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Person sitzt spätabends allein am beleuchteten Schreibtisch vor dem Laptop

Workaholic: Arbeitssucht erkennen und was wirklich hilft

Workaholic oder einfach engagiert? Woran du Arbeitssucht erkennst, was dahintersteckt, was sie von Burnout unterscheidet und welche Schritte realistisch helfen.

Sarah Kellner
Sarah Kellner
· 16 Min. Lesezeit

Du machst noch schnell die eine Mail fertig. Dann die nächste. Dein Essen wird kalt, das Wochenende zerläuft in Aufgaben, und wenn du wirklich mal nichts tust, wirst du unruhig statt entspannt. Irgendwann taucht die Frage auf: Bin ich eigentlich ein Workaholic – oder arbeite ich einfach gern viel?

Das ist keine rhetorische Frage. Zwischen beidem liegt ein Unterschied, den die Forschung ziemlich klar beschreibt, den im Alltag aber kaum jemand macht. Und je nachdem, auf welcher Seite du stehst, sind die Konsequenzen für deine Gesundheit und deine Beziehungen sehr verschieden.

Dieser Text soll dir helfen, ehrlich hinzuschauen: was Arbeitssucht ist, was sie nicht ist, woher sie kommt und was tatsächlich etwas verändert.

Was ein Workaholic ist – und was nicht

Ein Workaholic ist nicht einfach jemand, der viele Stunden arbeitet. Die Stundenzahl ist das, was man von außen sieht, aber sie ist der unzuverlässigste Teil der Diagnose.

Menschen arbeiten aus sehr unterschiedlichen Gründen viel. Manche, weil ein Projekt gerade brennt. Manche, weil das Geld sonst nicht reicht. Manche, weil sie ihre Arbeit lieben und darin aufgehen. Und manche, weil sie es nicht lassen können – auch dann nicht, wenn niemand etwas von ihnen verlangt, wenn niemand zusieht, wenn es objektiv keinen Anlass gibt.

Der letzte Fall ist der, um den es hier geht. Arbeitssucht meint ein Muster aus zwei Teilen: exzessiv arbeiten – also deutlich mehr, als die Situation verlangt – und zwanghaft arbeiten – also unter einem inneren Druck, der auch dann weiterläuft, wenn der Laptop zu ist.

Wer nur das erste hat, ist vielleicht überlastet oder schlecht organisiert. Wer beides hat, hat ein anderes Problem.

Woher der Begriff kommt: Wayne Oates, 1968

Der Begriff ist jünger, als viele denken. Geprägt hat ihn der US-amerikanische Seelsorger und Religionspsychologe Wayne E. Oates – und zwar über sich selbst.

1968 veröffentlichte er in der Fachzeitschrift Pastoral Psychology einen kurzen Text mit dem Titel „On being a ‘Workaholic’”. Darin beschrieb er das eigene Arbeitsverhalten und das seiner Kollegen als eine Art Abhängigkeit und bildete das Wort in Anlehnung an „alcoholic”. Es war ausdrücklich eine halb ironische Selbstbeobachtung, keine klinische Kategorie.

Populär wurde der Begriff dann mit seinem Buch „Confessions of a Workaholic: The Facts About Work Addiction” (1971). Oates’ Definition lief darauf hinaus, dass es sich um ein chronisches Zuviel an Arbeit handelt, das die eigene Gesundheit und das eigene Glück beeinträchtigt und tragfähige Beziehungen behindert.

Bemerkenswert ist, was in dieser frühen Definition schon steckt: Nicht die Menge zählt, sondern der Schaden. Und Beziehungen stehen von Anfang an im Zentrum – nicht die Produktivität.

Der entscheidende Unterschied: Engagement oder Sucht?

Hier liegt der Kern, und hier merken viele Leserinnen und Leser zum ersten Mal, wo sie eigentlich stehen.

Die Arbeits- und Organisationspsychologie unterscheidet seit Jahren zwischen Arbeitsengagement (work engagement) und Arbeitssucht (workaholism). Beides sind Formen von starkem Arbeitseinsatz – aber sie funktionieren völlig anders.

Arbeitsengagement heißt: Du arbeitest viel, weil du es willst. Die Arbeit gibt dir Energie, du gehst in ihr auf, du findest sie sinnvoll. Und – das ist der Prüfstein – du kannst abschalten. Ein freier Abend fühlt sich gut an, nicht bedrohlich.

Arbeitssucht heißt: Du arbeitest viel, weil du musst. Nicht weil dein Chef es verlangt, sondern weil eine innere Stimme nicht aufhört. Und wenn du nicht arbeitest, geht es dir schlechter: unruhig, schuldig, gereizt, leer.

Diese Trennung ist keine Wortklauberei. In Längsschnittstudien der Gruppe um Wilmar Schaufeli sagten die beiden Muster gegensätzliche Entwicklungen vorher: Arbeitsengagement hing mit späterem Wohlbefinden, höherer Lebenszufriedenheit und besserer Leistung zusammen, Arbeitssucht dagegen mit mehr körperlichen Beschwerden und sinkender Lebenszufriedenheit. Bemerkenswert ist, was sich dabei gerade nicht zeigte: Eine schlechtere Arbeitsleistung war bei den Arbeitssüchtigen statistisch nicht nachweisbar. Sie zahlen also mit ihrer Gesundheit, nicht mit ihrem Output – was erklärt, warum das Muster so lange unentdeckt bleibt. Beide Gruppen arbeiten viel. Nur eine bezahlt dafür. Beide Gruppen arbeiten viel. Nur eine bezahlt dafür.

Der einfachste Test für dich: Wie fühlt sich ein Tag ohne Arbeit an? Wenn die Antwort „erholsam” lautet, bist du wahrscheinlich engagiert. Wenn sie „nervös, schuldig, sinnlos” lautet, lohnt sich ein genauerer Blick.

Selbstcheck: Anzeichen, die du ernst nehmen solltest

Das hier ist kein Test und keine Diagnose. Es ist eine ehrliche Liste. Lies sie langsam und sei nicht netter zu dir, als nötig.

  1. Du arbeitest auch dann, wenn es niemand erwartet. Abends, im Urlaub, krank, an Feiertagen – nicht weil eine Deadline drückt, sondern weil es sich falsch anfühlt, es nicht zu tun.
  2. Freizeit macht dir Schuldgefühle. Ein freier Nachmittag fühlt sich nach Faulheit an, nicht nach Erholung.
  3. Du kannst nicht abschalten. Auch im Kino, beim Essen, im Bett läuft im Hintergrund die Arbeit weiter – die Gedanken kreisen um Aufgaben, die gerade niemand von dir verlangt.
  4. Dein Selbstwert hängt fast vollständig an Leistung. Ein guter Tag ist ein produktiver Tag. Ein Tag ohne Ergebnis fühlt sich an wie ein Tag ohne Wert.
  5. Du hast dich aus Beziehungen zurückgezogen. Freundschaften sind eingeschlafen, Verabredungen werden verschoben, dein Partner erwähnt es inzwischen nicht mehr.
  6. Du steigerst dich. Was früher gereicht hat, reicht nicht mehr. Die Messlatte wandert nach oben, ohne dass jemand sie verschiebt.
  7. Du versuchst zu reduzieren – und schaffst es nicht. Du nimmst dir vor, um 18 Uhr Schluss zu machen, und tust es zwei Tage lang.
  8. Dein Körper meldet sich. Schlafprobleme, Verspannungen, Magen-Darm-Beschwerden, häufige Infekte, ständige Erschöpfung.
  9. Andere sprechen dich darauf an – und du verteidigst dich. Das ist oft das verlässlichste Signal von allen.

Wenn du bei mehreren Punkten nickst, heißt das nicht, dass du krank bist. Es heißt, dass etwas Aufmerksamkeit braucht.

Wie Forschung Arbeitssucht misst – und wo die Grenzen liegen

Weil es keine offizielle Diagnose gibt (dazu gleich mehr), arbeitet die Forschung mit Fragebögen. Zwei sind verbreitet.

Die Dutch Work Addiction Scale (DUWAS) bildet genau die zwei Dimensionen ab, die oben beschrieben sind: exzessives und zwanghaftes Arbeiten.

Die Bergen Work Addiction Scale (BWAS) von Cecilie Schou Andreassen und Kolleginnen und Kollegen, 2012 im Scandinavian Journal of Psychology veröffentlicht, geht anders vor: Sie überträgt sieben klassische Suchtkomponenten auf Arbeit – gedankliche Vereinnahmung, Stimmungsregulation, Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen, Konflikte, Rückfall und Folgeprobleme. Entwickelt wurde sie an über 12.000 norwegischen Beschäftigten.

Wichtig ist die Einordnung: Solche Skalen sind Forschungsinstrumente, keine Diagnosewerkzeuge. Ein hoher Wert bedeutet „erhöhtes Risiko”, nicht „Sie haben Arbeitssucht”. Und ob Arbeitssucht überhaupt sinnvoll als Sucht im engeren Sinn beschrieben wird, ist in der Fachwelt umstritten – manche Forschende halten das Suchtmodell für treffend, andere sehen eher ein Zusammenspiel aus Perfektionismus, Zwanghaftigkeit und Arbeitsbedingungen. Diesen Streit gibt es wirklich, und er ist nicht entschieden.

Wie verbreitet das Muster ist, zeigt eine deutsche Auswertung: Beatrice van Berk, Christian Ebner und Daniela Rohrbach-Schmidt werteten Daten von rund 8.000 Erwerbstätigen aus (Erhebung 2017/2018) und kamen auf 9,8 Prozent, die suchthaft arbeiten; weitere rund 33 Prozent arbeiteten exzessiv, aber nicht zwanghaft. Unter Führungskräften lag der Anteil deutlich höher: 12,4 Prozent gegenüber 8,7 Prozent bei anderen Beschäftigten, in oberen Führungsebenen sogar 16,6 Prozent. Auch Selbstständige waren mit 13,9 Prozent überdurchschnittlich betroffen. Die Zusammenfassung der Hans-Böckler-Stiftung hält außerdem fest, dass 54,9 Prozent „gelassen” arbeiten und suchthaftes Arbeiten in kleinen Betrieben und in Betrieben ohne Betriebsrat häufiger vorkommt. In einer Folgestudie desselben Teams zu suchthaftem Arbeiten und Gesundheit (2023) zeigte sich zudem, dass suchthaft Arbeitende in erhöhtem Maß psychosomatische und körperliche Beschwerden aufweisen – und trotzdem seltener ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen.

Das sind Querschnittsdaten. Sie zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Ob die Arbeit krank macht oder belastete Menschen sich stärker in Arbeit flüchten, lässt sich daraus nicht ablesen – vermutlich stimmt beides ein Stück weit.

Was dahintersteckt: die inneren Ursachen

Arbeitssucht entsteht selten aus Liebe zur Arbeit. Meistens erfüllt sie eine Funktion.

Selbstwert über Leistung. Wer früh gelernt hat, dass Anerkennung an Ergebnisse gekoppelt ist, baut sein Selbstbild auf Output. Dann ist Arbeit keine Tätigkeit mehr, sondern eine Existenzberechtigung – und Pausen fühlen sich wie ein Angriff darauf an. Wenn dir das bekannt vorkommt, ist der Weg zu einem stabileren Selbstwertgefühl der eigentliche Hebel, nicht die Arbeitszeit.

Perfektionismus. Eine Meta-Analyse von Malissa Clark und Kolleginnen und Kollegen (2016) fand: Arbeitssucht hängt vor allem mit leistungsorientierten Persönlichkeitsmerkmalen zusammen, insbesondere Perfektionismus – während viele naheliegende Faktoren wie Geschlecht, Familienstand oder Elternschaft kaum eine Rolle spielten. Wer nie „gut genug” abliefern kann, hört nie auf. Der Text über Perfektionismus überwinden geht auf dieses Muster genauer ein.

Flucht vor Gefühlen. Arbeit ist ein hervorragendes Betäubungsmittel: strukturiert, belohnend, gesellschaftlich applaudiert. Trauer, Einsamkeit, Wut oder Angst lassen sich damit zuverlässig übertönen. Genau deshalb ist Gefühle zulassen lernen für viele Betroffene der unangenehmste, aber wirksamste Teil.

Flucht vor Konflikten zu Hause. Manchmal ist das Büro schlicht der Ort mit weniger Reibung. Wer abends Streit, Sprachlosigkeit oder Enge erwartet, verlängert den Arbeitstag – und begründet es mit dem Projekt. Das ist selten eine bewusste Entscheidung, aber es hält den Konflikt zuverlässig eingefroren.

Prägung durch das Elternhaus. Wenn ein Elternteil ständig gearbeitet hat, wenn Ruhe als Faulheit galt oder wenn Zuwendung an Zeugnisse gekoppelt war, wird ein Maßstab weitergegeben, den niemand ausdrücklich formuliert hat.

Diese Ursachen schließen sich nicht aus. Meistens greifen zwei oder drei ineinander.

Der übersehene Faktor: Unternehmenskultur und Druck von außen

Und jetzt der Teil, den Ratgeber gern weglassen, weil er sich nicht durch Selbstoptimierung lösen lässt: Nicht alles ist Psyche. Manchmal ist es die Stelle.

Es gibt Organisationen, in denen späte Mails Statussymbole sind. In denen Beförderungen an sichtbare Verfügbarkeit gekoppelt sind. In denen ständig verglichen wird, wer wie lange bleibt. Die Forschung spricht hier von einem Überstundenklima (overwork climate). Untersuchungen dazu – etwa von Mazzetti, Schaufeli und Guglielmi – legen nahe, dass Arbeitssucht besonders dann zunimmt, wenn persönliche Neigung und ein solches Klima zusammentreffen. Weder die Person allein noch die Firma allein erklärt das Muster.

Dazu kommen Umstände, die niemand freiwillig wählt: Personalmangel, unrealistische Zielvorgaben, Soloselbstständigkeit ohne Puffer, zwei Jobs, weil einer nicht reicht. Wer 60 Stunden arbeitet, weil er sonst die Miete nicht zahlt, ist nicht arbeitssüchtig. Er ist unter Druck. Diese beiden Dinge zu verwechseln, ist unfair – und führt zu Ratschlägen, die an der Realität vorbeigehen.

Der ehrliche Satz lautet deshalb: Prüfe erst, wie viel von deinem Zuviel von außen kommt. Was von außen kommt, ändert sich nicht durch Achtsamkeit, sondern durch Verhandlungen, Grenzen oder im Zweifel einen Wechsel.

Die Folgen: Körper, Schlaf, Beziehung

Was der Körper mitbekommt

Dauerhaft zu lange Arbeitszeiten sind kein neutraler Lebensstil. Eine gemeinsame Auswertung von WHO und Internationaler Arbeitsorganisation, 2021 in Environment International veröffentlicht, verband Arbeitswochen ab 55 Stunden im Vergleich zu 35 bis 40 Stunden mit einem deutlich erhöhten Risiko für Schlaganfall und für Sterblichkeit durch ischämische Herzkrankheit.

Zwei Einschränkungen sind wichtig: Das ist eine Aussage über Arbeitszeit, nicht über Arbeitssucht – und es handelt sich um Risikoschätzungen aus zusammengefassten Beobachtungsstudien, nicht um einen bewiesenen Wirkmechanismus für den Einzelfall. Trotzdem: Die Überschneidung zwischen beiden Gruppen ist groß genug, dass man es wissen sollte.

Häufig berichtet werden außerdem Verspannungen, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Infektanfälligkeit und eine emotionale Erschöpfung, die auch nach dem Urlaub nicht verschwindet.

Was der Schlaf mitbekommt

Der Schlaf ist meistens das erste, was kippt – und der beste Frühwarnindikator. Typisch ist nicht nur weniger Schlaf, sondern schlechterer: spätes Einschlafen, nächtliches Aufwachen mit Gedanken an Aufgaben, morgendliches Grübeln vor dem Wecker. Wenn das über Wochen anhält, lohnt sich ein Blick auf mögliche Ursachen von Schlafstörungen.

Was die Beziehung mitbekommt

Hier passiert der Schaden am leisesten. Nicht durch Streit, sondern durch Abwesenheit. Der Partner hört auf zu fragen. Gespräche werden logistisch. Nähe wird auf „irgendwann, wenn es ruhiger wird” verschoben – und es wird nie ruhiger.

Besonders tückisch: Arbeitssucht wird von außen oft belohnt. Kollegen loben, Vorgesetzte auch. Nur zu Hause zahlt jemand die Rechnung, und zwar ohne Applaus.

Arbeitssucht oder Burnout? Warum die Trennung wichtig ist

Die beiden Begriffe werden ständig vermischt, meinen aber nicht dasselbe.

Arbeitssucht ist ein Verhaltensmuster: zu viel arbeiten unter innerem Zwang. Man kann arbeitssüchtig und dabei energiegeladen sein.

Burnout ist ein Zustand: Erschöpfung, innere Distanz zur Arbeit bis hin zu Zynismus, das Gefühl verringerter Leistungsfähigkeit. Die WHO führt Burn-out im ICD-11 unter dem Code QD85 – aber ausdrücklich nicht als Krankheit, sondern als Phänomen im Zusammenhang mit dem Beruf, in einem Kapitel für Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen.

Der Zusammenhang: Arbeitssucht kann in Burnout münden, und in Studien treten beide häufig gemeinsam auf. Aber es gibt Menschen, die ausbrennen, ohne je zwanghaft gearbeitet zu haben – etwa bei chronischer Überlastung, Pflegeverantwortung oder einem Job ohne jede Gestaltungsfreiheit.

Wichtig ist noch eine dritte Möglichkeit: Hinter „ausgebrannt” kann auch eine Depression oder Angststörung stecken. Gesundheitsinformation.de vom IQWiG weist ausdrücklich darauf hin, dass sich die Beschwerden ähneln, die Behandlung aber eine ganz andere ist – Erholung hilft bei Erschöpfung, nicht bei einer Depression. Auch das Bundesgesundheitsministerium hält auf gesund.bund.de fest, dass es für Burn-out keine präzise wissenschaftliche Definition gibt und sich dahinter andere Ursachen verbergen können. Gerade eine hochfunktionale Depression wird leicht übersehen, weil die Betroffenen weiter funktionieren.

Ist Arbeitssucht eine anerkannte Diagnose?

Die ehrliche Antwort: Nein.

Arbeitssucht steht weder in der ICD-11 der WHO noch im DSM-5 der amerikanischen Psychiatrie als eigenständige Diagnose. Das ist kein Zufall und keine Nachlässigkeit, sondern Ausdruck eines fachlichen Streits darüber, ob es sich um eine eigene Störung handelt oder um ein Muster, das besser über andere Diagnosen abgebildet wird.

Zum Vergleich: Bei den Verhaltenssüchten hat es die Glücksspielstörung in beide Systeme geschafft, die Computerspielstörung in die ICD-11. Für Arbeitssucht fehlt bislang die Datenbasis, auf die sich die Fachwelt einigen konnte – unter anderem, weil sich Arbeitssucht schwer von normalem Engagement, von Zwanghaftigkeit und von reiner Überlastung abgrenzen lässt.

Was das praktisch bedeutet: Es gibt keine Kassenleistung „Arbeitssuchttherapie”. Behandelt wird das, was diagnostizierbar ist – etwa eine depressive Episode, eine Angststörung, eine Zwangsstörung, eine Anpassungsstörung oder eine somatische Belastungsstörung. Das ist kein Trick, sondern ein üblicher Weg.

Und es bedeutet ausdrücklich nicht, dass dein Leiden nicht real ist. Eine fehlende Kategorie im Handbuch ändert nichts an schlaflosen Nächten, an einer Ehe, die sich leer anfühlt, oder an Schuldgefühlen bei einem freien Sonntag.

Was wirklich hilft

Es gibt keine Abkürzung. Was hier steht, ist die Arbeit von Monaten, nicht eines entschlossenen Wochenendes.

  1. Begrenze die Arbeitszeit hart – und halte die Grenze aus. Nicht „ich versuche, früher Schluss zu machen”, sondern eine feste Uhrzeit, ein festes Ritual, ein zugeklappter Laptop. Der schwierige Teil kommt danach: die Unruhe, die dann hochkommt. Sie geht vorbei, wenn du sie aushältst, statt sie mit Arbeit wegzumachen. Das ist der eigentliche Übungsteil.
  2. Plane Erholung, statt auf sie zu hoffen. Freizeit, die übrig bleibt, bleibt nie übrig. Termine im Kalender funktionieren, gute Vorsätze nicht.
  3. Trenne Orte und Geräte. Arbeits-Mails vom Handy nehmen, wenn es geht. Nicht im Bett arbeiten. Wenn du im Homeoffice bist: ein Platz, der Feierabend haben darf.
  4. Verbreitere deine Identität. Wenn Arbeit die einzige Quelle von Selbstwert ist, kannst du sie nicht reduzieren, ohne dich selbst zu verlieren. Es braucht also etwas anderes, das zählt: Menschen, ein Hobby, ein Ehrenamt, Bewegung – ausdrücklich auch etwas, worin du nicht gut sein musst.
  5. Lerne, Schuldgefühle auszuhalten. In der Freizeit werden Schuldgefühle kommen. Sie sind kein Beweis, dass du etwas falsch machst – sie sind der Entzug eines alten Musters. Wie du damit umgehst, ohne ihnen zu gehorchen, steht im Text über Schuldgefühle loswerden.
  6. Setze Grenzen nach außen. Nein zu Zusatzprojekten, Nein zu Erreichbarkeit am Wochenende, Nein zu Aufgaben, die nicht deine sind. Falls dir das schwerfällt: Grenzen setzen ohne Schuldgefühle ist ein guter Einstieg.
  7. Nimm die äußeren Bedingungen ernst. Führe zwei Wochen lang Buch, was Pflicht war und was du selbst obendrauf gelegt hast. Wenn der Pflichtanteil erdrückend ist, ist das Gespräch mit deiner Führungskraft wichtiger als jede Selbstoptimierung.
  8. Sorge körperlich vor. Schlafzeiten, Bewegung, Essen zu festen Zeiten, Vorsorgetermine. Klingt banal, ist aber genau das, was suchthaft Arbeitende zuerst streichen – und laut der deutschen Auswertung gehen sie ohnehin seltener zum Arzt, als ihre Beschwerden nahelegen würden.

Wann Psychotherapie sinnvoll ist

Hol dir professionelle Unterstützung, wenn du mehrfach ernsthaft versucht hast zu reduzieren und es nicht geschafft hast; wenn Arbeit erkennbar dazu dient, Gefühle oder Konflikte nicht zu spüren; wenn Schlaf, Stimmung oder Körper deutlich leiden; oder wenn deine Beziehung ernsthaft in Gefahr ist.

Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis oder direkt eine psychotherapeutische Sprechstunde. Ergänzend gibt es mit den Anonymen Arbeitssüchtigen (arbeitssucht.de) eine kostenfreie Selbsthilfegemeinschaft nach dem Zwölf-Schritte-Modell, mit Treffen vor Ort und online – für viele ein niedrigschwelliger erster Schritt, gerade weil man dort keine Diagnose braucht.

Wenn es dir psychisch schlecht geht, hol dir Unterstützung. Erste Anlaufstelle ist deine Hausarztpraxis oder eine Psychotherapeutin bzw. ein Psychotherapeut. Einen Termin für die psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt der Terminservice unter 116 117. Wenn du dringend mit jemandem sprechen möchtest: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar – kostenlos, anonym und vertraulich. Dieser Artikel ersetzt keine Diagnose, Therapie oder Beratung.

Wenn dein Partner ein Workaholic ist

Vielleicht liest du das gar nicht für dich. Dann gelten ein paar andere Regeln.

Du kannst niemanden aus einem Muster herausdiskutieren. Was du kannst: klar benennen, was dir fehlt, ohne zu diagnostizieren. „Mir fehlt Zeit mit dir, ich fühle mich allein” kommt weiter als „du bist arbeitssüchtig”.

Halte an deinem eigenen Leben fest, statt zu warten, bis es ruhiger wird. Das ist keine Trotzreaktion, sondern Selbstschutz – und es nimmt eine stille Erpressung aus der Beziehung.

Und triff Verabredungen, die klein genug sind, um zu halten: ein fester Abend pro Woche, ein Wochenendmorgen ohne Geräte. Ausführlicher haben wir das im Text über die Beziehung mit einem Workaholic-Partner beschrieben; wenn die Erschöpfung bereits das Paar erfasst hat, passt eher Beziehung in Zeiten von Burnout.

Der Punkt, auf den es ankommt

Arbeit ist nichts, wovon man sich fernhalten muss. Sie kann sinnstiftend sein, tragend, sogar heilsam. Das Problem beginnt dort, wo sie die einzige Antwort auf alles wird: auf Selbstzweifel, auf Leere, auf Konflikte, auf die Frage, wer du bist, wenn niemand deine Ergebnisse sieht.

Der Weg heraus führt selten über weniger Arbeit allein. Er führt über mehr Leben daneben – und über die Bereitschaft, die Unruhe auszuhalten, die entsteht, wenn du zum ersten Mal seit Langem nichts tust.

Das ist unangenehm. Aber es ist die Stelle, an der sich tatsächlich etwas ändert.

Häufig gestellte Fragen

Bin ich ein Workaholic, wenn ich 50 Stunden pro Woche arbeite?

Nicht automatisch. Die Stundenzahl allein sagt wenig aus. Entscheidend ist, ob du freiwillig viel arbeitest und abschalten kannst – oder ob du unter innerem Zwang arbeitest und dich schlecht fühlst, sobald du es nicht tust. Genau daran unterscheidet die Forschung Arbeitsengagement von Arbeitssucht.

Ist Arbeitssucht offiziell als Krankheit anerkannt?

Nein. Arbeitssucht steht weder im ICD-11 noch im DSM-5 als eigenständige Diagnose – anders als etwa die Glücksspielstörung. Das heißt aber nicht, dass das Leiden unecht ist. Behandelt wird meist das, was mitläuft: Depression, Angst, Zwanghaftigkeit oder eine Erschöpfungsproblematik.

Was ist der Unterschied zwischen Arbeitssucht und Burnout?

Arbeitssucht beschreibt ein Muster: zu viel arbeiten unter innerem Zwang. Burnout beschreibt einen Zustand: ausgelaugt, innerlich distanziert, weniger leistungsfähig. Arbeitssucht kann in Burnout münden, aber man kann arbeitssüchtig sein, ohne ausgebrannt zu sein – und ausbrennen, ohne arbeitssüchtig zu sein.

Kann man Arbeitssucht ohne Therapie loswerden?

Manche Menschen schaffen mit klaren Regeln, mehr Erholung und einem breiteren Leben viel allein. Wenn die Arbeit aber eine Flucht vor Gefühlen ist, wenn Ängste oder eine depressive Verstimmung dahinterstecken oder wenn du Grenzen setzt und sie nie hältst, ist Psychotherapie der wirksamere Weg.

Wie spreche ich meinen Partner darauf an, dass er ein Workaholic ist?

Nicht über die Stundenzahl, sondern über deine Erfahrung: was dir fehlt und wie es dir damit geht. Diagnosen und Vorwürfe erzeugen meist Abwehr. Konkrete, kleine Verabredungen – ein fester Abend, ein Wochenendmorgen – funktionieren besser als der große Grundsatzstreit.

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