Contempt in der Beziehung: Warum Verachtung der #1 Scheidungs-Prädiktor ist (Gottman)
Von allen Dingen, die ich in meiner Coaching-Praxis an Beziehungen sehe, ist Contempt — also Verachtung — das Einzige, das mich wirklich alarmiert. Kritik lässt sich umformen. Mauern lässt sich aufbrechen. Rechtfertigung lässt sich entlernen. Aber Contempt? Contempt ist die Säure, die das Fundament zersetzt, während das Haus noch steht. Und das Verrückte ist: Die meisten Paare, die zu mir kommen, merken nicht einmal, dass sie längst mittendrin sind.
John Gottman, der Beziehungsforscher vom Gottman Institute in Seattle, hat über vier Jahrzehnte Paare in seinem berühmten Love Lab beobachtet. Mit Kameras, Sensoren, Mikrofonen — minutengenau. Er kann heute nach 15 Minuten Gespräch mit einer Trefferquote von bis zu 93 Prozent vorhersagen, ob ein Paar in den nächsten sechs Jahren getrennt sein wird. Der wichtigste Einzel-Faktor? Nicht Streit. Nicht mangelnder Sex. Nicht einmal Geldprobleme. Sondern Contempt.
In diesem Artikel zeige ich dir, wie du Contempt in deiner eigenen Beziehung erkennst — auch die subtilen Formen, die sich als „Humor"" oder „ehrliche Meinung"" tarnen. Ich erkläre dir, warum Verachtung nicht nur eure Liebe, sondern buchstäblich eure Körper angreift. Und ich gebe dir den konkreten Gottman-Antidot plus sieben Formulierungen, die ihr ab heute einsetzen könnt. Schnall dich an — das wird ehrlich.
Was ist Contempt? Die Definition nach Gottman
Contempt ist die Haltung, sich moralisch, intellektuell oder charakterlich über den Partner zu stellen. Es ist der Moment, in dem du aufhörst, deinen Partner als gleichwertigen Menschen zu sehen, und anfängst, auf ihn herunterzublicken.
John Gottman hat Contempt 1999 in seinem Standardwerk „The Seven Principles for Making Marriage Work"" als den gefährlichsten der sogenannten Four Horsemen of the Apocalypse bezeichnet — der vier Reiter der Apokalypse in Beziehungen. Die anderen drei sind Kritik, Rechtfertigung und Mauern. Alle vier sind toxisch. Aber Contempt steht allein auf Platz eins.
Julie Gottman, Johns Ehefrau und Mit-Begründerin des Gottman Institute, formuliert es so: „Contempt says, I am better than you. You are beneath me."" Auf Deutsch: „Verachtung sagt: Ich bin besser als du. Du bist unter mir."" Das ist der Kern. Es geht nicht um ein einzelnes Verhalten, das dir nicht passt. Es geht um die Überzeugung, dass der Mensch neben dir grundsätzlich weniger wert ist.
Und genau darum ist Contempt so zerstörerisch: Kritik ist eine Beschwerde über ein Verhalten. Contempt ist eine Beschwerde über die Existenz deines Partners. Wenn du denkst „Wie kann ein erwachsener Mensch das nicht hinbekommen"", wenn du innerlich die Augen rollst, wenn du Sätze sagst wie „Typisch wieder"", „Hättest du mal nachgedacht"", „Wenn du nicht immer so faul wärst"" — dann bist du bereits mittendrin.
Wichtig zu verstehen: Contempt ist kein Charakterfehler. Sie entsteht nicht, weil einer von euch ein schlechter Mensch ist. Sie entsteht, weil unausgesprochene Beschwerden sich über Monate und Jahre anhäufen, bis sie sich in moralische Überlegenheit verwandeln. Der Speicher ist voll — und dann läuft er über, und zwar nicht mehr als konkrete Klage, sondern als Abwertung des Ganzen.
Warum Contempt der #1 Scheidungs-Prädiktor ist
John Gottman hat in seinen Love-Lab-Studien über 3.000 Paare beobachtet — einige über 20 Jahre hinweg. Er filmte 15-minütige Konfliktgespräche, wertete jedes Mikro-Signal aus (Mimik, Tonfall, Herzrate, Hautleitwert) und konnte mit einer Trefferquote von bis zu 93 Prozent vorhersagen, welche Paare sich innerhalb der nächsten sechs Jahre trennen würden.
Was er herausfand, hat die Paarforschung revolutioniert: Nicht die Häufigkeit von Streit ist entscheidend. Nicht die Lautstärke. Nicht einmal die Themen. Entscheidend ist die Qualität der Interaktion — und ob die Four Horsemen präsent sind.
Unter den vier Reitern ist Contempt der einzelne stärkste Prädiktor. Paare, bei denen in diesen 15 Minuten Contempt auftrat, hatten nicht nur eine höhere Trennungswahrscheinlichkeit. Sie wurden auch statistisch häufiger krank — dazu gleich mehr.
Warum ist Contempt so tödlich für Beziehungen? Drei Gründe:
Erstens, Contempt zerstört das Fundament gegenseitigen Respekts. Und Respekt ist der Grundbaustein jeder Liebe. Du kannst deinen Partner attraktiv finden, mit ihm lachen, Sex haben, gemeinsame Ziele verfolgen — wenn du ihn nicht respektierst, bricht alles andere zusammen. Contempt bedeutet: „Ich respektiere dich nicht."" Das ist das Ende der Partnerschaft, auch wenn ihr noch zusammen wohnt.
Zweitens, Contempt lässt sich vom Empfänger kaum aushalten. Kritik tut weh, aber du kannst dich verteidigen. Mauern fühlt sich einsam an, aber du kannst es durchbrechen. Contempt ist anders: Sie trifft nicht dein Verhalten, sondern dein Sein. Und gegen „du bist"" kannst du dich nicht verteidigen, ohne selbst in den Modus zu kippen. Empfänger von Contempt entwickeln über Zeit chronischen Rückzug, depressive Symptome oder selbst Gegen-Contempt.
Drittens, Contempt kaskadiert. Wenn einer anfängt, steigt der andere ein. Dann zeigen beide Contempt. Und sobald beide dort angekommen sind, gibt es fast keinen Weg zurück — außer mit externer Hilfe.
Gottman sagt: „Wenn ich in den ersten drei Minuten eines Gesprächs Contempt sehe, weiß ich schon, wohin das Paar geht."" Das ist keine Esoterik — das sind vier Jahrzehnte Daten.
Die 9 Erscheinungsformen von Contempt — erkenne sie
Contempt ist nicht immer laut. Oft ist sie leise, subtil, als „Witz"" getarnt. Hier sind die neun häufigsten Erscheinungsformen, die ich in Coachings und in der Gottman-Literatur immer wieder sehe. Lies sie ehrlich — und frag dich, wie viele davon du in den letzten 30 Tagen gezeigt oder empfangen hast.
1. Sarkasmus. Der Klassiker. „Ach, wirklich, du hast den Müll rausgebracht? Soll ich einen Orden holen?"" Sarkasmus ist Contempt, die sich als Humor tarnt. Sie verletzt mit Plausibler Deniability — du kannst immer sagen „Ich hab’s doch nur als Witz gemeint"".
2. Augenrollen. Das nonverbale Äquivalent zu „du bist so dumm"". Augenrollen ist in Paartherapie-Videos ein Warnsignal, das Therapeuten sofort aufhorchen lässt. Es passiert unwillkürlich und verrät die wahre Haltung, egal was du sagst.
3. Spott und Hohn. Das direkte Lachen über den Partner — nicht mit ihm, sondern über ihn. „Haha, schau mal, wie er das jetzt wieder macht."" Spott stellt den Partner als lächerliche Figur dar.
4. Name-calling. Beleidigungen wie „Idiot"", „Looser"", „faul"", „dumm"", „hysterisch"". Gottman zählt auch scheinbar harmlose Labels wie „typisch Männer"" oder „typisch Frauen"" dazu, wenn sie abwertend eingesetzt werden.
5. Verhöhnung. Die Nachahmung mit verzerrter Stimme. „Oooh, ich bin so gestresst, bitte hilf mir."" Dein Partner imitiert dich, um dich lächerlich zu machen. Eine der giftigsten Formen, weil sie gleichzeitig mimetisch und entwertend ist.
6. Moral-Superiorität. Der Ton, mit dem du sagst „Das würde ich nie tun"" oder „Normale Menschen machen das anders"". Du stellst dich implizit als ethisch überlegen dar. Dein Partner ist dann nicht nur im Unrecht, sondern moralisch minderwertig.
7. Mocking (Nachäffen). Ähnlich wie Verhöhnung, aber oft ohne Worte. Du machst die Gesten oder Mimik deines Partners übertrieben nach, um zu zeigen, wie albern er aussieht. Besonders giftig vor Kindern oder Dritten.
8. Hostile Humor. Witze auf Kosten des Partners — vor allem vor anderen. „Wisst ihr, was mein Mann letzte Woche wieder gemacht hat? Haha, wartet ab."" Du lieferst ihn der Gruppe als Punchline aus. Julie Gottman nennt das „humor as a weapon"".
9. Korrigieren vor anderen. Du unterbrichst oder berichtigst deinen Partner im Beisein von Freunden, Familie, Kollegen. „Nein, das war nicht Montag, das war Dienstag. Du erinnerst dich ja nie richtig."" Die Botschaft: Ich bin der kompetente, du bist der unzuverlässige Partner.
Wenn du drei oder mehr dieser Muster regelmäßig in deiner Beziehung siehst — entweder bei dir oder bei deinem Partner — seid ihr nicht mehr in normaler Konfliktzone. Ihr seid in Contempt-Territorium. Und das ist der Moment, professionelle Hilfe zu holen.
Wie Contempt im Gehirn und Körper wirkt
Das Schockierende an Gottmans Forschung ist nicht nur, dass Contempt Scheidungen vorhersagt. Sondern dass sie Krankheiten vorhersagt.
In einer Langzeitstudie fand das Gottman-Team heraus: Menschen, die in Beziehungen mit hohem Contempt-Anteil leben, erkranken statistisch signifikant häufiger. Häufiger Erkältungen, häufiger Infekte, häufiger chronische Entzündungen. Der Grund: Contempt löst eine messbare Stress-Antwort im Körper aus. Cortisol steigt, Herzfrequenz steigt, Hautleitwert steigt. Das Immunsystem wird heruntergeregelt.
Eine Studie aus 2013 (Graham-Bermann et al.) zeigte: Partner in Beziehungen mit chronischer Verachtung hatten erhöhte Werte für proinflammatorische Zytokine — also Entzündungsmarker im Blut, die mit Herzkrankheiten, Diabetes und Autoimmunerkrankungen in Verbindung stehen.
Auf neurologischer Ebene passiert Folgendes: Contempt aktiviert im Empfänger die Amygdala — das Bedrohungszentrum. Das Gehirn interpretiert Verachtung als sozialen Ausschluss, und soziale Ausgrenzung wird im Gehirn ähnlich wie physischer Schmerz verarbeitet (Eisenberger-Studien, 2003). Über Monate und Jahre führt das zu einer dauerhaft erhöhten Stress-Baseline.
Bei der sendenden Person sieht es nicht viel besser aus. Contempt erfordert konstante negative Rumination — du musst deinen Partner innerlich immer wieder abwerten. Das verbraucht mentale Energie, erhöht eigene Stresshormone und führt zu dem, was Psychologen „Toxic Rumination"" nennen.
Die brutale Wahrheit: Wenn ihr in einer Contempt-Dynamik lebt, macht euch eure Beziehung körperlich krank. Beide. Das ist kein Drama — das sind Blutwerte.
Und genau darum nenne ich Contempt in meinen Coachings so früh wie möglich beim Namen. Nicht um zu beschuldigen, sondern weil das Paar verstehen muss: Es geht nicht nur um eure Liebe. Es geht um eure Gesundheit.
Woher Contempt kommt: Der Speicher unausgesprochener Beschwerden
Contempt fällt nicht vom Himmel. Niemand wacht morgens auf und denkt „Heute werde ich meinen Partner mal richtig verachten"". Contempt entsteht durch einen Prozess, den John Gottman den „Speicher unausgesprochener Beschwerden"" nennt.
So läuft es typischerweise ab:
Phase 1 — Beschwerde. Dein Partner tut etwas, das dich stört. Zum Beispiel räumt er die Spülmaschine nicht aus. Du sagst nichts, weil du keine Lust auf Streit hast. Oder du sagst es, aber in einer Form, die nicht ankommt.
Phase 2 — Sammeln. Das Gleiche passiert noch mal. Und noch mal. Du sagst immer noch nichts — oder immer in der gleichen unwirksamen Form. In deinem Inneren fängt sich ein Ordner an zu füllen: „Er räumt nie die Spülmaschine aus.""
Phase 3 — Verallgemeinerung. Aus „er räumt nie die Spülmaschine aus"" wird „er macht nie was im Haushalt"". Aus „er macht nie was im Haushalt"" wird „er ist einfach faul"". Aus „er ist faul"" wird „er ist ein fauler Mensch"". Du hast die Beschwerde über ein Verhalten in eine Charakterisierung der Person umgewandelt.
Phase 4 — Moral-Superiorität. Jetzt denkst du: „Ich mache hier alles. Ich bin die Verantwortungsvolle. Er ist der Unfähige."" Du hast dich implizit über deinen Partner gestellt.
Phase 5 — Contempt. Ab hier sickert die Verachtung in deine Kommunikation. Du rollst die Augen, wenn er etwas sagt. Du machst Witze auf seine Kosten. Du korrigierst ihn vor Freunden. Du sagst „Typisch wieder"".
Phase 6 — Eskalation. Er spürt die Verachtung, reagiert mit Gegen-Contempt oder Rückzug. Jetzt sind beide drin. Und der Speicher ist von beiden Seiten voll.
Der wichtige Punkt: Contempt ist fast immer ein Symptom nicht-gelöster Konflikte. Sie zeigt, dass es ungesagte Beschwerden gibt, die sich über Monate oder Jahre angestaut haben. Die Lösung ist darum nicht „hör auf, Contempt zu zeigen"". Die Lösung ist „leert den Speicher — ehrlich, konkret, respektvoll"".
In meinen Paar-Coachings mache ich das oft als Übung: Jeder Partner schreibt 20 Minuten lang auf, was ihn am anderen seit Monaten stört. Ehrlich, ungefiltert, nicht zum Zeigen. Dann nehmen wir die Liste und formulieren jede Beschwerde um — von „du machst nie X"" zu „ich brauche Y, weil ich mich sonst Z fühle"". Das ist der Anfang.
Der Gottman-Antidot: Culture of Appreciation und die 5:1-Ratio
John Gottman hat nicht nur beschrieben, was Beziehungen kaputtmacht. Er hat auch erforscht, was sie rettet. Und sein Antidot gegen Contempt heißt: Culture of Appreciation. Eine Kultur der Wertschätzung.
Die Grundidee ist einfach, aber tief: Wenn Contempt auf einem Speicher unausgesprochener Beschwerden wächst, dann wächst ihr Gegenteil auf einem Speicher ausgesprochener Wertschätzung. Du musst aktiv und sichtbar sammeln, was an deinem Partner gut ist. Und du musst es aussprechen.
Die konkrete Metrik dafür ist die 5:1-Ratio. Gottman hat in seinen Love-Lab-Daten ein extrem stabiles Muster gefunden: Paare, die ihre Beziehung langfristig halten, zeigen in Konfliktsituationen ein Verhältnis von mindestens 5 positiven zu 1 negativen Interaktion. In entspannten Alltagssituationen liegt das Verhältnis bei stabilen Paaren sogar bei 20:1.
Positive Interaktionen sind nicht nur Komplimente. Es zählen: Lächeln, Augenkontakt, eine kurze Berührung im Vorbeigehen, ein Dankeschön, ein „Das war gut, was du heute gesagt hast"", ein geteilter Blick bei einem Witz, eine Umarmung, ein Wie-war-dein-Tag mit echtem Interesse.
Negative Interaktionen sind: jede Form von Kritik, Rechtfertigung, Mauern, Contempt, aber auch Ignorieren, Seufzen, genervter Tonfall.
Wenn eure Ratio unter 5:1 fällt, seid ihr statistisch auf dem Weg zur Trennung. Wenn sie unter 1:1 fällt — also ihr mehr negative als positive Interaktionen habt — redet Gottman von „Separation Distress"", und die Scheidungswahrscheinlichkeit liegt jenseits der 80 Prozent.
Wie baut ihr aktiv eine Culture of Appreciation auf? Drei konkrete Praktiken:
Erstens, das tägliche Stress-Reducing-Gespräch. Jeder Partner bekommt 10 Minuten, um über den Tag zu reden. Der andere hört zu — nicht löst, nicht kommentiert, nicht gibt Ratschläge. Nur zuhört, bestätigt, Empathie zeigt. Das baut emotionale Bank-Einzahlungen auf.
Zweitens, das wöchentliche Appreciation-Ritual. Einmal pro Woche, fester Termin: Jeder Partner sagt dem anderen drei Dinge, die er diese Woche an ihm geschätzt hat. Konkret. Nicht „du bist toll"", sondern „du hast Dienstag die Spülmaschine ausgeräumt, bevor ich es merkte — das hat mir viel bedeutet"".
Drittens, die bewusste Mikro-Wertschätzung. Jeden Tag mindestens dreimal aktiv etwas Positives aussprechen oder zeigen. Eine kurze SMS. Ein Kuss an der Tür. Ein „Das war gut, wie du das heute gelöst hast"". Diese Mikro-Interaktionen sind die Währung der 5:1-Ratio.
Der Trick ist: Wertschätzung muss spezifisch sein. „Du bist toll"" zählt kaum. „Ich finde es beeindruckend, wie du gestern mit deiner Mutter umgegangen bist, obwohl sie so anstrengend war"" — das zählt. Spezifische Wertschätzung zeigt, dass du genau hinsiehst.
7 konkrete Formulierungen gegen Contempt
Theorie ist schön. Aber was sagst du konkret, wenn du merkst, dass Contempt in eurer Beziehung aufgetaucht ist? Hier sind sieben Formulierungen, die ich meinen Coaching-Paaren an die Hand gebe. Lerne sie auswendig. Wirklich.
1. Statt „Typisch wieder, du machst nie X"": „Ich merke, dass mich X seit einer Weile belastet. Kann ich dir erklären, warum?""
Der Unterschied: Du startest mit deiner Wahrnehmung, nicht mit einer Charakterisierung. Du lädst ein statt anzuklagen.
2. Statt Augenrollen oder Seufzen: „Gib mir 5 Minuten, ich bin gerade getriggert und will nichts Giftiges sagen.""
Augenrollen ist eine unwillkürliche Contempt-Reaktion. Wenn du sie bei dir spürst, benenne sie und hol dir einen Break.
3. Statt Sarkasmus („Ach, wirklich?""): „Ich glaube, wir reden gerade aneinander vorbei. Kannst du mir nochmal zeigen, was du meinst?""
Sarkasmus deeskaliert scheinbar, eskaliert aber real. Nachfragen deeskaliert wirklich.
4. Statt „Das ist ja typisch"" (Verallgemeinerung): „In dieser konkreten Situation jetzt — was brauchst du von mir?""
Verallgemeinerungen sind der Einstieg in Contempt. Zurück zum konkreten Moment holt dich raus.
5. Wenn dein Partner Contempt zeigt: „Das hat mich gerade verletzt. Kannst du das nochmal anders sagen?""
Du benennst die Wirkung, ohne Gegen-Contempt. Du gibst ihm die Chance, es zu korrigieren.
6. Am Morgen (Mikro-Wertschätzung): „Eine Sache, die ich an dir gerade besonders mag, ist ___."" — jeden Tag eine konkrete Sache.
Klingt kitschig, funktioniert aber. Gottman-Forschung bestätigt: Paare, die diese Übung 6 Wochen lang machen, berichten messbar höhere Beziehungszufriedenheit.
7. Nach einem Streit: „Ich habe da vorhin Sachen gesagt, die ich nicht so meine. Es tut mir leid. Was ich eigentlich sagen wollte, war ___.""
Das ist ein Repair Attempt — und Gottman sagt: Die Fähigkeit, Repair Attempts zu machen und anzunehmen, ist der Haupt-Unterschied zwischen Paaren, die es schaffen, und denen, die scheitern.
Wenn es zu spät ist: Wann ihr therapeutische Paarhilfe braucht
Ich bin Coach, kein Therapeut. Und ich bin ehrlich genug zu sagen: Manche Contempt-Dynamiken sind zu tief verankert für Selbsthilfe-Artikel und Wochenend-Workshops. Hier sind die Zeichen, bei denen ihr dringend professionelle Paartherapie braucht — und zwar jetzt, nicht in sechs Monaten.
Zeichen 1: Ihr könnt keine 15 Minuten mehr neutral miteinander reden. Jedes Gespräch kippt binnen Minuten in Contempt, Rückzug oder offene Eskalation. Wenn die basale Gesprächsfähigkeit verloren ist, braucht es einen Dritten im Raum.
Zeichen 2: Einer oder beide fantasieren regelmäßig über Trennung. Nicht als einmaliger Gedanke in einer schlechten Nacht, sondern als wiederkehrende Planung: „Wenn wir getrennt wären, würde ich X."" Das ist eine ernste Warnung.
Zeichen 3: Sex und Zärtlichkeit sind seit Monaten weg. Nicht Reduktion, sondern Abschaltung. Contempt tötet körperliche Intimität zuverlässig. Wenn ihr seit sechs Monaten oder länger keine echte körperliche Nähe mehr hattet, ist das kein Phasen-Problem.
Zeichen 4: Kinder oder nahe Freunde sprechen euch an. Wenn Außenstehende eure Dynamik bemerken und vorsichtig ansprechen, seid ihr weiter drin als ihr denkt. Menschen sagen lange nichts. Wenn sie es sagen, ist es offensichtlich.
Zeichen 5: Einer zeigt Depressions- oder Angst-Symptome. Chronische Contempt ist ein messbarer Risikofaktor für Depressionen und Angststörungen. Wenn einer von euch schlecht schläft, antriebslos ist, Panik-Symptome entwickelt — das ist nicht „nur Stress"". Das kann die Beziehung sein.
Wenn ihr euch in drei oder mehr dieser Punkte wiederfindet: Sucht euch einen Gottman-zertifizierten Paartherapeuten oder einen EFT-Therapeuten (Emotionally Focused Therapy, Sue Johnson). Beide Ansätze haben die beste Evidenz für chronisch verletzte Paare.
Ein realistischer Zeitrahmen: Paartherapie bei etablierter Contempt braucht 6–18 Monate, wöchentlich. Wer schneller fertig werden will, wird es nicht schaffen. Wer sich auf den Prozess einlässt, hat laut Gottman-Daten eine Erfolgsquote von 50–70 Prozent — selbst bei bereits ausgeprägter Contempt-Dynamik.
Und ein letzter Punkt: Therapie ersetzt nicht eure tägliche Arbeit. Was ihr in der Sitzung lernt, müsst ihr zu Hause 168 Stunden pro Woche anwenden. Therapie ist der Katalysator, nicht der Fix.
Fazit: Respekt ist kein Gefühl, sondern eine tägliche Entscheidung
Wenn du diesen Artikel bis hier gelesen hast, ist das keine Kleinigkeit. Du hast dich mit einer der härtesten Wahrheiten über Beziehungen auseinandergesetzt: dass das, was Liebe zerstört, oft nicht großer Verrat ist, sondern kleine, tägliche Abwertung.
Der wichtigste Satz, den ich aus 15 Jahren Paar-Coaching mitgebe: Respekt ist kein Gefühl, sondern eine tägliche Entscheidung. Liebe ist ein Gefühl. Das kommt und geht. Aber Respekt ist etwas, das du jeden Tag durch dein Verhalten lebst — oder eben nicht.
Contempt entsteht, wenn ihr aufhört, euch aktiv für Respekt zu entscheiden. Wenn ihr den Speicher unausgesprochener Beschwerden wachsen lasst, bis er überläuft. Wenn ihr vergisst, wertzuschätzen, was funktioniert, weil das Nicht-Funktionierende so laut ist.
Der Gottman-Antidot ist keine Raketenwissenschaft: Leert den Speicher regelmäßig. Baut aktiv eine Culture of Appreciation auf. Haltet die 5:1-Ratio. Benennt Contempt-Muster bei euch selbst, bevor sie zum Charakter werden. Holt euch Hilfe, bevor es zu spät ist.
Du kannst heute Abend damit anfangen. Sag deinem Partner drei spezifische Dinge, die du an ihm in dieser Woche geschätzt hast. Nicht weil es süß ist. Sondern weil es Medizin ist.
Wenn du merkst, dass das schon schwerfällt — weil dir nichts einfällt oder weil dir die Worte sauer im Hals stehen — dann weißt du, wo ihr steht. Und dann weißt du, was zu tun ist.
Markus.
Wenn du tiefer in die Gottman-Methode einsteigen willst, empfehle ich das Buch „The Seven Principles for Making Marriage Work"" von John Gottman. Für die deutschsprachige Paartherapeuten-Suche: Gottman Institute Referral Network oder die EFT-Therapeutenliste der ICEEFT.




