Vor sechs Jahren hätten die wenigsten Deutschen mit dem Begriff „Love Bombing” etwas anfangen können. Heute wird er rund 13.300-mal pro Monat gegoogelt. Er ist damit Teil einer stillen Revolution im deutschen Beziehungswortschatz: Begriffe, die einst nur in Fachbüchern der Psychologie standen, sind zum Alltagsvokabular von Hunderttausenden geworden.
Wir haben sechs Jahre Suchdaten ausgewertet – 80 Monate, von Januar 2020 bis August 2026 – und die Entwicklung der wichtigsten „Beziehungs-Diagnosen” nachgezeichnet. Das Ergebnis erzählt mehr über Deutschland als jede Umfrage: Wir sind zu einem Land von Hobby-Psychologen geworden, das gelernt hat, ungesunde Beziehungsmuster beim Namen zu nennen.
Suchdaten haben dabei einen Vorteil, den keine Befragung besitzt: Niemand schaut zu. Wer nachts „Was ist Love Bombing?” eingibt, gibt keine sozial erwünschte Antwort, sondern folgt einem echten, oft schmerzhaften Impuls. Genau deshalb sind diese Kurven ein so ehrlicher Spiegel dessen, was Menschen in ihren Beziehungen tatsächlich beschäftigt – und ihre Veränderung über die Jahre zeigt, wie sich unser Blick auf Nähe und Manipulation verschoben hat.
Auf einen Blick: Die wichtigsten Ergebnisse
- „Love Bombing” ist der große Aufsteiger: +559 % seit 2020 (Faktor 6,6) – von rund 2.000 auf 13.300 Suchen pro Monat.
- „Trauma Bonding” folgt mit +331 %, „Gaslighting” mit +187 % (fast eine Verdreifachung).
- „Narzisst” bleibt der Riese, aber wächst kaum: rund 70.000 Suchen pro Monat, so viel wie schon 2020.
- „Toxische Beziehung” schrumpft wieder: vom Höhepunkt 2021 (~50.000) auf ~23.000 mehr als halbiert.
- Muster: Die konkreten Mechanismen boomen, der vage Oberbegriff verliert. Deutschland googelt präziser.
Datenbasis: Ahrefs Keywords Explorer, Deutschland, Januar 2020 bis August 2026.
Der Aufstieg in einer Grafik
Indexiert man alle Begriffe auf ihren Wert von 2020 (= 100), wird die Spreizung sichtbar: Fünf Begriffe aus demselben Themenfeld, fünf völlig unterschiedliche Verläufe.

Während „Love Bombing” steil nach oben klettert und „Trauma Bonding” folgt, läuft „Narzisst” fast waagerecht – und „toxische Beziehung” beschreibt sogar einen Bogen nach unten. Es ist die Geschichte einer Sprache, die sich ausdifferenziert: weg vom groben Etikett, hin zur präzisen Beschreibung einzelner Verhaltensmuster.
Die fünf Begriffe im Einzelnen
Sortiert man die Begriffe nach ihrem Wachstum, entsteht eine klare Rangliste – von der Versechsfachung bis zum Rückgang.

„Love Bombing” – der Aufsteiger (+559 %)
Kein Begriff ist so schnell gewachsen. Love Bombing beschreibt die Masche, einen Menschen zu Beginn mit übertriebener Zuneigung zu überschütten, um ihn emotional abhängig zu machen. 2020 war das ein Nischenwort mit rund 2.000 monatlichen Suchen. Bis 2026 hat es sich auf 13.300 mehr als versechsfacht – und die Kurve steigt bis heute weiter. Dass ausgerechnet dieser sehr spezifische Manipulations-Begriff so durchstartet, zeigt: Die Deutschen wollen nicht nur wissen, dass etwas nicht stimmt, sondern welche konkrete Taktik dahintersteckt.
„Trauma Bonding” – der Spezialbegriff (+331 %)
Noch fachlicher, noch jünger im Alltagsgebrauch: Trauma Bonding meint die paradoxe emotionale Bindung an einen Menschen, der einem schadet. Von rund 665 Suchen im Jahr 2020 ging es auf etwa 2.900 im Jahr 2026 – ein Plus von 331 %. Absolut bleibt es der kleinste der fünf Begriffe, aber die Wachstumsdynamik ist enorm. Es ist das Vokabular derjenigen, die schon einen Schritt tiefer in der Materie stecken.
„Gaslighting” – vom Fachwort zum Alltagsbegriff (+187 %)
Gaslighting – das systematische Säen von Selbstzweifeln, bis das Opfer der eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut – ist der Begriff, der den Sprung ins Massenbewusstsein am eindrücklichsten geschafft hat. Von rund 18.400 monatlichen Suchen 2020 auf 52.600 im Jahr 2026, mit dem größten Sprung zwischen 2021 und 2022. Seitdem hat sich das Volumen auf hohem Niveau stabilisiert – ein Zeichen dafür, dass der Begriff kein Hype mehr ist, sondern fester Teil des Wortschatzes.
„Narzisst” – der Dauerbrenner (+2 %)
Der große Ausreißer nach oben in der absoluten Größe – und der große Stillstand im Wachstum. Mit rund 70.000 monatlichen Suchen ist „Narzisst” der mit Abstand meistgesuchte Begriff des Feldes. Aber er war es schon 2020. Anders als die jüngeren Fachbegriffe war „Narzisst” bereits vor Jahren im Alltag angekommen; sein Volumen pendelt seit sechs Jahren stabil zwischen 70.000 und 90.000. Er ist der Klassiker, an dem sich die neuen Begriffe messen.
„Toxische Beziehung” – der Begriff, der wieder leiser wird (−24 %)
Die vielleicht überraschendste Kurve. Der Oberbegriff „toxische Beziehung” explodierte während der Pandemie – im Dezember 2020 schoss er auf einen Ausnahmewert – und erreichte 2021 mit rund 50.000 monatlichen Suchen seinen Höhepunkt. Seitdem geht es bergab: 2026 sind es nur noch etwa 23.000, mehr als eine Halbierung gegenüber dem Peak. Die Erklärung liegt vermutlich in genau dem Muster, das diese Studie zeigt: Wer früher unspezifisch nach „toxischer Beziehung” suchte, googelt heute den konkreten Mechanismus.
Der Wendepunkt: die Pandemie-Jahre
Fast alle Kurven teilen einen gemeinsamen Knick – und er liegt zwischen 2020 und 2022. „Toxische Beziehung” schoss ausgerechnet im Dezember 2020 auf einen einmaligen Ausnahmewert, „Gaslighting” machte seinen größten Sprung zwischen 2021 und 2022, und „Love Bombing” begann in derselben Phase, sich zu vervielfachen.
Das legt einen Zusammenhang nahe, der sich aus den reinen Zahlen zwar nicht beweisen, aber schwer übersehen lässt: Die Lockdowns haben Paare über Wochen auf engstem Raum zusammengezwungen, mit weniger Ausweichmöglichkeiten und deutlich mehr Zeit im Internet. Was in einer Beziehung schwelte, wurde unter diesem Druck sichtbarer – und die Suche nach einem Namen dafür drängender. Gleichzeitig trugen soziale Medien die entsprechenden Fachbegriffe in kurzer Zeit an ein Millionenpublikum. Die Pandemie war damit weniger die Ursache der Muster als ein Brennglas, das sie ins kollektive Bewusstsein hob – und die Begriffe blieben, auch als der Ausnahmezustand vorbei war.
Wie groß die Begriffe heute sind
Wachstum ist nicht dasselbe wie Größe. Trotz seiner Stagnation bleibt „Narzisst” der Gigant des Feldes – die jungen Aufsteiger holen erst langsam auf.

„Narzisst” und „Gaslighting” machen zusammen den Löwenanteil der Suchen aus. Die spezifischeren Begriffe „Love Bombing” und „Trauma Bonding” sind in absoluten Zahlen noch klein – aber ihre Wachstumskurven deuten an, wohin die Reise geht.
Was der Aufstieg über uns verrät
Drei Schlüsse lassen sich aus sechs Jahren Daten ziehen.
Erstens: Psychologisches Vokabular ist demokratisiert. Begriffe, die vor zehn Jahren Therapeutinnen und Fachbüchern vorbehalten waren, sind heute Allgemeingut. Das ist Ausdruck einer wachsenden emotionalen Bildung – Menschen wollen ihre Beziehungen nicht nur erleben, sondern verstehen.
Zweitens: Die Sprache wird präziser. Der auffälligste Trend ist nicht, dass mehr gesucht wird, sondern genauer. Der vage Oberbegriff „toxisch” verliert, die konkreten Mechanismen gewinnen. Deutschland hat aufgehört zu fragen „Ist da etwas faul?” und fragt stattdessen „Ist das Love Bombing?”.
Drittens: Hinter jeder Kurve stehen echte Menschen. Ein Suchbegriff wächst nicht aus akademischer Neugier. Wer „Love Bombing” googelt, hat meist eine konkrete Situation vor Augen. Der Aufstieg dieser Begriffe ist auch der Aufstieg von Millionen kleiner Momente, in denen jemand ein Wort für das gesucht hat, was er längst gespürt hat.
Welche dieser Muster im Jahresverlauf besonders gesucht werden – und in welchem Monat die Not am größten ist – zeigt unsere Studie Das Beziehungsjahr der Deutschen.
Kein rein deutsches Phänomen
Der Blick über die Grenze zeigt: Deutschland ist Teil einer weltweiten Bewegung. Global – über alle von Ahrefs erfassten Länder hinweg – wird „Gaslighting” rund 894.000-mal pro Monat gesucht, „Love Bombing” etwa 415.000-mal und „Trauma Bonding” rund 94.000-mal. Der deutsche Anteil daran ist beträchtlich, aber die Begriffe selbst sind ein internationales Phänomen.
Das ist auch eine Erklärung für die Dynamik: Anders als klassische deutsche Beziehungsratgeber-Begriffe reisen diese englischen Fachwörter über Ländergrenzen und Plattformen hinweg. Ein TikTok-Video, das „Love Bombing” erklärt, wirkt in Hamburg genauso wie in London – und treibt die Suchkurve überall gleichzeitig nach oben. Wer die Begriffe googelt, folgt damit nicht nur einem persönlichen Verdacht, sondern einem globalen Gespräch über gesunde und ungesunde Nähe.
Von der Diagnose zur Veränderung
Der Anstieg dieser Suchbegriffe hat eine hoffnungsvolle Kehrseite. Denn eine Sache zu benennen, ist der erste Schritt, sie zu verändern. Wer den Verdacht in Worte fasst, hört auf, das eigene Bauchgefühl kleinzureden – und beginnt, es ernst zu nehmen.
Genau deshalb ist die Zahl hinter jeder Kurve mehr als Statistik. Die 13.300 monatlichen Suchen nach „Love Bombing” sind 13.300 Menschen, die spüren, dass die überschwängliche Zuneigung ihres Gegenübers vielleicht zu schön ist, um echt zu sein. Für sie – und für alle, die ein Muster wiedererkennen – haben wir die wichtigsten dieser Begriffe ausführlich aufgeschlüsselt: von den 25+ Warnsignalen einer toxischen Beziehung über die Phasen des Love Bombing bis zur Abgrenzung von echtem Narzissmus. Der Trend in den Daten ist am Ende ein guter: Ein Land, das genauer hinschaut, schützt sich besser.
Methodik & Zitierhinweis
Datenquelle: Ahrefs Keywords Explorer (Google-Suchvolumen). Region: Deutschland. Zeitraum: 80 Monate, Januar 2020 bis August 2026. Erhebung: Für fünf zentrale Begriffe rund um ungesunde Beziehungsmuster wurde das monatliche Suchvolumen erfasst und je Kalenderjahr zum Durchschnitt zusammengefasst (2026: Januar bis August). Offensichtliche Daten-Ausreißer (einzelne Monatswerte weit außerhalb des Jahrestrends) wurden herausgefiltert. Wachstumsfaktoren beziehen sich auf den Jahresdurchschnitt 2020 gegenüber 2026. Hinweis: Alle Zahlen sind gerundete Schätzwerte des Suchvolumens und keine amtliche Statistik.
Du darfst diese Daten verwenden. Diese Auswertung ist ein offenes Daten-Asset. Journalistinnen, Blogger und Forschende dürfen die Zahlen und Grafiken mit Quellenangabe frei zitieren. Empfohlene Angabe: Quelle: Herzblatt Journal – „Der Aufstieg der toxischen Beziehung” (Datenbasis: Ahrefs, Deutschland, 2020–2026). Über eine Verlinkung auf diese Seite freuen wir uns.
Diese Studie ist Teil der Herzblatt-Datenreihe zum Beziehungsverhalten der Deutschen. Ebenfalls erschienen: Das Beziehungsjahr der Deutschen und Was Deutschland über die Liebe googelt.
Alle Kennzahlen unserer Studien gebündelt: Dating & Beziehungen in Zahlen – die Statistik-Sammlung — über 60 frei zitierbare Zahlen zum deutschen Liebesleben.




