Verlustangst überwinden: Der Psychologie-Guide, der dir wirklich hilft
Du checkst sein Handy alle zwei Stunden, weil er nicht geantwortet hat. Du schläfst nicht, weil sie heute Abend mit Kolleginnen unterwegs ist. Du analysierst jede Pause, jeden Ton, jedes „Okay” am Ende einer Nachricht — und dein Magen verkrampft sich, sobald die Antwort länger als zwanzig Minuten dauert. Verlustangst ist keine Charakterschwäche, sondern ein erlerntes Alarmsystem deines Nervensystems, das in der Kindheit verdrahtet wurde und in der Liebe heute Vollalarm schlägt, obwohl objektiv nichts brennt.
Dieser Guide ist anders als die üblichen Listen-Artikel. Ich nehme dich mit in die Bindungspsychologie, zeige dir die elf häufigsten Symptome, erkläre dir warum dein Gehirn so reagiert — und gebe dir sieben Schritte, die in der Praxis wirklich funktionieren. Ich bin Sarah Kellner, Psychologin M.Sc., und ich arbeite seit acht Jahren mit Menschen, die genau an diesem Punkt stehen. Verlustangst zu überwinden ist möglich. Es ist nicht schnell und nicht bequem — aber es ist machbar.
Was ist Verlustangst in der Beziehung?
Verlustangst ist die anhaltende, oft körperlich spürbare Angst, eine geliebte Person zu verlieren — durch Trennung, Ablehnung, Tod oder emotionalen Rückzug. Sie äußert sich in zwanghaften Gedanken, Klammern, Eifersucht und Kontrollverhalten und entsteht meist aus unsicheren Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit.
Diese Definition klingt klinisch, beschreibt aber ein zutiefst menschliches Phänomen. Der britische Psychiater John Bowlby — Begründer der Bindungstheorie — beschrieb in seinem dreibändigen Werk „Attachment and Loss” (1969–1980), wie Säuglinge ein angeborenes System haben, das sie an Bezugspersonen bindet. Wenn diese Bindung früh als unsicher erlebt wird (etwa weil die Mutter mal warm, mal abweisend reagiert), entwickelt das Kind ein inneres Arbeitsmodell: „Liebe ist unzuverlässig. Ich muss kämpfen, um sie zu behalten.”
Mary Ainsworth verfeinerte diese Theorie in den 1970ern mit dem berühmten „Strange Situation”-Experiment. Sie identifizierte den ängstlich-ambivalenten Bindungsstil — heute oft „anxious preoccupied” genannt — als jenen Stil, der am stärksten mit Verlustangst im Erwachsenenalter korreliert. Forscher wie Mario Mikulincer und Phillip Shaver haben in den 2000ern gezeigt, dass etwa 20 Prozent aller Erwachsenen diesen Stil tragen.
Wichtig zu verstehen: Verlustangst ist keine psychische Krankheit im engeren Sinne und steht so auch nicht im ICD-11. Sie ist ein Symptomkomplex, der bei verschiedenen Diagnosen (Angststörungen, depressive Episoden, Borderline-Persönlichkeitsstörung) auftauchen kann — meist aber als Folge eines bestimmten Bindungsmusters existiert. Das ist gute Nachricht: Bindungsmuster sind plastisch. Du kannst lernen, sicher zu binden, auch wenn dein Start im Leben unsicher war. Konzept dahinter heißt „Earned Secure Attachment” und ist gut erforscht.
Die 11 typischen Anzeichen von Verlustangst
Verlustangst zeigt sich auf vielen Ebenen — Gedanken, Gefühle, Körper, Verhalten. Hier sind die elf häufigsten Symptome, die ich in der Praxis sehe:
1. Zwanghafte Erreichbarkeits-Checks
Du schaust ständig auf dein Handy. Ein nicht beantwortetes „Wie war dein Tag?” fühlt sich an wie eine Antwort — eine schlechte. Du liest alte Chats nach „Hinweisen”. Manche meiner Klient*innen kommen auf 80 bis 120 Mal Display anschalten pro Tag.
2. Körperliche Angstreaktion bei kleinsten Auslösern
Herzrasen, enge Brust, Übelkeit, kribbelnde Hände. Wenn die Antwort zwei Stunden dauert oder dein Partner „komisch” klingt, geht dein Körper in den Alarmzustand. Das ist dein Sympathikus, der Verlassen-Werden mit Lebensgefahr verwechselt.
3. Übermäßiges Bestätigungs-Suchen
„Liebst du mich noch?” „Bist du sicher, dass du mit mir zusammen sein willst?” Diese Fragen lindern die Angst nur Minuten lang — danach kommt sie zurück, oft stärker.
4. Eifersucht — auch ohne realen Anlass
Du analysierst Instagram-Likes deines Partners. Eine alte Freundin ruft an und du fühlst dich bedroht. Die Eifersucht richtet sich oft gegen Menschen, die objektiv keine Konkurrenz sind.
5. Klammern und Anhänglichkeit
Du planst gemeinsame Zeit so eng, dass kein Raum für Solo-Aktivitäten bleibt. Wenn dein Partner einen Abend allein verbringen möchte, fühlst du dich abgelehnt.
6. Selbstaufgabe und People Pleasing
Du sagst Ja, obwohl du Nein meinst. Du verstellst dich, um zu gefallen. Du gibst Hobbys, Freundschaften, eigene Meinungen auf, um „passender” zu sein.
7. Testen der Beziehung
„Ich gehe einfach mal nicht ans Telefon und schaue, ob er mich vermisst.” „Ich provoziere einen Streit, um zu sehen, ob sie bleibt.” Diese Tests sollen Sicherheit liefern — produzieren aber das Gegenteil.
8. Katastrophen-Denken
Eine Pause in der Beziehung interpretierst du als „Sie verlässt mich gleich”. Ein Streit als „Das war’s jetzt”. Dein Gehirn springt zum schlimmstmöglichen Szenario.
9. Verlassensangst auch bei nicht-romantischen Beziehungen
Freundschaften, Familie, Job — überall dort, wo Bindung im Spiel ist, taucht die Angst auf.
10. Schlafstörungen und Grübelschleifen
Nachts kreisen die Gedanken. Du gehst Gespräche durch, suchst nach „Hinweisen”, entwickelst Szenarien. Studien zeigen: Ängstlich gebundene Menschen haben signifikant schlechtere Schlafqualität.
11. Beziehungs-Sabotage
Paradox aber häufig: Du verlässt selbst, bevor du verlassen wirst. Du suchst Streit, um Kontrolle zu behalten. Du beendest aus Angst vor dem Beenden.
Wenn du fünf oder mehr dieser Symptome bei dir erkennst, ist Verlustangst sehr wahrscheinlich ein Thema bei dir. Das ist keine Diagnose — aber ein Anlass, hinzuschauen. Unser Bindungsstil-Test kann dir helfen, das Muster genauer einzuordnen.
Woher kommt Verlustangst? Die Wurzeln in der Kindheit
Hier wird es persönlich — und das ist wichtig. Verlustangst entsteht nicht zufällig. Sie hat eine Geschichte, die fast immer in die ersten Lebensjahre zurückreicht.
Der ängstlich-ambivalente Bindungsstil entwickelt sich, wenn eine Bezugsperson nicht zuverlässig auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert. Wichtig: nicht „nie”, sondern „mal so, mal so”. Das Kind lernt: „Liebe gibt es, aber ich weiß nie wann. Ich muss laut sein, muss anhaftend sein, muss aufmerksam sein, sonst verschwindet sie.” Dieser Mechanismus brennt sich ins Nervensystem ein — als Strategie, die im Kindesalter überlebenswichtig war.
Häufige Wurzeln, die ich in der Praxis sehe:
- Inkonsistente Eltern: Mal warm, mal abweisend. Mal verfügbar, mal abwesend (auch innerlich abwesend zählt).
- Frühe reale Verluste: Tod eines Elternteils, Trennung der Eltern, Klinikaufenthalte des Kindes, längere Abwesenheit (Beruf, Krankheit).
- Eltern mit eigener unverarbeiteter Verlustangst: Wer als Kind ständig spürt „Mama hat Angst, mich loszulassen”, übernimmt das Muster.
- Parentifizierung: Das Kind musste emotional für ein Elternteil sorgen und lernte: „Meine Bedürfnisse sind weniger wichtig — Hauptsache, die Bindung hält.”
- Geschwister-Konstellationen: Wenn ein Geschwisterkind krank war oder mehr Aufmerksamkeit brauchte, lernen Kinder oft: „Ich muss extra darum kämpfen.”
- Migration, Flucht, gesellschaftliche Brüche in der Familiengeschichte — auch transgenerational weitergegeben.
Was hier zentral ist: Deine Eltern müssen nicht „böse” gewesen sein. Die meisten haben getan, was sie konnten. Das ändert nichts daran, dass dein Nervensystem bestimmte Muster gespeichert hat. Und genau diese Muster sind heute der Punkt, an dem wir arbeiten können — nicht, indem wir die Vergangenheit ändern, sondern indem wir dem Nervensystem neue Erfahrungen anbieten.
Wenn du tiefer in die Bindungstheorie einsteigen möchtest, ist unser Guide zu Attachment Styles der beste Startpunkt. Speziell für das anxious-Muster empfehle ich den Anxious Attachment Dating Guide.
Wie sich Verlustangst auf deine Beziehung auswirkt
Die tragische Wahrheit über Verlustangst: Sie produziert genau das Szenario, vor dem sie schützen will. Hier ist warum.
Stell dir Lena vor (32, Marketing). Sie ist seit zwei Jahren mit Jonas zusammen. Vor zwei Wochen ist er beruflich nach München gezogen — Fernbeziehung. Seit dem Umzug schreibt Lena ihm 40-mal am Tag. Sie ruft an, wenn er nach 30 Minuten nicht antwortet. Sie schickt Sprachnachrichten, die mit „Ich liebe dich” beginnen und mit „Vermisst du mich gerade gar nicht?” enden. Jonas zieht sich zurück. Lena spürt das, klammert stärker. Jonas zieht sich noch stärker zurück. Klassischer Anxious-Avoidant-Trap.
Das Muster ist immer dasselbe: Die Angst aktiviert Strategien (Klammern, Kontrollieren, Suchen nach Bestätigung), die den Partner überfordern. Der Partner zieht sich zurück. Der Rückzug bestätigt die ursprüngliche Angst („Ich werde verlassen”). Die Angst wird größer. Das Klammern wird stärker. Der Zyklus eskaliert.
Marie (28, Lehrerin) zeigt eine andere Variante. Sie testet ständig. „Wenn ich heute nicht schreibe, schreibt er dann?” Wenn er nicht schreibt, ist das der Beweis. Wenn er schreibt, denkt sie: „Er macht das nur, weil er ein schlechtes Gewissen hat.” Sie kann den Beweis ihrer Geliebt-Werdens nicht annehmen. Das nennt die Bindungsforschung „Approach-Avoidance-Conflict”: Sie will Nähe und schiebt sie gleichzeitig weg.
Hier ist die typische Auswirkung auf die Beziehungsdynamik im direkten Vergleich:
| Gesunde Nähe | Verlustangst-Verhalten |
|---|---|
| Du genießt gemeinsame Zeit, brauchst aber auch eigene | Du brauchst ständigen Kontakt, fühlst dich allein schon nach Stunden verlassen |
| Du fragst direkt nach Bedürfnissen | Du testest, hoffst auf Erraten, machst Andeutungen |
| Du gönnst dem Partner Freiräume | Freiräume des Partners triggern Angstattacken |
| Konflikte können bestehen bleiben, beide schlafen drüber | Konflikte müssen sofort geklärt werden, sonst Panik |
| Du vertraust dem „Ich liebe dich” beim ersten Mal | Du brauchst es täglich, mehrfach, in spezifischer Tonlage |
| Eifersucht ist situativ, geht vorüber | Eifersucht ist konstant, generalisiert auf alle Frauen/Männer |
| Du behältst Hobbys, Freunde, eigene Welt | Dein Leben dreht sich primär um den Partner |
| Konflikt = Klärung mit Ergebnis | Konflikt = Wer-verlässt-zuerst-Test |
Und dann ist da Anna (34, Architektin). Sie hat den umgekehrten Weg gewählt: Sie verlässt selbst, bevor sie verlassen werden kann. Mit Mitte 30 hat sie sieben Beziehungen hinter sich, alle hat sie beendet — meist nach acht bis zehn Monaten, wenn die ersten Krisen kamen. „Wenn ich gehe, kann er mich nicht verlassen.” Eine sehr verbreitete Variante, die als „Avoidant-Twist” der Verlustangst beschrieben wird.
Die Kosten? Lena hat schon die fünfte Trennung erlebt — jedes Mal von Männern, die anfangs Nähe versprochen haben. Marie hat seit drei Jahren keine Beziehung länger als sechs Monate gehalten. Anna fragt sich, ob sie überhaupt fähig ist zu lieben. Die Antwort ist: ja, sie ist es. Sie hat nur ein System, das Liebe als Bedrohung interpretiert.
Wenn dich dieses Muster spiegelt, ist der Bindungsangst Komplett-Guide relevant — oft existieren Verlustangst und Bindungsangst beim selben Menschen nebeneinander, je nach Beziehungsphase.
Verlustangst überwinden: 7 konkrete Schritte
Jetzt zum praktischen Teil. Diese sieben Schritte sind nicht „nice to have” — sie sind das, was in meiner Praxis und in der Forschung wirklich Effekt zeigt. Erwarte keine Wunder in einer Woche. Erwarte spürbare Veränderung in drei bis sechs Monaten, wenn du sie konsequent gehst.
Schritt 1: Trigger identifizieren und benennen
Verlustangst ist nicht „immer da”. Sie wird ausgelöst — von spezifischen Situationen, Worten, Tonfällen, sogar Tageszeiten. Führe zwei Wochen lang ein Trigger-Tagebuch. Notiere jedes Mal, wenn dich die Angst überfällt: Was war die Situation? Was hast du gedacht? Wie hat es sich körperlich angefühlt? Welche Erinnerung kam hoch?
Du wirst Muster erkennen. Bei Lena war es: Verspätete Antworten nach 19 Uhr, Sätze mit „Wir müssen reden”, Stimmungen, in denen Jonas „abwesend” wirkte. Dieses Wissen ist Macht. Es trennt „realer Anlass” von „alter Wunde”.
Schritt 2: Das Nervensystem regulieren — bevor du reagierst
Wenn die Angst kommt, hast du etwa 30 bis 90 Sekunden, bevor das Sympathische Nervensystem voll übernimmt. In dieser Zeit kannst du intervenieren. Konkrete Methoden:
- Bilaterale Stimulation: Klopfe abwechselnd auf beide Oberschenkel, 30 Sekunden. Das aktiviert beide Gehirnhälften und beruhigt die Amygdala.
- 4-7-8-Atmung: 4 Sek einatmen, 7 Sek halten, 8 Sek ausatmen. Drei Runden.
- Kalt-Reiz: Kaltes Wasser ins Gesicht, Eiswürfel in die Hand. Aktiviert den Tauchreflex und senkt den Puls.
- 5-4-3-2-1-Übung: 5 Dinge sehen, 4 hören, 3 fühlen, 2 riechen, 1 schmecken.
Wichtig: Diese Techniken funktionieren nur, wenn du sie übst, wenn du nicht in der Angst bist. Sonst greifst du im Akutfall nicht darauf zu.
Schritt 3: Den 20-Minuten-Puffer einführen
Ab jetzt gilt die Regel: Wenn du in der Angst steckst, schreibst du nichts, sagst du nichts, machst du nichts. Du nimmst dir 20 Minuten. In diesen 20 Minuten regulierst du (siehe Schritt 2) und stellst dir drei Fragen:
- Was sehe ich gerade — was sind die Fakten?
- Was interpretiere ich — was sind meine Gedanken darüber?
- Was würde ich tun, wenn ich nicht in der Angst wäre?
Erst danach handelst du. Diese eine Regel — wenn konsequent angewendet — hat in meiner Praxis mehr Beziehungen gerettet als jede andere Intervention.
Schritt 4: Mit dem Partner offen sprechen — aber richtig
Verlustangst gedeiht in der Heimlichkeit. Scham verstärkt sie. Deshalb: Sprich. Aber nicht aus der Panik heraus, sondern aus der Ruhe.
Ein Beispiel aus meiner Praxis. Lena hat mit Jonas folgendes Gespräch geführt:
„Jonas, ich möchte dir etwas erklären, was bei mir passiert. Wenn du nicht antwortest, geht in meinem Kopf ein Alarm los, der mit dir gar nichts zu tun hat. Es ist ein altes Muster aus meiner Kindheit. Ich arbeite daran und brauche dafür Zeit. Was mir helfen würde: Wenn du länger als zwei Stunden offline bist, schick mir bitte ein kurzes „Bin im Termin, melde mich später”. Das ist keine Verpflichtung, sondern ein Wunsch. Bist du bereit, das zu probieren?”
Jonas war bereit. Drei Monate später war ihr Konfliktniveau um 70 Prozent gesunken. Nicht weil Jonas sich verändert hat — sondern weil Lena Verantwortung übernommen hat und Jonas einen klaren, machbaren Beitrag leisten konnte.
Schritt 5: Das eigene Leben außerhalb der Beziehung wiederbeleben
Verlustangst gedeiht, wenn die Beziehung alles ist. Wenn du Freundschaften vernachlässigt hast, Hobbys aufgegeben, deine Karriere zurückgestellt — hol es zurück. Konkret:
- Mindestens zwei Abende pro Woche ohne Partner planen (Sport, Freunde, Therapie, Soloprojekte).
- Eine Sache pro Quartal, die nur dir gehört (Workshop, Reise, Kurs).
- Wieder Kontakt zu mindestens drei Menschen aus der Pre-Beziehungs-Zeit.
Das ist nicht „Distanz aufbauen”. Das ist Identität aufbauen. Selbstliebe lernen ist hier kein Buzzword, sondern ein konkretes Fundament.
Schritt 6: Die Kindheitswunden adressieren
Du wirst Verlustangst nicht überwinden, ohne die ursprüngliche Wunde anzuschauen. Das heißt nicht „Eltern beschuldigen” — sondern verstehen, was damals passiert ist, und was das kleine Kind in dir damals gebraucht hätte.
Eine Übung, die sehr wirkungsvoll ist: Schreib einen Brief an dich selbst als Kind, in dem Alter, in dem du dich besonders verlassen gefühlt hast. Sag dem Kind das, was es damals hätte hören müssen. „Du bist nicht zu viel. Du bist nicht zu laut. Es ist okay, dass du Mama vermisst. Du bist sicher.” Lies den Brief laut vor. Tu es einmal pro Woche, vier Wochen lang. Klingt seltsam — funktioniert.
Schritt 7: Geduld und Selbstmitgefühl als Grundhaltung
Verlustangst ist keine Lampe, die du an und aus schaltest. Sie ist ein Garten, den du jahrelang gepflegt hast — und den du jetzt umpflanzt. Das geht nicht in einer Saison.
Du wirst rückfällig. Du wirst Tage haben, an denen alles wieder da ist. Das ist keine Niederlage — das ist Heilung im realistischen Tempo. Frage dich an schlechten Tagen nicht „Was ist falsch mit mir?”, sondern „Was würde mein bester Freund jetzt sagen?”. Diese eine Frage kann viel verändern.
Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist
Ich bin selbst Therapeutin und ich sage trotzdem: Du brauchst nicht für alles Therapie. Aber für manches schon.
Hol dir professionelle Unterstützung, wenn:
- Die Verlustangst deinen Alltag stark einschränkt (Schlaf, Arbeit, Konzentration).
- Du Panikattacken hast oder Symptome einer Angststörung erkennst.
- Mehr als drei Beziehungen am gleichen Muster gescheitert sind.
- Du Selbstverletzung, suizidale Gedanken oder schwere Depression erlebst (dann sofort — siehe Telefonseelsorge 0800 111 0 111).
- Du nach sechs Monaten Selbstarbeit keine Veränderung spürst.
Therapieverfahren, die bei Verlustangst besonders gut belegt sind:
Schematherapie (Jeffrey Young) arbeitet direkt mit den frühen Mustern („Schemata”) und kombiniert kognitive Arbeit mit emotionsfokussierten Techniken. Wirksamkeit gut belegt, besonders bei Persönlichkeitsmustern.
EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist hilfreich, wenn konkrete traumatische Verlustereignisse (Trennung der Eltern, Tod, frühe Verlassens-Erfahrungen) eine Rolle spielen.
EFT — Emotionsfokussierte Therapie (Sue Johnson) ist besonders stark bei Paartherapie, wenn beide bereit sind. Sie arbeitet direkt am Bindungssystem.
Bindungsorientierte Psychotherapie generell — frag bei der Erstanamnese explizit nach: „Arbeiten Sie bindungstheoretisch?”
In Deutschland zahlt die gesetzliche Krankenkasse Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Therapie, analytische Psychotherapie und systemische Therapie. Wartezeiten sind oft lang (3–9 Monate) — leg los, sobald du den Entschluss hast. Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen (Tel. 116117) sind verpflichtet, dir innerhalb von Wochen einen Termin zu vermitteln.
Als Partner mit Verlustangst umgehen
Vielleicht liest du diesen Artikel nicht für dich, sondern weil dein Partner Verlustangst hat. Das ist anstrengend — anerkannt. Es ist nicht deine Aufgabe, ihn zu „heilen”. Aber du kannst eine Umgebung schaffen, in der Heilung möglich ist.
Was hilft:
- Berechenbarkeit: Sag verlässlich, wann du erreichbar bist, wann nicht. Halte dich daran.
- Kleine Sicherheits-Signale: „Ich denk an dich” am Morgen, „Bin gleich daheim” am Abend. Kostet dich Sekunden, gibt dem ängstlichen Nervensystem viel.
- Nicht co-regulieren bis zur Selbstaufgabe: Du darfst und sollst Grenzen haben. „Ich kann dich nicht jede Stunde beruhigen, aber ich liebe dich, und wir können heute Abend in Ruhe reden” ist gesund.
- Nicht Therapeut spielen: Empathie ja, Therapie nein. Du bist Partner, nicht Behandler.
- Eigene Bedürfnisse äußern: Verlustangst des Partners kann erdrückend werden. Sprich es an, bevor du explodierst.
Was nicht hilft: Beschwichtigen ohne Substanz („Du bildest dir das nur ein”), strafen mit Rückzug („Dann red ich halt nicht mehr mit dir”), oder als Therapie-Ersatz herhalten (“Ich kümmere mich schon”).
Wenn die Dynamik in einer klassischen Anxious-Avoidant-Falle steckt, ist unser Guide zur Anxious-Avoidant-Bindungsdynamik der nächste sinnvolle Schritt. Wenn du selbst eher der vermeidende Part bist und besser verstehen willst, wie dein Verhalten in deinem Partner wirkt, ist der Avoidant-Attachment-Guide zentral.
Fazit: Du bist nicht zu viel
Wenn du diesen Artikel bis hierhin gelesen hast, ist eines klar: Du nimmst dich ernst. Du suchst Antworten. Du willst etwas verändern. Das allein ist schon mehr, als viele Menschen je tun.
Verlustangst überwinden heißt nicht, nie wieder Angst zu haben. Es heißt, eine Beziehung zur eigenen Angst zu entwickeln, in der sie nicht mehr bestimmt, was du tust. Es heißt, der eigenen Vergangenheit Würde zu geben, ohne dass sie dein Heute lähmt. Es heißt, lieben zu lernen aus Fülle, nicht aus Mangel.
Drei Sätze, die ich dir zum Mitnehmen geben möchte:
- Du bist nicht zu viel. Du hast als Kind gelernt, viel zu sein, weil weniger nicht gereicht hätte. Heute darfst du sein, wer du bist — ohne Strategie.
- Heilung passiert in Beziehung, nicht im Alleinsein. Du brauchst Menschen — Partner, Freunde, vielleicht Therapeut*innen —, an denen dein Nervensystem neue Erfahrungen machen kann. Allein wird es nicht gehen.
- Geduld ist die wichtigste Tugend. Wer Verlustangst überwindet, tut es in Wellen — vor, zurück, vor. Wer das akzeptiert, kommt an. Wer es als Niederlage sieht, gibt auf.
Wenn du gerade in einer akuten Phase bist und dich überfordert fühlst: Mach den Bindungsstil-Test, lies dich ein in den Bindungsangst-Hub, oder hol dir das Herzblatt-Ebook, in dem ich diese Methodik über 15 Kapitel ausführlich begleite. Aber vor allem: Sei freundlich mit dir. Du bist auf dem Weg. Der Weg ist nicht gerade. Und du kommst an.
Mit ganzem Herzen, Sarah




