-Website führt eine Liste mit Online-Umsetzungen, darunter eine deutschsprachige, die die Betreiber zu den besten zählen. Für andere Nachbauten übernehmen sie keine Gewähr. Nimm das Ergebnis als Anstoß, nicht als Urteil.

Welche Persönlichkeit geht mit glücklicheren Beziehungen einher?

In einer Metaanalyse mit 19 Stichproben und 3.848 Teilnehmenden waren Menschen zufriedener mit ihrer Beziehung, wenn ihr Partner emotional stabil sowie verträglich, gewissenhaft und extravertiert war. Eine Studie mit Ehepaaren aus Australien, Großbritannien und Deutschland zeigt aber die Größenordnung: Die eigene Persönlichkeit erklärte rund sechs Prozent der Unterschiede in der eigenen Zufriedenheit, die des Partners ein bis drei Prozent. Persönlichkeit ist also ein Faktor unter vielen.

Müssen Partner bei den Big Five ähnlich sein?

Nach den bisherigen Daten kaum. In der Studie von Dyrenforth und Kollegen mit repräsentativen Stichproben verheirateter Paare aus drei Ländern erklärte die Ähnlichkeit weniger als ein halbes Prozent der Unterschiede in der Zufriedenheit, nachdem die Persönlichkeit beider Partner berücksichtigt war. Wichtiger war, wie jeder Einzelne ist. Unterschiede sind deshalb kein Ausschlusskriterium. Entscheidend ist, wie ihr im Alltag damit umgeht.

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